Graphische Sammlung der ETH

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Wendepunkte. Von Nolde bis Oppenheim

Feb 7, 2018 bis Apr 8, 2018

tn Die Schweizerische Graphische Gesellschaft (SGG) steht zwischen Konstanz und Wandel. Seit hundert Jahren beauftragt sie ausgewählte zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler mit einer Graphik, die in einer Auflage von 125 gedruckt und allen Mitgliedern der SGG zugestellt wird. Und seit hundert Jahren fördert sie nicht nur traditionelle und neuartige Druckgraphik, sondern hinterfragt und diskutiert ihre Entscheidungskriterien. Im Fokus der Jubiläumsausstellung stehen daher für einmal die Wendepunkte in der Geschichte der SGG. Werke, mit denen Neuland betreten wurde und die durchaus zu Kontroversen führten.

Die Schweizerische Graphische Gesellschaft (SGG) feiert ihr 100-jähriges Bestehen. Seit 1908 beauftragt sie jedes Jahr mehrere Kunstschaffende, eine Graphik zu gestalten. Auf diese Weise fördert sie das druckgraphische Schaffen aktiv und ermöglicht es aufstrebenden oder auch etablierten Künstlerinnen und Künstlern, sich mit dem Medium auseinander zu setzen. In 100 Jahren sind über 250 Werke entstanden, die jedes der 125 Mitglieder zu einem bescheidenen Jahresbeitrag erhält.

Die Graphische Sammlung ETH Zürich nimmt das Jubiläum zum Anlass, der SGG eine Ausstellung zu widmen. Sie blickt zurück auf eine jahrzehntelange Förderung von Druckgraphik und stellt die Entscheidungskriterien der SGG ins Zentrum. Wann wurde besonders intensiv über sie diskutiert? Und wie haben sich die Auswahlkriterien verändert? In sechs Kapiteln werden die auffälligsten Wendepunkte in der Ausstellung gezeigt.

Zu diesen gehört beispielsweise die Öffnung nach aussen, die mit Emil Nolde (1867 – 1956) anschaulich gemacht wird. Er erhielt 1937 als erster ausländischer Künstler ohne ausgeprägten Bezug zur Schweiz den Auftrag, obwohl im Vorfeld Stimmen laut geworden waren, dass die SGG aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Lage besser Schweizer Künstlerinnen und Künstler unterstützen sollte. Ein Mehr sprach sich aber dennoch für die Vergabe des Auftrages an Nolde aus.

1957 passte die Generalversammlung schliesslich ihre Statuten an und heute ergänzen internationalen Positionen ganz selbstverständlich die Jahresgaben. Dank dieser Entscheidung, konnte die Edition mit Künstlern wie Claes Oldenburg (*1929), Peter Doig (*1959) und Alex Katz (*1927) bereichert werden. Solche Werke sind in der Ausstellung um den jeweiligen Wendepunkt gruppiert und stellen diesen in einen weiteren Kontext. 100 Jahre Kunstförderung bedeutet auch 100 Jahre Vielfalt: In Ergänzung zu den einzelnen Wendepunkten wird für jedes zweite Jahr exemplarisch ein Werk ausgestellt. Damit werden Tendenzen, Ziele und Veränderungen im Verlauf des letzten Jahrhunderts ersichtlich.

Die Graphische Sammlung ETH Zürich ist eng mit der SGG verbunden. Ihr ehemaliger Leiter, Paul Tanner, übernahm lange das Präsidium. Zudem bewahrt die Graphische Sammlung bis heute das Archiv – einschliesslich der Druckplatten. Auch sie sind exemplarisch in der Ausstellung zu sehen und stellen einen weiteren Wendepunkt dar. Nach einem Beschluss der Generalversammlung von 1920 sollten eigentlich alle Platten zerstört werden. Der damalige Präsident, Paul Ganz, brachte es jedoch nicht übers Herz, diesem Beschluss Folge zu leisten. Sein Instinkt hat sich als richtig erwiesen: Dank ihm konnte Ian Anüll (*1948) für die Jahresgabe von 1995 die Druckplatte von Paul Klee (1879 – 1940) nochmals benutzen und daraus ein eigenständiges Werk kreieren.

Beim Rückblick wird klar: Die SGG hat im Verlauf des letzten Jahrhunderts ihr Ziel, die "Förderung zeitgenössischer, vornehmlich schweizerischer Originalgraphik", beharrlich verfolgt. Kunstschaffende, die sich bereits mit Druckgraphik auseinandersetzen, werden unterstützt. Aber es werden auch bewusst Künstlerinnen und Künstler, die in anderen Medien arbeiten, an die verschiedenen Möglichkeiten und Techniken herangeführt. Mit ihrem Engagement hat die SGG nicht nur einzelnen Personen ein Experimentierfeld geöffnet, sondern auch die Geschichte der Schweizer Künstlergraphik mitgeschrieben.

Eine Förderung ist nach wie vor aktuell. In einer Zeit, in der die Möglichkeiten vom 3D-Drucker zu Biotechnologie reichen, ist es besonders wichtig, das Potential von Graphik für die zeitgenössische Kunst im Bewusstsein zu halten. Nicht zuletzt, da Themen wie Reproduzierbarkeit und Verbreitung im Zeitalter des Copy-and-paste kontinuierlich an Bedeutung gewinnen. Das Resultat des Bestrebens der SGG - die Jahresgaben - ist durch die zentralen künstlerischen Positionen sowie ihre limitierte Auflage für Institutionen und Sammler attraktiv. Die Edition ist deswegen auch in vielen wichtigen Sammlungen der Schweiz vertreten. Da die Graphische Sammlung ETH Zürich seit der ersten Jahresgabe Mitglied ist, hat sie die Möglichkeit die Entwicklungen und Bandbreite der dank der SGG verwirklichten Ideen aufzuzeigen – von Ernst Ludwig Kirchner (1880 - 1938) über Roman Signer (*1938) bis zu Rosemarie Trockel (*1952).


Wendepunkte. Von Nolde bis Oppenheim
100 Jahre Schweizerische Graphische Gesellschaft
7. Februar bis 8. April 2018

Alice Bailly: Dancing, 1923. Holzschnitt; Graphische Sammlung ETH Zürich
Rosemarie Trockel: Phantasia, 1997. Vergrösserter Hochglanzphotoabzug von einer gerasterten Photographie; Graphische Sammlung ETH Zürich / © Rosemarie Trockel / 2017 ProLitteris, Zurich
Claes Oldenburg: The Knife in Brüglingen Park, 1991/1992. Farbiger Holz- und Metallschnitt; Graphische Sammlung ETH Zürich / © Claes Oldenburg Die Graphische
Giovanni Giacometti: Frühling in den Engadiner Bergen. – Blick ins Fornotal bei Maloja, 1931. Lithographie; Graphische Sammlung ETH Zürich
Urs Fischer: Alle Tassen Schrank, Blatt aus «Thinking about Akbar», 2005. Inkjet-Druck; Graphische Sammlung ETH Zürich / © Urs Fischer
Emil Nolde: Doppelbildnis, 1937. Holzschnitt; Graphische Sammlung ETH Zürich / © Nolde Stiftung Seebüll