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Chapeau! Eine Sozialgeschichte des bedeckten Kopfes

Jun 9, 2016 bis Okt 30, 2016

tn Hüte bzw. Kopfbedeckungen bieten nicht einfach nur Schutz vor Wind und Wetter, sie sind auch Zeichen, Statements, Kommunikatoren. Man spricht über sie und – sie sprechen selbst: Sie plaudern von modischen Vorlieben, geben Auskunft über kulturelle und religiöse Zugehörigkeit, verraten politische Einstellungen und unterweisen in Sachen Rang und Stand. Denn – so könnte man frei formulieren – wie man sich "hütet", so ist man.

"Chapeau!" folgt diesem Gedanken und entwickelt eine Sozialgeschichte des bedeckten Kopfes vom Revolutionsjahr 1848 bis in die Gegenwart. In fünf thematischen Schwerpunkten werden gesellschaftliche Prozesse reflektiert und Wiener Geschichte erzählt – vom Kopf her: Hüte als Zeichen der Macht, als Ausdruck des Wohlstands und der gesellschaftlichen Stellung; Kappen als Bestandteile von Berufsuniformen, als modische Accessoires oder als Merkmale einer politischen Haltung; Hauben, Kippot und Kopftücher als persönliche "Markenzeichen" oder als Symbole religiöser und kultureller Identität. Sie alle erzählen Geschichten über ihre TrägerInnen und deren Verankerung in der Wiener Gesellschaft. Zentrales Anliegen der Ausstellung ist es, einen sozialwissenschaftlichen Blick auf Mode zu öffnen und Wiener Modegeschichte als Sozialgeschichte lesbar zu machen. Zu sehen sind rund 140 Objekte, darunter 100 Hüte und sonstige Kopfbedeckungen, ein Teil davon aus der Modesammlung des Wien Museums.

Kalabreser oder Zylinder? So lautete die entscheidende Frage 1848 und bringt das Wesentliche dieses Jahres verkürzt auf den Punkt: Revolution oder Reaktion. Die Studenten der Nationalgarde griffen bei der Wahl ihrer Kopfbedeckung auf den breitkrempigen Kalabreser, den Hut der italienischen Aufständischen des Risorgimento, zurück und vermittelten damit weithin sichtbar, wofür sie standen. Gegen Ende der Monarchie musste sich das in der Zwischenzeit erstarkte Bürgertum den drängenden Anliegen des Proletariats stellen, Zylinder trafen nun auf Arbeitermützen. Im Kampf der Sozialdemokraten für die Verbesserung der politischen und sozialen Stellung der ArbeiterInnen wurde der Zylinderträger markantes Symbol in der antikapitalistischen Propaganda und in bildlichen Darstellungen – zumeist dick und Zigarre rauchend – auf zahlreichen Plakaten und Karikaturen verewigt.

Mit der Frauenbewegung des frühen 20. Jahrhunderts sollten die zuvor im Hause "wohlbehüteten" Frauen des Bürgertums und die sozialistischen Arbeiterfrauen für eine gemeinsame Sache eintreten, die da hieß: politisches Wahlrecht und Gleichberechtigung. Diese Selbstermächtigung und der Vorstoß in die zuvor ausschließlich Männern vorbehaltenen Bereiche des öffentlichen Lebens ging auch mit der Forderung nach einer neuen Frauenkleidung einher: Raus aus dem Korsett und hinein in Kleider mit natürlicher Taille, die für Freiheit, Beweglichkeit und Mobilität standen. Die Aneignung typisch männlicher Kleidungsstücke wie Hose oder Anzug im Frauenalltag sollte noch länger dauern, in der Kunst- und Unterhaltungswelt aber finden sich in der Zwischenkriegszeit Frauen, die auch nach dem Männerhut griffen: Wer kennt sie nicht, die Bilder von Marlene Dietrich in weiter Hose oder Anzug mit Kappe oder Zylinder am Kopf. Wie in "Chapeau!" zu sehen, wurde ihr aufsehenerregender Stil auch in Wien kopiert.

In den monotheistischen Religionen Christentum, Islam und Judentum bestimmen im Wesentlichen Brauch und Tradition die Wahl der Kopfbedeckung der Männer, Vorschriften für das Ver- und Bedecken von Kopf und Haaren gelten hingegen für Frauen. Gemein ist ihr Ursprung in den gesellschaftlichen Konventionen der Antike: Nur Prostituierte durften sich dazumal ohne Kopfbedeckung auf der Straße blicken lassen. Abseits religiöser Normen kann das Tragen oder nicht-Tragen von Hut, Kippa oder Kopftuch aber auch Zeichen selbstbestimmter religiöser Identität sein, die damit bewusst nach außen sichtbar gemacht wird. In der heutigen "Kopftuchdebatte" treffen Fragen von Religion, Emanzipation und Integration aufeinander. Das traditionelle Kopftuch der Musliminnen steht mit an erster Stelle in den Auseinandersetzungen zum Thema Frauen und Migration. In der Ausstellung dazu zu sehen: Kopftücher, wie sie beim Eingang von russisch-orthodoxen Kirchen für Kirchgängerinnen in Körben bereitgestellt werden, aber auch Tücher aus dem Privatbesitz moderner Musliminnen.

Zylinder-, Melone- und Girardi-Träger flanieren über die Ringstraße, den Prachtboulevard des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Begleitet werden sie von Damen mit ausladenden Hutkreationen, durchkreuzt von den ersten Radfahrern Wiens und ihren Schirmkappen. Das Gemälde "Ringstraßencorso" von Carl Schuster aus der Sammlung des Wien Museums zeigt die "Hutgesellschaft" der Neureichen und Frischgeadelten, die sich hier zwischen Sirk-Ecke und Schwarzenbergplatz ihr Stelldichein gab. Auch zu Hause war die bürgerliche Dame meist nicht ohne Kopfbedeckung anzutreffen. Das feine Morgenhäubchen aus zartem Batist wurde zum Negligé getragen, der Mann von Welt trug die Hauskappe für Herren zur bequemen Hausjacke oder zum Hausmantel.

Die prächtigen Ausführungen der kunstvoll drapierten Damenhüte mit ihren aufgestickten Perlen, Samtbändern und Seidenblüten wurden in mühevoller Handarbeit in zahllosen Arbeitsstunden von den Arbeiterinnen der Hutmanufakturen hergestellt. Die Tatsache, dass sie für die Herstellerinnen selbst nie und nimmer leistbar waren, macht die aufwendigen Modestücke zum augenfälligsten Zeichen sozialer Distinktion.


Chapeau! Eine Sozialgeschichte des bedeckten Kopfes
9. Juni bis 30. Oktober 2016

Werbeplakat Mühlbauer, um 1950. © Mühlbauer Hutmanufaktur
Wiener Alltagsszene, um 1900. Foto: Emil Mayer; © Wien Museum
Karl Renner bei den Friedensverhandlungen von Saint-Germain, 1919. © Dr. Karl Renner Museum für Zeitgeschichte, Gloggnitz
Wanderhut mit Brillen, um 1880. © Wien Museum
Girardi, 1908/10. © Wien Museum
Mitra für Papst Benedikt, 2007. © Domkirche St. Stephan, Kirchenmeisteramt