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Aby Warburg. Mnemosyne Bilderatlas

Sep 1, 2016 bis Nov 13, 2016

tn Anlässlich des 150. Geburtstages von Aby Warburg (1866-1929) zeigt das ZKM | Karlsruhe eine vollständige Rekonstruktion seines Bilderatlas in Originalgröße. Erstmals werden alle Tafeln mit einem ausführlichen Kommentar versehen. Zwei der insgesamt 63 Tafeln können außerdem das erste Mal seit 1929 wieder exakt so ausgestellt werden, wie Warburg selbst sie vor Augen hatte: mit den Originalabbildungen aus dem Warburg-Institute in London.

Darüber hinaus werden 13 "Künstlertafeln" zu sehen sein, die von zeitgenössischen KünstlerInnen zu diesem Anlass erstellt wurden: Linda Fregni-Nagler, Andy Hope 1930, Sarah Lehnerer, Jochen Lempert, Jannis Marwitz, Paul McCarthy, Olaf Metzel, Matt Mullican, Albert Oehlen, Tal R, Elfie Semotan, Christian Vind und Peter Weibel. Diese Aktualisierung der Tafeln veranschaulicht, dass der Bilderatlas in künstlerischen Kreisen weitaus größere Resonanz und Anerkennung fand als in der kunsthistorischen Fachwelt. "Aby Warburg. Mnemosyne Bilderatlas" schließt an die Ausstellung "Atlas – How to Carry the World on One’s Back", kuratiert von Georges Didi-Huberman, an, die mit großem Erfolg 2010 im ZKM gezeigt wurde.

Der Mnemosyne-Bilderatlas, der zwischen 1924 und 1929 von Warburg zusammengestellt wurde und unvollendet blieb, ist benannt nach Mnemosyne, der griechischen Göttin der Erinnerung und Atlas, der als Ahnherr der Astronomen und Geografen gilt. Zugleich steht der Begriff "Atlas" für anschauliche Formen von Wissen: sei es die Zusammenstellung geographischer Pläne zu einem geschlossenen Kartenwerk, sei es eine Konstellation von Bildern, die auf ebenso systematische wie kritische Weise ganz unterschiedliche Hinweise und Gebiete verknüpft. Der Mnemosyne-Atlas hat mittlerweile den Status einer Legende mit Weltruhm und ist mindestens ebenso bekannt wie Warburgs Bibliothek, die seit 1933 in London beheimatet ist.

Obwohl der Atlas für die Bildwissenschaft – wie auch die Fachwelt inzwischen einräumt – von außerordentlicher Bedeutung ist, fand er in der Kunstgeschichte keine praktische Anwendung, weder Nachfolger noch Nachahmer. Tatsächlich ruht der Atlas immer noch weitgehend unerforscht im Archiv der Wissenschaften, wenn auch das Interesse an Warburgs Forschungen in den vergangenen Jahren spürbar zugenommen hat – wie die internationale Resonanz auf den Kongress zur Feier des 150. Geburtstags des Hamburger Kulturwissenschaftlers in London im Juni 2016 deutlich machte. Zum Teil muss die erstaunlich lange Wirkungslosigkeit des Atlas wohl dem unvollendeten Zustand zugeschrieben werden, in dem Warburg sein Spätwerk hinterließ, als er im Oktober 1929 einer Herzattacke erlag.

Er hatte in seinen letzten Lebensjahren alles daran gesetzt, seine umfassenden Kenntnisse der Bildgeschichte in diesem Projekt zu verdichten und in eine publizierbare Form zu bringen. Es war ein ungewöhnliches Unterfangen und die Erfindung eines Instruments, für das es keine wirklichen Vorläufer gab. Er selbst war auf seinem Weg schon sehr weit vorangekommen, doch nach seinem Tod "verschwanden" die "originalen" Tafeln in der Fotosammlung seiner Bibliothek. Schon die Verwalter seines wissenschaftlichen Erbes hatten bis 1937 vergeblich versucht, das Projekt zu einem Abschluss zu bringen und die Tafeln als Folioband zu publizieren. Es vergingen etliche Jahrzehnte, bis Warburgs Spätwerk wieder ins Bewusstsein der Forschung zurückkehrte.

Da Warburg den Atlas fotografisch dokumentieren ließ, konnte er vor gut 20 Jahren in "verkleinerter Form" publiziert werden. Danach blieb er weitgehend ungenutzt, denn die Aktivierung dieser Erinnerung fordert eine unabdingbare Voraussetzung: die Sichtbarkeit aller Details. Nur die Rekonstruktion im Originalformat von 170 x 140 cm ermöglicht, dass die Einzelbilder (pro Tafel um die 30 / insgesamt knapp 1000) so studiert werden können, dass die Konstellationen jeder Tafel lesbar werden. Die Rekonstruktion im Originalformat wurde von der Forschungsgruppe "Mnemosyne" im 8. Salon (Hamburg) auf der Grundlage der Daten von Daedalus (Wien) durchgeführt. Die Forschungsgruppe (Roberto Ohrt, Christian Rothmaler, Philipp Schwalb, Axel Heil u. a.) begann 2011, Tafel für Tafel im Originalformat zu erstellen, um die 63 Tafeln Schritt für Schritt en détail zu erforschen. Bis 2016 konnte ein Kommentar erstellt werden, der erstmals jede einzelne Tafel dekodiert.

Neben der Rekonstruktion dieser 63 Tafeln des Atlas im Originalformat zeigt die Ausstellung im ZKM erstmals seit 1929 auch zwei Tafeln (die Tafel 32 zum Thema "Karneval" und die Tafel 48 zur Fortuna) mit den Abbildungen, die Warburg selbst verwendet hat. Diese "Exponate" konnten in der "Photographic Collection" des Warburg Institutes in London lokalisiert werden. Bislang war die Forschung davon ausgegangen, dass die Originalbilder des Atlas verloren seien.


Aby Warburg. Mnemosyne Bilderatlas
1. September bis 13. November 2016

Faun, eine Schlange würgend. Schule Andrea Mantegna, um 1490–1550
Künstlertafel Olaf Metzel. Foto: 8. Salon
Aby Warburg, Tafel 37 des Mnemosyne Bilderatlas. Historische Aufnahme der Originaltafel; © Warburg Institute, London
Künstlertafel Andy Hope, 1930. Foto: 8. Salon