Kunstmuseum Luzern

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Gilles Rotzetter. Swiss Atom Love

Jun 10, 2017 bis Aug 20, 2017

tn Wussten Sie, dass die kleine, neutrale Schweiz einst eine Atommacht werden wollte? Und 1945 dafür nicht einmal schlecht aufgestellt war? Unter der Leitung des renommierten Physikers Paul Scherrer und seiner Nachfolger beschäftigte sich eine Kommission 1946–1988 mit der zivilen und der militärischen Nutzung der Kernenergie. Was wir in der Geschichte sehen und von ihr wahrnehmen, ist bedingt durch zahlreiche Filter, mediale, politische, zeitgeschichtliche, soziale, persönliche. Gilles Rotzetter interessiert sich für die blinden Flecken und die vergessenen Stauräume der Geschichte. So widmet sich sein neuster Werkzyklus und die Ausstellung "Swiss Atom Love" diesem Stück vergessener Schweizer Geschichte.

Gilles Rotzetter hat über zwei Jahre in verschiedenen Archiven geforscht. Seine künstlerische Recherche mäandert durch die Geschichte der Schweizer Atombombe, schweift ab, greift Personen und Fakten auf, springt assoziativ weiter und kommt immer wieder auf die Fragen zurück: Was ist Geschichte? Wie funktioniert Erinnerung? Korrespondenzen, Archiv-Dokumente, Zeitungsartikel, Lexikaeinträge, Fotografien – auf dem Weg Gesammeltes, ebenso wie aufkommende Fragen, fliessen in Rotzetters Bildwelt ein. Für Gilles Rotzetter wird Paul Scherrer aufgrund seiner biografischen Unfassbarkeit und seiner Tätigkeit für den amerikanischen Geheimdienst zur geisterhaften Figur.

Er malt das Bildnis des Physikers (Scherrer’s Night, 2016) mehr in die Farbmasse als mit Farbtönen, pastose Linien skizzieren ein dunkles Brustporträt im Profil. Der atomare Pilger (Atomic pilgrim, 2017) dagegen steigt in Rotzetters leuchtenden Farben den Berg hinauf. Die Figur wirkt, wie sie von der Last gebeugt Richtung Pass wandert, wie ein Schweizer Klischee. Der malerische Gestus ist kraftvoll und energiegeladen. Es sind die unschönen Seiten der Dinge, die Brüche, Konfusionen und Irrungen, die Gilles Rotzetter interessieren. Versehrungen und Ängste sind oft Ausgangspunkt seiner Bilder. Wie er diese in Bildgeschichten bannt, gleicht einer mythologischen Welterfassung. Der Künstler "mag Dinge, die es einem schwer machen, sie zu mögen", wie er erklärt. Seine Gemälde und Zeichnungen dürfen und sollen erschrecken, abstossen, anecken, schliesslich konfrontieren sie das Publikum mit einer ungeschönten Welt. Gilles Rotzetters Filter ist nicht rosa, er zeigt keine unbeschwerte Leichtigkeit, begegnet aber den Schrecken der Welt mit einer Prise Galgenhumor.

Gilles Rotzetter (*1978, Vevey) studierte 2001–2006 Kunstgeschichte und freie Kunst an der Kunsthochschule in Genf (heute HEAD) im Atelier von Peter Roesch. 2016 schloss er mit einem MA an der HSLU D&K ab. Einzelausstellungen im Espace Niki de St. Phalle/ Jean Tinguely in Fribourg (2013), Museum zu Allerheiligen, Schaffhausen (2012) und in der Kunsthalle Fri-Art, Fribourg (2008). Die Kommission Bildende Kunst Stadt Luzern hat Gilles Rotzetter mit Band 13 der Publikationsreihe Junge Kunst der Stadt Luzern ausgezeichnet. Während die Ausstellung auf den Werkkomplex zur Schweizer Atombombe fokussiert, bietet das Buch einen monografischen Überblick über Gilles Rotzetters überbordende Kunst.


Gilles Rotzetter. Swiss Atom Love
10. Juni bis 20. August 2017
Vernissage: Fr 9. Juni, 18.30 Uhr

Great fire falling off the sky, 2017. Mixed Media auf Papier, 50 × 70 cm
Good morning Herr Züblin, 2016 Öl auf Leinwand, 60 x 50 cm
Blinded, 2017. Öl auf Leinwand, 170 x 230 cm
Atomic pilgrim, 2017. Öl auf Leinwand, 45 x 50 cm