Kunsthalle Jesuitenkirche

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Bittersüße Zeiten

Mai 9, 2015 bis Sep 6, 2015

tn Daniel Koninck trifft auf Norbert Bisky, Jim Butler und Moritz Schleime begegnen Pieter Verelst. Jan Miense Molenaer lädt mit Daniel Richter zum Tanz, und Egbert van Heemskerck diskutiert mit Neo Rauch über das Thema "Arbeit". Wenn das flämische Barock aus dem 17. Jahrhundert mit zeitgenössischen Künstlern in einem Raum hängt, scheinen die Gegensätze nicht größer sein zu können …

Doch ein zweiter Blick offenbart, dass die Gemeinsamkeiten stärker sind als die Unterschiede. Sind es nicht damals wie heute dieselben Themen, die den Künstler beschäftigen? Das Bildnis des Menschen, die Liebe und die Erotik, das Leben, das sich in Arbeit und Vergnügen spaltet, und die Mahnung vor dem unausweichlichen Ende, das alle weltlichen Güter und Eitelkeiten mit einem Streich hinfällig macht?

In der Ausstellung "Bittersüße Zeiten. Barock und Gegenwart" in der Sammlung SØR Rusche Berlin/Oelde treten außergewöhnliche Werke miteinander in einen Dialog, deren Entstehungszeit ca. vierhundert Jahre auseinanderliegen und die sich auf wundersame Weise ergänzen. Mögen sich die Zeiten geändert haben, die essentiellen Phasen und Bedürfnisse des Mensch-Seins sind die gleichen geblieben: Wir werden geboren, wir leben, lieben und arbeiten – und sterben am Ende. Die Ausstellung zeigt die fundamentalen Unterschiede in der Kunst und der Perspektive beider Epochen auf das Leben, aber auch die Gemeinsamkeiten in Form und Motivwahl, die sich als geschichtsübergreifende Konstante der Kunst präsentieren.

In fast 30 Werken aus dem holländischen und flämischen Barock des 17. Jahrhunderts und einer umfangreichen Auswahl zeitgenössischer Werke von international bekannten Künstlern der Gegenwart verfolgt "Bittersüße Zeiten" die wichtigsten Stationen des menschlichen Lebensweges von der Kindheit bis zum Totenbett. Dabei begegnen dem Besucher die Meister der flämischen Feinmalerei, die in Italien wirkenden Bamboccianti, zumeist aus den Niederlanden stammende Maler, in Kombination mit den beeindruckenden Werken der holländischen Genremalerei, die mit ihrem liebevollen Blick für Details eine Bestandsaufnahme ihrer Zeit liefern.

Samuel von Hoogstraten, Frans Hals‘ jüngerer Bruder Dirck Hals, Pieter Codde, Joos van Craesbeck, Jacob Adriaensz. Backer, Hendrik Gerritsz. Pot, Adriaen van Ostade, David Teniers, d. J., und Cornelis Gysbrecht sind einige der Künstler, die vor allem in Haarlem, Den Haag, Amsterdam und Antwerpen die holländisch-flämische Kunst des 17. und 18. Jahrhunderts prägten. Idealisierte Darstellungen des täglichen Lebens, moralische Anleitungen für ein ehrbares Dasein und die Hervorhebung des gesellschaftlichen Status‘ durchziehen die Motive der überaus fein gearbeiteten Gemälde.

Die Meister des Barock stehen in der Ausstellung in einem spannenden Dialog mit international bekannten Künstlern und den größten Talenten der Gegenwart. Neben George Condo, Jim Butler, Tracey Emin, David Hockney und David Lynch sind es dabei Jonathan Meese, Neo Rauch, Daniel Richter und Oda Jaune, die internationalen Ruf genießen. Auch die in der Tradition der "Leipziger Schule" stehenden Künstler wie Tilo Baumgärtel, Kathrin Heichel und Irene Bisang gehören zu den Künstlern, die die Malerei derzeit prägen, ebenso wie Jonas Burgert, Alicia Kwade, Paule Hammer, Norbert Bisky, Martin Eder, Justine Otto, BEZA und viele andere.

Liegt auch fast ein halbes Jahrtausend zwischen den beiden Epochen, so ähneln sich Situation und Ansatz des Kunstschaffens auf frappierende Weise. So erlebte die Malerei in Holland und Flandern nach der Reformation und der Befreiung von der spanischen Besatzung einen immensen Aufschwung, der auch durch den zunehmenden Status der Niederlande als Welthandelsmacht Unterstützung erfuhr. Die Porträt-, Allegorie- und Genremalerei des so genannten "Goldenen Zeitalters" war für den barocken Zeitgenossen praktisch allgegenwärtig. Kunst wurde auf Märkten und in vielen Fachgeschäften angeboten, Gemälde wurden in Lotterien verlost oder als Gewinne für Wettbewerbe ausgeschrieben.

Zum ersten Mal begannen Sammler, Kunst als Wertanlage zu erwerben, auch fast jeder bürgerliche Haushalt dürfte über mehrere Gemälde verfügt haben. So wie heute Musik, Literatur oder andere Kulturgüter Teil einer weit verbreiteten Populärkultur sind, so kann man auch in der barocken Malerei der Niederlande von einer "Pop-Kultur" sprechen: Einer Kultur, die sich nicht an religiöse, monarchische oder akademische Eliten richtete, sondern die für den Bürger geschaffen und vom Bürger angenommen wurde. Allein für den Zeitraum von 1550 bis ca. 1800 sind bisher etwa eine Million in den Niederlanden tätige Künstler nachgewiesen.

Die Situation heute ist der damaligen nicht ganz unähnlich: Nie war der allgemeine Wohlstand der europäischen Gesellschaft so groß wie zu Beginn des 21. Jahrhunderts. In den heutigen "Goldenen Zeiten" bieten zahllose "Art Fairs" in vielen Städten regelmäßig Kunst zu erschwinglichen Preisen an, die auch vom "Normalbürger" bezahlbar sind. Kunst ist in der einen oder anderen Form ein selbstverständlicher Bestandteil unseres Lebens geworden und hat schon lange seinen Eingang in den öffentlichen Diskurs gefunden, statt nur einem kleinen Kreis von Fachleuten zugänglich zu sein. Wie die Niederländer es in emblematischer Form taten, reflektieren auch die zeitgenössischen Künstler heute die Ausprägungen und Strömungen, die das tägliche Leben beeinflussen. Ihre Kunst ist ein Kommentar über die Beschaffenheit der Gegenwart, der sich dem sozialen Leben und seinen Konflikten, den individuellen Erfahrungen des Menschen und dem Verhältnis zu seinen emotionalen Verstrickungen widmet.


Bittersüße Zeiten
Barock und Gegenwart
Werke aus der SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin
9. Mai bis 6. September 2015

Moritz Schleime: Deutschlandbild, 2010. Öl auf Leinwand, 50 x 50 cm; © Moritz Schleime
Jacob Adriaensz. Backer: Porträt einer Frau mit schwarzem Schleier, 1650/51. Öl auf Leinwand, 69 x 60 cm
Paule Hammer, 14.4.2013, 2013. Acryl und Tusche auf Papier, 34 x 24 cm; © Paule Hammer
Christoffel Lubieniecky: Bildnis einer Dame mit ihrem Sohn, um 1690. Öl auf Leinwand, 62,5 x 73,6 cm
Oda Jaune, o. T. (Maske), 2009. Wasserfarben auf Papier, 45 x 35 cm; © Oda Jaune
Pieter Verelst: Jüngling mit Federbarett, 1633. Öl auf Holz, 64 x 48,5 cm