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Aldo Tambellini. Black Matters

Mär 11, 2017 bis Aug 6, 2017

tn Mit "Black Matters" zeigt das ZKM | Karlsruhe erstmals eine umfassende Einzelausstellung des amerikanischen Künstlers Aldo Tambellini. Tambellini zählt zu den Pionieren der Intermedia Art der 1960er- und 1970er-Jahre. Nachdem einzelne Arbeiten von Tambellini zuletzt in Ausstellungen und Screenings am Centre Pompidou in Paris (2012), der Tate Modern in London (2012), dem MoMA in New York (2013) und der 56. Biennale di Venezia (2015) zu sehen waren, gibt das von Peter Weibel initiierte und von Pia Bolognesi und Giulio Bursi in Zusammenarbeit mit dem ZKM kuratierte Ausstellungsprojekt nun erstmals einen Gesamtüberblick über die multimediale Praxis des Künstlers.

"Black Matters" unternimmt dabei eine Reise durch die produktivste und energetisch aufgeladenste Periode von Aldo Tambellini und zeigt neben frühen Gemälden vor allem zwischen 1960 und 1980 entstandene Filme, Videos, Installationen, Lumagramme (handbemalte Dias) und Videogramme. Das ZKM | Labor für antiquierte Videosysteme hat insgesamt rund 120 – zum Teil bislang unveröffentlichte – Videos für die Retrospektive restauriert und digitalisiert. Der Künstler selbst hat intensiv an der Konzeption der Ausstellung mitgewirkt. In einer für die Ausstellung neu geschaffenen Multimedia-Installation manifestiert sich Tambellinis zentrales künstlerisches, politisches und philosophisches Unterfangen: Black Matters.

Im historischen Moment, in dem in den USA die Rassenkonflikte wieder zunehmen und daher 2013 die internationale Bewegung Black Lives Matter entstand, die gegen die Gewalt gegenüber Afro-Amerikanern protestiert, hat das Motto von Tambellinis Lebenswerk "Black Matters" – der Untersuchung der Bedeutung von Schwarz in allen Dimensionen, von Schwarzen Löchern bis zur Hautfarbe, an ungeheurer Aktualität gewonnen. Für Aldo Tambellini (geboren 1930 in Syracuse, NY, USA lebt und arbeitet in Cambridge, MA, USA) hat Schwarz immer eine große Rolle gespielt – "Black Mattered". Nach seinen frühen Experimenten mit Farbe in den späten 1950er-Jahren, begriff Tambellini Schwarz als eine künstlerische, philosophische und sozialpolitische Verpflichtung, was ihn intuitiv dazu führte, Werke ausschließlich unter dem Einsatz von Schwarz zu schaffen.

Beeinflusst vom Kampf für Rassengleichheit, dem Vietnamkrieg und der Ära der Weltraumforschung schuf Tambellini ein überzeugendes OEuvre, das heute als seltenes Beispiel für das fragile Gleichgewicht zwischen der Integration zeitgenössischer technologischer Stimuli und dem sozialen und politischen Umfeld gelten kann. Tambellini ist als Schlüsselfigur in der New Yorker Untergrundszene der 1960er-Jahre bekannt. Als Vordenker, Visionär, Agitator und Katalysator für Innovationen in der Sprache der Expanded Arts, vereinte er die transformationalen Eigenschaften des künstlerischen Ausdrucks, die aus dem Vermächtnis des Abstrakten Expressionismus stammen, mit den frühesten Erfahrungen der Multimediakünste.

Während er als Mitglied der neuen Gemeinschaft von Künstlern betriebenen Ateliers und der Bewegungen der Gegenkultur in New York aktiv an der kulturellen Produktion beteiligt war, vollendete er seine akademische Ausbildung mit dem Studium bei dem Bildhauer Ivan Meštrović an der Universität Notre Dame und zog 1959 an die Lower East Side in New York. Dort gründete er Group Center, eine facettenreiche Untergrundkunstbewegung, die DichterInnen, BildhauerInnen, MalerInnen, MusikerInnen und PerformerInnen im Zeichen der Philosophie, Kunst am Kunstbetrieb vorbei, direkt zum Publikum zu bringen, vereinte. Aus Group Center, das mehrere Multimedia-Ereignisse wie Black Zero (1965) realisierte, entstand Black Mask, die als Gruppe zwischen 1966 und 1967 existierte. Diese Gruppe hat mit ihren Protest-Performances vor dem MoMa (1966) und entlang der New Yorker Wall Street (Februar 1967) Strategien von "Occupy Wallstreet" (2011) vorweggenommen. Die verschiedenen Bewegungen, an denen Aldo Tambellini teilnahm, waren also nicht nur künstlerisch, sondern auch politisch avantgardistisch. Dieses kritische, subversive und revolutionäre New York der 1960er-Jahre gerade heute in Erinnerung zu rufen, zu einem Zeitpunkt, an dem sich die USA in einer restaurativen Phase befinden, ist Ziel dieser Ausstellung.

Von seinem Studio aus nahm Tambellini aktiv an der Politik zur Neubestimmung der schwarzen Identität teil, unterstützt durch eine engagierte Bürgerrechtsbewegung und beeinflusst durch den Umbra Writer’s Workshop, der ersten großen Organisation schwarzer Schriftsteller nach den 1960er-Jahren. Tambellini bezog Umbra-DichterInnen wie Ishmael Reed und Calvin Hernton in seine frühen Performances ein, bei denen er seine ersten Beispiele der "projizierten Gemälde" (Lumagramme; handbemalte Glasdias) zeigte und seine Electromedia Performances erfand, wie er sie später nannte. Angezogen von der energetischen Natur der Malerei, übertrug Tambellini akribisch einen Ausdruck von Energie durch Gesten und Schwärze zuerst auf Dias, später auf Filmkader und Video. Im Laufe der 1960er-Jahre schuf er das Black Project, aus dem die Black Film Series (16 mm-Filme), die Black Performances (Electromedia Performances) und schließlich die Black Video Series (1966–1968) hervorgingen, bei denen er mit Videotechnologien zu experimentieren begann.

1967 gründete er mit seinem Freund und Kollegen Otto Piene das Black Gate Theater, einen Raum, in dem KünstlerInnen neue experimentelle Projekte zum Leben erweckten. Im Jahr darauf entwickelten sie die erste von KünstlerInnen für das nationale Fernsehen gestaltete Sendung im WDR: Black Gate Cologne. 1969 präsentierte er gemeinsam mit anderen KünstlerInnen BLACK in der Gemeinschaftsarbeit The Medium Is the Medium im WGBH, einem Fernsehsender in Boston. Als Protagonist wichtiger Videokunstausstellungen wie TV as a Creative Medium, Light as Art, E.A.T., der documenta 6 und Some More Beginnings, hat Tambellini eine Arbeitsweise entwickelt, die das Experimentieren mit Formen und den politischen Aktivismus durch seine Praxis und seine Lehrprogramme in Grundschulen und Akademien (Sight & Sound of Youth, Creative Electrography) verband.

Nach seinen Erfahrungen in New York war Tambellini von 1978 bis 1984 Mitglied am Center for Advanced Visual Studies (CAVS) am MIT, das Otto Piene zu dieser Zeit leitete. Am MIT setzte er seine Forschungen zu den technologischen Aspekten der TV-Übertragung fort und formte ein Team mit gleichgesinnten KünstlerInnen, StudentInnen und TechnikerInnen, das er Communicationsphere nannte. In diesem technologieaffinen Kontext erweiterte Tambellini sein Interesse und seine Kenntnisse für neue Technologien und begann eine einzigartige Untersuchung der Videosphäre: Er beschäftigte sich mit dem Weltraum und der elektromagnetischen Energie, um erweiterte Formen der Kommunikation zu entwickeln und neue künstlerische Ausdrucksformen zu erarbeiten.

Nach einer Zeit der Abwesenheit in den 1990er-Jahren, in der er sich auf das Schreiben und Veröffentlichen seiner Dichtung sowie das Suchen und Sammeln seiner frühen Werke konzentrierte, schuf er 2010 neue multimediale Arbeiten, die den Künstler seinen frühen AnhängerInnen wieder ins Bewusstsein riefen und gleichzeitig einer neuen Generation vorstellten, die ihn von nun an als einen der Pioniere der intermedialen Künste bzw. als einen der Väter des Expanded Cinema anerkennt.

Der Werkkomplex, der im ZKM in der ersten großen Einzelausstellung des Künstlers gezeigt wird, kann als ein Manifest für eine organische Verbindung zwischen Malerei, Skulptur, Fotografie, Bewegtbildinstallation, kinetischer Kunst und Performance begriffen werden. Tambellinis künstlerische Vision umfasst alle Implikationen der zeitgenössischen Medien und begreift ihr Potenzial als sprachliche, künstlerische und soziale Werkzeuge. Ziel der Ausstellung ist es, Tambellinis frühe Werke der 1950er-Jahre gemeinsam mit bisher unveröffentlichten Arbeiten seiner New Yorker Periode sowie Filme und Videos, die den Erfolg des Künstlers in den 1960er- und 1970er-Jahren kennzeichnen, zu präsentieren.


Aldo Tambellini. Black Matters
ZKM_Lichthof 1+2
11. März bis 6. August 2017

Neutro-Study of Internal Shapes and Outward Manifestations; Aldo Tambellini, 1965-1968. Handgemaltes Glasdia; © Aldo Tambellini Archive
Neutro-Study of Internal Shapes and Outward Manifestations; Aldo Tambellini, 1965-1968. Handgemaltes Glasdia; © Aldo Tambellini Archive
Neutro-Study of Internal Shapes and Outward Manifestations; Aldo Tambellini, 1965-1968. Handgemaltes Glasdia; © Aldo Tambellini Archive
Neutro-Study of Internal Shapes and Outward Manifestations; Aldo Tambellini, 1965-1968. Handgemaltes Glasdia; © Aldo Tambellini Archive
Portrait of Aldo Tambellini, 2010. © Gerard Malanga