Schirn Kunsthalle

Römerberg
D - 60311 Frankfurt

T: 0049 (0)69 299882-0
F: 0049 (0)69 299882-240

E: welcome@schirn.de
W: http://www.schirn.de/


weitere Ausstellungen

"Poesie der Grossstadt" in der Frankfurter Schirn

Feb 5, 2015 bis Mai 25, 2015

tn Ob frühe Pop-Künstler, Wegbereiter der Street-Art oder Vermittler einer "natürlichen Poesie" der Wirklichkeit: In den 1950er-Jahren traten die Affichisten mit einem völlig neuen Begriff des Tafelbildes hervor. Auf Streifzügen durch Paris und Rom sammelten sie Teile der in den Straßen der Stadt allgegenwärtigen, oft verwitterten und zerfetzten, sich in Schichten überlagernden Plakatwände und erhoben die urbane Alltagswelt selbst zum Gemälde. Ihr ebenso subversiver wie poetischer Zugriff auf die Wirklichkeit machte sie zu Pionieren eines "Neuen Realismus".

Mit der ersten umfassenden Überblicksausstellung seit über 20 Jahren ist die radikale Kunst der Affichisten wieder in Deutschland zu sehen. In 150 Exponaten stellt die Schirn Kunsthalle Frankfurt die Kunst des Plakatabrisses in ihrer ganzen Bandbreite vor, von kleinen Fragmenten zu überwältigenden Großformaten, von abstrakten Farbformationen bis hin zu Ikonen der Popkultur – ergänzt durch fotografische, filmische und poetische Experimente der beteiligten Künstler: Raymond Hains, Jacques Villeglé, François Dufrêne sowie Mimmo Rotella und Wolf Vostell.

Die von der Schirn Kunsthalle Frankfurt und dem Museum Tinguely in Basel gemeinsam konzipierte Ausstellung umfasst den Zeitraum zwischen 1946 und 1968 und richtet ein besonderes Augenmerk auf die Entstehung der Kunstströmung und die frühen Phasen im Schaffen der Affichisten. Mit dem 2,56 Meter breiten manifestartigen Fries "Ach Alma Manetro" legten die Franzosen Raymond Hains und Jacques Villeglé 1949 nicht nur den Grundstein für die künstlerische Praxis des Plakatabrisses (im Französischen affiche lacérée oder décollage genannt), sondern formulierten zugleich einen neuen Werkbegriff, der davon ausgeht, dass "die Kunst von allen gemacht sei. Nicht von einem."

Von Anfang an setzte sich der Plakatabriss von der vorherrschenden lyrisch-abstrakten Malerei, wie auch von der Collage und dem Readymade der Vorkriegsavantgarde ab. Dabei stand er in enger Beziehung zu anderen künstlerischen Ausdrucksformen und Medien, wie der Sprache und Poesie, der Fotografie und dem Film.

Die Ausstellung in der Schirn beleuchtet den besonderen Stellenwert der französischen Affichisten François Dufrêne, Raymond Hains, Jacques Villeglé und des Italieners Mimmo Rotella innerhalb der Avantgarde der 1950er- und 1960er-Jahre. Der deutsche Künstler Wolf Vostell nimmt in seiner Beziehung zu den Affichisten eine gesonderte Position ein. Die Schau vereint die bedeutendsten Werke der fünf Affichisten, darunter Leihgaben aus den Nachlässen der Künstler sowie zahlreichen Privatsammlungen und Museen, wie dem Centre Pompidou in Paris, dem Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía in Madrid, dem S.M.A.K. in Gent, den Musées royaux des Beaux-Arts de Belgique in Brüssel, dem Museum Ludwig in Köln oder der Sammlung zeitgenössischer Kunst der Bundesrepublik Deutschland in Bonn.

Die Ausstellung greift fünf zentrale Themen in der Kunst der Affichisten – Abstraktion, Material/Prozess, Lettrismus, Politik und Pop – auf und stellt die Künstler zudem in einzelnen Kabinetten und mit umfangreichem Dokumentationsmaterial, wie historischen Fotografien und Filmen vor.

Die Affichisten wurden auf der ersten "Biennale von Paris" im Jahr 1959, an der Raymond Hains, Jacques Villeglé und François Dufrêne teilnahmen, über Nacht bekannt. Dort provozierten die gezeigten Plakatabrisse heftige Reaktionen. Zusammen mit abstrakten Malern wurden sie in der Sektion zur informellen Malerei präsentiert, obwohl sie diese grundlegend infrage stellten. Auch wenn die Werke der Affichisten aus den 1950er-Jahren nur vereinzelt figurative Elemente aufweisen, spielte die Typografie der Plakate für die Künstler eine entscheidende Rolle. Ihr Augenmerk richtete sich auf die in den Plakatabrissen generierte Dekomposition von Worten und Buchstaben, auf ihre besondere Poesie und ihren speziellen Klang.

In den 1960er-Jahren fanden auch Plakate politischer Propaganda Eingang in die Werke der Affichisten. Als Chronisten ihrer Zeit hielten sie gesellschaftliche Auseinandersetzungen fest, ohne dabei selbst politisch Position zu beziehen. Durch die Entwicklung des Plakats zum illustrierten Werbeträger der sich rasant entwickelnden Konsum- und Freizeitgesellschaft tauchten Ende der 1950er-Jahre zunehmend Bildmotive auf, die auch das visuelle Repertoire der sich zur gleichen Zeit herausbildenden Pop Art prägten.


Poesie der Grossstadt
Die Affichisten
5. Februar bis 25. Mai 2015

Mimmo Rotella: L’ultimo Kennedy, 1963. Plakatabriss, 89 x 130 cm; Privatsammlung. © VG Bild-Kunst Bonn, 2015
Mimmo Rotella: Ritz, 1963. Plakatabriss auf Leinwand, 116 x 58 cm; Catanzaro, Fondazione Mimmo Rotella. © VG Bild-Kunst Bonn, 2015
Mimmo Rotella: Mitologia, 1962. Plakatabriss auf Leinwand, 164 x 190 cm; Privatsammlung, Courtesy Fondazione Marconi, Milan. © VG Bild-Kunst Bonn, 2015
Raymond Hains: Cet hommes est dangereux, 1957. Plakatabriss auf Leinwand, 94 x 60,5 cm; ahlers collection. © VG Bild-Kunst Bonn, 2015