Fotomuseum Winterthur

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Paul Strand. Fotografie und Film für das 20. Jahrhundert

Mär 7, 2015 bis Mai 17, 2015

tn Das Fotomuseum Winterthur präsentiert die erste grossangelegte europäische Retrospektive zum Werk von Paul Strand (1890–1976), einem herausragenden Vertreter der modernen Fotografie des 20. Jahrhunderts. Auf der Grundlage einer beträchtlichen Neuerwerbung von 3000 Abzügen, die das Philadelphia Museum of Art vor kurzem gemacht hat, zeichnet die Ausstellung die Entwicklung von Strands Werk während sechs Jahrzehnten nach.

Sie zeigt die Vielseitigkeit seines Schaffens, von seinen frühen Bemühungen, die Fotografie als eine moderne Kunstform zu etablieren, über sein starkes filmisches Interesse, bis hin zu den Fotobüchern der Nachkriegszeit, in denen Menschen und Orte auf beeindruckende Weise lebendig werden. Zum Vorschein kommt auch die komplexe und widersprüchliche Persönlichkeit Strands: der sture Ästhet, der engagierte Linke mit Sympathie für den Kommunismus, der am Ländlichen interessierte Fotograf mit einem ausgeprägten Sinn für soziale Fragen.

Die Ausstellung beginnt mit dem vorherrschenden, piktorialistischen Stil der 1910er Jahre, den Strand schnell meisterte, und seinem wachsenden Interesse an der Abstraktion wenige Jahre später. Beobachten lässt sich auch, wie er versuchte, Schlüsselerkenntnisse aus der zeitgenössischen Kunst, besonders aus dem Kubismus und aus Arbeiten amerikanischer Künstler aus dem Umfeld von Alfred Stieglitz, in die Fotografie aufzunehmen. Gleichzeitig widmete er sich urbanen Themen, etwa in der bemerkenswerten Reihe anonymer Nahaufnahmen von Menschen in den Strassen von New York City. Strand erforschte die Möglichkeiten, mit der Kamera das moderne Leben zu erfassen und interessierte sich besonders für ihr Potential, mechanisch faszinierende Einzelheiten aufzunehmen. In der Ausstellung wird Strands erster Kurzfilm "Manhatta" (1921) gezeigt, eine "Stadtsymphonie", die New York gewidmet ist und in Zusammenarbeit mit dem Künstler Charles Sheeler entstand. Der romantische und zugleich hochgradig formale Kurzfilm "Manhatta" gilt heute als erster amerikanischer Avantgarde-Film überhaupt.

Strand interessierte sich stets für das Reisen und besonders für die Möglichkeiten der Kamera, Eigenschaften von Orten und Geschehnissen sichtbar zu machen, die anderweitig nicht erfahrbar sind. Zwischen 1932 und 1934 fotografierte er in Mexiko. Das Land beeindruckte ihn nachhaltig, was auch sein Engagement für linke politische Anliegen vertiefte. Er befestigt ein Prisma auf der Linse seiner Graflex-Kamera und schafft so eine beeindruckende Reihe von heimlich aufgenommenen Porträts. Weiter befasste sich Strand mit den Lebensumständen mexikanischer Bauern, daraus entstand die beeindruckende Bilderreihe der "Bultos", geschnitzten und bemalten religiösen Figuren in mexikanischen Kirchen. Strands romantische Abwendung vom Modernismus tritt in diesen Bildern erstmals hervor: Sie sind der Versuch, einen Aspekt des Lebens zum Ausdruck zu bringen, von dem er glaubt, dass er langsam verloren ging.

Stark getroffen von der Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren, wandte sich Strand vermehrt dem Filmemachen als Werkzeug eines gesellschaftlichen Wandels zu. Der Film stand während des folgenden Jahrzehnts im Zentrum seines kreativen Schaffens. In der Ausstellung sind Ausschnitte aus zwei bedeutenden Filmen zu sehen, "Redes" (1936) und "Native Land" (1942). "Redes" spielt in Mexiko und ist ein fiktiver Bericht vom Kampf eines Fischerdorfes gegen die Ausbeutung durch einen korrupten Unternehmer. "Native Land" – mit Paul Robeson als Erzähler – ist Strands ambitioniertester Film. Er drehte ihn, nachdem er nach New York zurückgekehrt war, um das linke Dokumentarfilmkollektiv Frontier Films zu gründen. Mit einer Mischung aus fiktiven Szenen und dokumentarischem Material geht es bei "Native Land" um das "union busting", die Zerschlagung von Gewerkschaften, wie sie in den 1930er Jahren von Pennsylvania bis in den tiefsten Süden der USA praktiziert wurde. Strands Filme zeigen sein enormes politisches Engagement, machen aber auch klar, wie der Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg seinen filmischen Ambitionen Grenzen setzte.

Nach 1945 widmete sich Strand hauptsächlich seinen Fotobüchern, in denen er komplexe Porträts von Menschen und Orten schuf. 1950 veröffentlichte er zusammen mit der Kuratorin für Fotografie, Nancy Newhall, "Time in New England"; ein Buch, in dem sich Vergangenheit und Gegenwart zu überkreuzen scheinen und so eine Tradition der Toleranz, der Freiheit und der demokratischen Möglichkeiten in der amerikanischen Kultur heraufbeschwören. Diese Themen sind für Strand von grosser Bedeutung: Noch im gleichen Jahr zog er nach Frankreich, um der zunehmenden antikommunistischen Hexenjagd in den USA zu entgehen. Er suchte weiter nach Gemeinschaften, die seine politischen Ideale widerspiegelten, und befasste sich besonders mit dem italienischen Dorf Luzzara in der Po-Ebene.

Daraus entstand 1955 das Buch "Un Paese: Portrait of an Italian Village", das von Cesare Zavattinis neorealistischer Ästhetik beeinflusst ist. Im Zentrum stehen Porträts der Dorfbewohner bei der Arbeit und zu Hause, eine bewegende Hommage an das Alltagsleben. Strand fotografierte auch ausgiebig in Afrika und wurde 1963 von Kwame Nkrumah, dem ersten Präsidenten nach Ghanas Unabhängigkeit von Grossbritannien, eingeladen. Das Land wurde zügig modernisiert und Strand war fasziniert von der Demokratie, die in diesen Jahren in Ghana entstandt. Sein Buch, das erst 1976 unter dem Titel "Ghana: An African Portrait" erschien, vermittelt einen Eindruck von der ghanaischen Moderne, welche sich neben der traditionellen Kultur entfaltet. Strand wurde offensichtlich angesteckt vom lebhaften öffentlichen Leben im afrikanischen Land, und ergänzte die Porträts im Buch mit aussergewöhnlichen Strassenszenen von Versammlungen, politischen Kundgebungen und Marktszenen.

Paul Strand starb 1976, mit 85 Jahren, in seinem Haus in Orgeval ausserhalb von Paris. In seinen letzten Schaffensjahren fotografierte er häufig seinen Garten. Die Ausstellung schliesst mit einer Reihe seiner lyrischen Stillleben von Orgeval. Diese Aufnahmen greifen Strands meditative Auseinandersetzung mit der Natur aus den 1920er Jahren wieder auf. Sie verweilen bei den häuslichen Freuden eines über 20 Jahre hinweg kultivierten Gartens.


Paul Strand. Fotografie und Film für das 20. Jahrhundert
7. März 2015 bis 17. Mai 2015

The Family, Luzzara (The Lusettis) (Die Familie), 1953. Silbergelatine-Abzug, 29 x 37 cm; Philadelphia Museum of Art, The Paul Strand Collection. © Estate of Paul Strand
Anna Attinga Frafra, Accra, Ghana, 1964. Silbergelatine-Abzug, 19.4 × 24.4 cm; Philadelphia Museum of Art, The Paul Strand Collection. © Estate of Paul Strand
Young Boy, Gondeville, Charente, France (Jugendlicher), 1951. Silbergelatine-Abzug, 19.4 × 24.4 cm; Philadelphia Museum of Art, The Paul Strand Collection. © Estate of Paul Strand
Blind Woman, New York (blinde Frau), 1916. Silbergelatine-Abzug, 32.4 × 24.8 cm; Philadelphia Museum of Art, The Paul Strand Collection. © Estate of Paul Strand
Wall Street, New York, 1915. Platinabzug, 24.8 × 32.2 cm; Philadelphia Museum of Art, The Paul Strand Retrospective Collection. © Estate of Paul Strand
Toward the Sugar House, Vermont (Blick auf das Sugar House), 1944. Silbergelatine-Abzug, 24.4 × 19.4 cm; Philadelphia Museum of Art, The Paul Strand Collection. © Estate of Paul Strand