Museum für Kunst und Gewerbe

Steintorplatz
D - 20099 Hamburg

T: 0049 (0)40 428 1342-732
F: 0049 (0)40 428 1342-834

E: service@mkg-hamburg.de
W: http://www.mkg-hamburg.de/


weitere Ausstellungen

When We Share More Than Ever

Jun 19, 2015 bis Sep 20, 2015

tn Mehr denn je wird geknipst und digitalisiert – unzählige Aufnahmen sammeln sich auf Festplatten und in Clouds, werden im Internet geteilt und kommentiert. Portale wie Facebook und Flickr, aber auch professionelle Bilddatenbanken lösen jedoch nur andere, ältere Formen der Archivierung, des Transfers und der Interaktion ab. Seit ihrer Frühzeit Mitte des 19. Jahrhunderts dient die Fotografie dazu, visuelle Eindrücke festzuhalten, aufzubewahren und zu kommunizieren.

Im Rahmen der Triennale der Photographie Hamburg 2015 widmet sich das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (MKG) den neuen Sammlungen und Gebrauchsweisen der Fotografie und denkt über das Teilen von Bildern nach. Die Ausstellung zeigt, wie der kontinuierliche und zunehmende Austausch digitaler Fotografien heute an die Geschichte des analogen Mediums anknüpft. In zehn Kapiteln beleuchtet die Schau ausgewählte Bereiche fotografischer Praxis, in denen das Sammeln und Teilen von Bildern eine Rolle spielte – und immer noch spielt. Sie zeigt über 200 historische Werke aus der Sammlung des MKG und stellt ihnen zwölf zeitgenössische künstlerische Positionen gegenüber.

In ihren Arbeiten reflektieren die Künstler die Gebrauchsweisen der digitalen Fotografie und die Mechanismen und Auswirkungen der neuen Medien. Sie beschäftigen sich mit dem Internet als neuem Bildarchiv, mit neuen Bildersammlungen wie Apple Maps, mit Fotografien auf eBay oder mit dem Austausch von Bildern über Mobiltelefone. Ein wichtiger Aspekt ist auch die digitale Bildersammlung als Recherchequelle und Inspiration für die Gegenwartskunst sowie die Bedeutung der klassischen analogen Sammlung für die heute vielbeschworene Bilderflut.

Die Ausstellung selbst ist als Archiv angelegt und reflektiert damit die möglichen Formen und Nutzungen eines solchen. Die Sammlungsexponate sind stellvertretend aus einem Bestand von rund 75.000 Fotografien ausgewählt und zeigen, wie sich fotografische Praktiken in der Sammlung des MKG niedergeschlagen haben. Im Unterschied zu einer auf Kunstfotografie ausgerichteten Sammlung spiegelt sie mehr den täglichen Einsatz des Mediums. Sie vereint unterschiedliche Verwendungsweisen, seien es im wissenschaftlichen Kontext entstandene Aufnahmen eines Instituts für Impulsphysik, die für Sisley entstandenen Modestrecke von Terry Richardson oder Max Schelers für den Stern fotografierte Reportage über die Clubszene in Liverpool.

Die Kapitel "Sharing a Portrait", "Sharing a Group", "Sharing Memories", "Sharing a Product", "Sharing Lust", "Sharing Evidence", "Sharing Knowledge", "Sharing The World", "Sharing a Collection" und "Sharing Photographs" beleuchten mit ihren Gegenüberstellungen von historischen und aktuellen Arbeiten, wie sich Gebrauch und Funktion fotografischer Bilder gewandelt haben, und welche Aspekte trotz der digitalen Revolution unverändert geblieben sind. Die Ausstellung beginnt mit den auf den Menschen bezogenen Verwendungsweisen der Fotografie: ein Leben aufzeichnen, Gemeinschaftsgefühl erzeugen und Erinnerungen teilen. Weitere Kapitel behandeln angewandte Kontexte, zeigen Fotografien, die für die Werbung entstanden sind, erotische Fotografie, Bildjournalismus, wissenschaftliche Fotografie und Reisefotografie.

Wir teilen Erinnerungen: Während zu Zeiten der analogen Fotografie eine überschaubare Zahl von Fotografien in Alben Eingang findet, die man zu besonderen Anlässen im Kreis der Familie betrachtet, werden heute auf Sharing-Plattformen permanent Tausende von Bildern geteilt und geliked. Zu sehen sind unter anderem Fotografien von der großbürgerlichen Tochter Renate Scholz, deren Aufwachsen über fünfzehn Jahre lang von der Studiofotografin Minya Diez-Dührkoop in jährlichen Porträtsitzungen begleitet wurde. An die Stelle des Studioporträts tritt heute der Schnappschuss, das Album wird durch das Internetportal Instagram ergänzt. Ai Weiwei begann 2006, seine Tagebuchfotografien in einem Text/Bild-Blog zu posten, der 2009 von der chinesischen Regierung aus dem Netz genommen wurde. Seit 2014 veröffentlicht der Künstler über Instagram täglich Bild-Nachrichten, die über Sprachgrenzen hinweg lesbar sind.

Wir teilen die Welt: Die Fotografien der Fratelli Alinari bringen ab 1860 die Kunstschätze Italiens in die heimischen Wohnzimmer. Die Bürger erobern im 19. Jahrhundert als Sesselreisende ferne Welten. Heute findet eine ebensolche Aneignung über die Bildschirme statt. Regula Bochsler und Jens Sundheim erkunden Landschaften und Städte über Webcams und Apple Maps. Doug Rickard bereist auf der Suche nach Bildgeschichten die dunklen Niederungen des YouTube-Universums, anstatt sich, wie einst der Bildjournalist, zu den sozialen Brennpunkten der realen Welt zu begeben. Er zeigt uns scheinbar private, nicht für die Öffentlichkeit bestimmte Szenen: Drogenmissbrauch, rassistische und sexuelle Gewalt. Die niedrig aufgelösten, pixeligen Stills, die er aus Handymitschnitten der Beteiligten herauslöst, suggerieren Authentizität und lassen uns zu stillen Zeugen und voyeuristischen Beobachtern werden.

Wir teilen Wissen: Für die Speicherung und Übermittelung von Ergebnissen wissenschaftlicher Forschung und militärischer Erkundungen ist die Fotografie seit ihren Anfängen unverzichtbar. Trevor Paglen nutzt leistungsstarke astronomische Präzisionsteleskope, um "unsichtbare" Dinge sichtbar zu machen, wie etwa den geheimen amerikanischen Tarnkappen-Aufklärungssatelliten "Misty 2" oder eine vom Militärnachrichtendienst platzierte Attrappe. Für die Ortung dieser Satelliten ist Paglen in verschiedenen Netzwerken von Amateursatellitenbeobachtern aktiv.

Wir teilen Bildersammlungen: Vor der Erfindung von Google-Image-Search bietet die analoge Fotosammlung die Möglichkeit, Bilder zu vergleichen. Die Archivschränke der Museen können als Vorläufer digitaler Bilddatenbanken verstanden werden. Heute übernimmt das Internet die Funktion einer Picture Library und eröffnet neue Möglichkeiten der Klassifizierung und Recherche. Künstlerinnen wie Taryn Simon befragen Bildersammlungen nach ihren Ordnungssystemen und deren Implikationen. Wer steuert, welche Bilder wir zu sehen bekommen und welche in der Masse des Archivs verschwinden? Teil dieses Kapitels ist "Sharing Blogs" über das Teilen von Bildern http://sharingmorethanever.tumblr.com.

Die Ausstellung widmet sich der übergeordneten Frage, inwiefern sich in der digitalen Zeit des Bilderteilens auch die Funktion einer fotografischen Museumssammlung ändert, wenn mit Google Image Search die digitale Bildersammlung immer nur einen Mausklick entfernt sind. Die Anordnung der Exponate geschieht entsprechend der zeitgenössischen Vorstellungen von Datenbanken auf einer horizontalen Achse. Alles wird gleichermaßen "neutral" präsentiert, die Kontexte muss sich der Besucher durch den Gebrauch der "Findhilfe" in Form eines Booklets erschließen.


When We Share More Than Ever
19. Juni bis 20. September 2015

Hildi Schmidt-Heins: Gartmann Schokolade, 1937. Tempera auf Silbergelatineabzug, 17,3 x 23 cm; © Archiv Schmidt Heins
Ai Weiwei: 30. Januar, 2015. Auf Instagram gepostetes Foto; Courtesy Ai Weiwei Studio. © Ai Weiwei
Ai Weiwei: 11. Juni, 2014. Auf Instagram gepostetes Foto; Courtesy Ai Weiwei Studio. © Ai Weiwei
Hanns-Jörg Anders: Unruhen in Nordirland, 1969. Silbergelatineabzug, 25,8 x 38,8 cm; © Hanns-Jörg Anders – Red. STERN
unbekannt: Wissower Klinken, Photochrom Zürich, 1890. Photochromie, 16,5 x 22,2 cm; © Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg
Laia Abril: Tediousphilia, 2014. Video, 4 minutes 8 seconds; © Laia Abril/ INSTITUTE