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Kidnappers Foil

Nov 14, 2014 bis Jan 18, 2015

tn "Kidnappers Foil" ist der Titel einer Ausstellung des kanadischen Künstlers Gareth Long und gleichzeitig der Titel von mehr als 200 Filmen des amerikanischen Filmemachers Melton Barker, die zwischen den späten 1930er und den frühen 1970er Jahren entstanden sind. Gareth Long führt die noch erhaltenen vierzehn historischen Arbeiten aus dieser Serie im Ausstellungsraum der Kunsthalle Wien zusammen.

Die Filme werden auf separate Leinwände projiziert, wodurch die verschiedenen Versionen zur gleichen Zeit betrachtet werden können. Die Tonspuren der Filme laufen dagegen im Raum ineinander, um die Grenzen zwischen den einzelnen Arbeiten aufzulösen. Durch die bewusste Inszenierung des Neben- und Ineinanders initiiert Gareth Long Überlegungen zum Amateurhaften, zu Originalität und Serialität und betont die Spannung zwischen Differenz und Wiederholung.

Die Kidnappers Foil-Serie ist zugleich eine Serie historischer Filmdokumente, die einen faszinierenden Einblick in die ästhetische, soziale und technische Struktur Amerikas um die Mitte des 20. Jahrhunderts ermöglicht. Der Filmemacher Melton Barker war fast ein halbes Jahrhundert lang durch die USA gereist und hatte in jeder der besuchten Städte den gleichen Film immer und immer wieder gedreht: gleiches Drehbuch, gleiche Handlung, immer der gleiche Titel.

Kidnappers Foil erzählt die Geschichte von der Entführung des Mädchens Betty Davies während deren Geburtstagsparty. Betty wird bald danach von einer großen Kinder-Suchmannschaft gefunden und befreit und richtet zur Feier ihrer Rettung eine Party aus, bei der alle Kinder ihre musikalischen und akrobatischen Talente präsentieren.

Melton Barker hatte erkannt, dass viele Menschen Vergnügen daran fanden, sich selbst, ihre Kinder und ihren Heimatort auf der Leinwand zu sehen. So entwickelte er Filme mit lokalen Laienschauspieler/innen für ein lokales Publikum. Barker gewann örtliche Kinos und Zeitungen dafür, seine Produktionen zu sponsern und zu bewerben. Zugleich ließ er Kinder vorsprechen und bot den Vielversprechendsten unter ihnen "Schauspielstunden" für ein paar Dollar an.

Danach besetzte er 50 bis 75 Möchtegern-Shirley Temples und -Jackie Coopers im Alter von drei bis zwölf Jahren und ließ sie Kidnappers Foil aufführen. Einige Wochen nach dem Dreh wurde der fünfzehn- bis zwanzigminütige Film zur Freude des örtlichen Publikums aufgeführt. Die Serialität wurde zu einem der wichtigsten Prinzipien in der Kunst des 20. Jahrhunderts. Es wurden mitunter mehrere Versionen früher Kurzfilme erstellt, wenn ein Filmemacher den Film eines anderen tatsächlich neu drehte oder wenn konkurrierende Verleihfirmen reine Duplikate anfertigten.

Als Beispiel eines Filmemachers, der viele verschiedene Versionen derselben Geschichte dreht und als solcher mit der Idee eines lokalisierbaren "Originals" bricht, beginnt mit Barkers Kidnappers Foil jedoch eine völlig andere Art der Nachahmung. Die Filme wurden nicht unter formalen oder konzeptionellen Gesichtspunkten neu gedreht, sondern im Wesentlichen mit dem Hintergedanken, Geld zu verdienen und sich den Wunsch der Teilnehmer/innen nach Sichtbarkeit zunutze zu machen.

Die Filme erlauben auch deshalb einen kurzen Blick auf einen besonderen Moment in der Mediengeschichte. Als Kennzeichen der neuen Medien gilt oft die große Menge an Amateurproduktionen und die Amateurbeteiligung. Heute kann man eine Digitalkamera auf sich richten und innerhalb von Sekunden auf Youtube oder Instagram von Millionen gesehen werden. Sich selbst im Hinblick auf eine öffentliche Präsentation ständig zu filmen und zu fotografieren, ist eine beliebte Beschäftigung unserer Zeit.

Dadurch, dass in Barkers Filmen ausschließlich lokale Laienschauspieler auftreten, wird eine Vorgeschichte der heutigen Situation sichtbar. Der Drang danach, auf der Leinwand gesehen zu werden und dadurch die Möglichkeit zu erhalten berühmt zu werden, ist ein zentrales Element in "Kidnappers Foil". Barker hat diesen Drang schon lange vor Andy Warhols berühmt gewordener Aussage "in the future, everyone will be world-famous for 15 minutes" aus dem Jahr 1968 erkannt.

Melton Barker (aufgewachsen in Dallas/Texas) war ein amerikanischer Filmemacher, der weitgehend unbekannt geblieben ist. Sein Geburtsjahr ist genauso wenig belegt wie sein Todestag. Sein Leben und Werk bleiben über weite Strecken im Dunklen. Die noch erhaltenen Filme der Serie "Kidnappers Foil" wurden 2013 in die historische Sammlung der Library of Congress in Washington aufgenommen.


Kidnappers Foil
14. November 2014 bis 18. Januar 2015

Childress, Texas version (1936) of The Kidnappers Foil, filmed by Melton Barker. Photo courtesy of the Texas Archive of the Moving Image
Allentown, Pennsylvania version (1948) of The Kidnappers Foil, filmed by Melton Barker. Photo courtesy of the Texas Archive of the Moving Image
Shawnee, Oklahoma version (1940s) of The Kidnappers Foil, filmed by Melton Barker, Photo courtesy of the Texas Archive of the Moving Image
San Marcos, Texas version (1943) of The Kidnappers Foil, filmed by Melton Barker. Photo courtesy of the Texas Archive of the Moving Image
Childress, Texas version (1948) of The Kidnappers Foil, filmed by Melton Barker. Photo courtesy of the Texas Archive of the Moving Image