Museum Rietberg

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Himmelszelte für die Göttin

Dez 13, 2013 bis Apr 13, 2014

tn "Himmelszelte für die Muttergöttin", mata no chandarvo, heissen im nordwestlichen Indien grossformatige, bedruckte oder bemalte Baumwolltücher mit Darstellungen von Göttinnen. Sie werden dort noch heute von sozial unterprivilegierten Bevölkerungsgruppen angefertigt und bei Zeremonien verwendet.

Die Ausstellung zeigt eine Auswahl von 27 aussergewöhnlichen Textilien aus der bedeutenden Sammlung, die der ehemalige Direktor Eberhard Fischer jüngst dem Museum schenkte. Sie gibt einen Einblick in Arbeitstechnik und Herstellungsprozesse, in die religiöse Bildsprache sowie in deren rituelle Verwendung.

Die kunstvollen Textilbilder werden seit vielen Generationen in Ahmedabad hergestellt, im wirtschaftlichen Zentrum des Bundesstaates Gujarat. Ahmedabad gilt auch als eines der wichtigsten Textilzentren der Welt: In dieser Region bauen Menschen schon seit 3000 Jahren Baumwolle an. Viele Herstellungs-, Web,- Stick,- Färbe- und Drucktechniken wurden hier zur Meisterschaft gebracht, wenn nicht sogar erfunden. Bis vor wenigen Jahrzehnten war Ahmedabad das wichtigste Zentrum der Textilindustrie ganz Indiens.

Die Hersteller dieser Textilbilder sind ausschliesslich Männer der halbnomadischen Gruppe der Vaghri, die auch als Lumpensammler, als landlose Saisonarbeiter, Hausierer und Seiler ein sozial verachtetes und unruhiges Leben führen. Abnehmer der Bilder sind andere unterprivilegierte Gruppen wie Strassenwischer, Eseltreiber oder Kamel- und Schafhirten, also Menschen, die früher vom Besuch orthodoxer Hindutempel ausgeschlossen waren.

Die mit geschnittenen Holzblöcken bedruckten Stoffe sind in einer altertümlichen Technik gefärbt, die man allgemein als "Türkisch-Rot-Färbung" bezeichnet. Der Name verweist auf die Tatsache, dass die Europäer im Mittelalter diese licht- und waschechte Rotfärbung mit Krapp (Färberröte – eine Pflanzenart aus der Familie der Rötegewächse) aus dem Orient kennengelernt und übernommen haben. Das technische Verfahren ist einfach erklärt: Zuerst wird das zu bedruckende Baumwolltuch von der Imprägnierflüssigkeit (Schlichte) befreit, dann das Muster aufgedruckt oder aufgemalt. Für Schwarz verwendet man eine Beize aus einer angeschlämmten Eisenverbindung, für Rot eine Alaun-Beize. Nachdem das überschüssige Material vorsichtig abgewaschen ist, wird der Stoff mit Alizarin (einer natürlich vorkommenden chemischen Verbindung), früher mit Krapp, durch längeres Kochen gefärbt. Als Resultat tritt nur an den gebeizten Stellen eine Färbung ein, ansonsten bleibt, das Textil weiss.

Diese Chandarvo-Tücher sind rechteckige Baumwollplanen mit einer ungefähren Seitenlänge von 3.50 m. Im Zentrum ist immer eine bestimmte Göttin dargestellt, denn ihr ist das Tuch geweiht. Die Göttin ist auf Grund ihrer Erscheinung, ihrer Attribute, beziehungsweise ihres Tragtieres, eindeutig erkennbar: beispielsweise wie die Göttin Vihat mit zwanzig Armen, wie Khodiar mit ihrem Dreizack, um einen wilden Büffeldämon zu töten oder wie Bahuchara reitend auf einem Hahn. Die abgebildeten Göttinnen werden alle als "Mutter" (Sanskrit, Gujarati mata) verehrt. Einige Göttinnen entsprechen den grossen hinduistischen Göttinnen wie Kali oder Durga, die in den Tempeln verehrt werden. Andere sind vergöttlichte Hirtenfrauen vergangener Jahrhunderte, deren Männer sich als Balladensänger ausgezeichnet haben, und denen magische Kräfte zugeschrieben wurden.

Die Tücher sind Geschenke der Menschen an ihre Göttinnen, damit diese ihnen Wohlergehen, Nachwuchs und Erfolg gewähren sowie vor Krankheit schützen. Sie dekorieren die aus Lehm errichteten kultbildlosen Schreine und grenzen als Baldachine und Zeltwände den heiligen Bezirk von seiner meist wenig einladenden Umgebung ab. Sie setzten auch für die Göttin ein Zeichen, wo sie sich im Ritual niederlassen soll. Von Göttinnen, die mit Bäumen, Wasserplätzen und Unwettern in Verbindung gebracht werden, erhofft man sich Hilfe in Dürrezeiten. Wieder andere Göttinnen beschwört man bei Seuchen, die sie heilen können. Und schliesslich gibt es Göttinnen wie Meladi, die "aus Schmutz gemacht" sind. Sie führt für ihre Verehrerinnen und Verehrer all die widerwärtigen Arbeiten aus, für die sich die hochgeborenen Götter zu gut dünken. So ist sie die Schutzpatronin der Abfallbeseitiger und Wäscher.

All diese Muttergöttinnen werden von den Menschen in Opferzeremonien um Hilfe angerufen. Man singt ihre Lieder, tanzt, schlachtet ihnen ein schwarzes Tier, meistens eine Ziege, das vom Priester gebracht wird. Im Verlauf des Rituals fällt der Priester in Trance und wird von der Göttin besessen. Dann gewährt diese Wohlergehen, schenkt Erfolg, schützt vor Krankheit und gibt Nachwuchs. Als Dank für ihre Hilfe oder als Aufforderung, einem in Zukunft beizustehen, schenken die Menschen Chandarvo-Tücher mit ihrem Abbild.


Englischer Katalog: "Temple Tents for Goddesses in Gujarat, India". Herausgegeben von Eberhard Fischer / Artibus Asiae & Niyogi Books, gebunden mit Schutzumschlag, 300 S., über 250 Abb. (sw, farbig), 23 x 30 cm; ISBN 978-3-85881-335-0. Verkaufspreis während der Ausstellung: CHF 60 | EUR 48, anschliessend CHF 80 | EUR 64

Himmelszelte für die Göttin
Indische Textilkunst
13. Dezember 2013 bis 13. April 2014

Muttergöttin Tempeltuch, matani chandarvo. Unbekannte Werkstatt in Gujarat (Indien), 19. Jahrhundert, 123 x 215 cm. Geschenk Barbara und Eberhard Fischer; Foto: Christoph von Viràg
Tempeltuch für die Göttin Khodiar, matani chandarvo. Unbekannte Werkstatt in Gujarat (Indien), frühes 20. Jahrhundert, 138 x 256 cm. Geschenk Barbara und Eberhard Fischer; Foto: Christoph von Viràg
Baldachin für die Göttin Khodiar, matani chandarvo. Unbekannte Werkstatt in Ahmedabad (Indien), frühes 20. Jahrhundert, 280 x 277 cm. Geschenk Barbara und Eberhard Fischer; Foto: Christoph von Viràg
Baldachin für die Muttergöttin, matani chandarvo. Unbekannte Werkstatt in Ahmedabad (Indien), spätes 19. Jahrhundert, 138 x 214 cm. Geschenk Barbara und Eberhard Fischer; Foto: Christoph von Viràg
Tempeltuch für Göttinnen, matani chandarvo. Unbekannte Werkstatt in Jambusar (Indien), frühes 20. Jahrhundert, 122 x 224 cm. Geschenk Barbara und Eberhard Fischer; Foto: Christoph von Viràg
Baldachin für mehrere Göttinnen, matani chandarvo. Unbekannte Werkstatt in Jambusar (Indien), frühes 20. Jahrhundert, 210 x 232 cm. Geschenk Barbara und Eberhard Fischer; Foto: Christoph von Viràg