Haus der Kunst

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weitere Ausstellungen

Matthew Barney: River of Fundament

Mär 16, 2014 bis Aug 17, 2014

tn Mit der großen Ausstellung "Matthew Barney: River of Fundament", präsentiert das Haus der Kunst die Weltpremiere des gesamten vielteiligen "River of Fundament"-Projekts von Matthew Barney. Dieses Projekt besteht aus dem symphonischen Film "River of Fundament" von epischer Länge (5 Std.), großformatigen Skulpturen, Zeichnungen, Fotografien, Storyboards und Vitrinen, und verdichtet sich damit zu einem der komplexesten und ehrgeizigsten in Barneys Werk.

Seit 2007 entwickelt Matthew Barney in Zusammenarbeit mit dem in Berlin lebenden amerikanischen Komponisten Jonathan Bepler das "River of Fundament"-Projekt, das von dem amerikanischen Schriftsteller Norman Mailer und seinem Roman "Ancient Evenings" (Frühe Nächte) inspiriert ist. Der Roman spielt in Ägypten im Zeitraum 1290-110 v.Chr.; wegen einer Neigung zum Exzessiven wurde er, als er 1983 erschien, überwiegend kritisiert. Die Europapremiere des Films "River of Fundament" findet am 16. März 2014 in der Bayerischen Staatsoper in München statt. Die Ausstellung im Haus der Kunst und die Filmvorführung bilden zusammen das mehrteilige "River of Fundament"-Projekt - seit der "Cremaster"-Retrospektive vor über zehn Jahren ein neues Barney-Gesamtkunstwerk.

In "River of Fundament" kulminieren sieben Jahre intensiver Meditation über Tod, Wiedergeburt, Transformation und Transzendenz. Mailers Roman schildert den spirituellen Weg des Ägypters Menenhetet I durch drei Tode und Wiedergeburten; Barney ersetzt Reinkarnation durch Recycling und die Seele des Menschen durch ein Auto. "REN", der erste Akt des Projekts, dokumentiert eine Live-Performance in einem Autohaus in Los Angeles 2008: Dort stirbt das Auto – der 1967 Chrysler Crown Imperial aus "Cremaster 3" – zum ersten Mal. "Brennende Granatsplitter und Steinsalz fliegen durch den Raum und prallen von den Fenstern ab. Blech wird vom Chassis abgerissen", lautete die Regieanweisung. Der zweite Akt, "KHU", spielt in der "Motor City" Detroit. Dort reinkarniert der Chrysler als ein 1979 Pontiac Firebird Trans Am. In "BA" schließlich wandert die Seele des Autos nach New York. Dort gerinnt der Mythos zur Skulptur.

In "River of Fundament" arbeiten Experten aus verschiedenen industriellen Fertigungsbereichen – unter anderem Eisenverhüttung, Verschrottung und Schwefelguss – mit Schauspielern zusammen, und Charaktere aus "Cremaster 3" treten auf, einem weiteren Gemeinschaftsprojekt von Barney und Bepler, bei dem der Eingetragene Lehrling von Barney selbst und die Eingetragene Novizin von Aimee Mullins dargestellt wurde, als Doppelrolle des "Ka of Norman". Das Libretto enthält Exzerpte aus dem Prolog zu Mailers Roman und dem ägyptischen Totenbuch, und vereint eine Vielzahl von Gedanken zu den zeitlosen Fragen nach Sterblichkeit und Wiedergeburt.

Im Zentrum der Ausstellung im Haus der Kunst steht "DJED", eine massive gusseiserne Skulptur, die während einer Liveperformance, "KHU", entstanden ist. Die Urform und Ikonografie von "DJED" ist das Fahrwerk des Chrysler Imperial. 25 Tonnen flüssiges Eisen wurden vor Publikum aus fünf eigens hergestellten Schmelzöfen in eine offene Grube gegossen, die auf dem Gelände eines stillgelegten Stahlwerks am Detroit River ausgehoben worden war. Die großformatige Skulptur "DJED" hat formale Ähnlichkeit mit dem Djed-Pfeiler, dem ägyptischen Schriftzeichen für Ewigkeit, Fortdauer. Ursprünglich war der Djed-Pfeiler wohl ein Schilf- oder Garbenbündel als Fruchtbarkeitssymbol.

Die Zeremonie der Errichtung des Djed-Pfeilers, bei welcher der Pharao selbst den Pfeiler mittels Stricken aufrichtete, wurde später in den Kult des Toten- und Fruchtbarkeitsgottes Osiris aufgenommen und so stark mit ihm verbunden, dass er als Wirbelsäule des Osiris gedeutet wurde. Darauf spielt auch Spruch 155 des Totenbuches an: "Spruch für ein goldenes Djed-Amulett, das an den Hals dieses Verstorbenen gelegt wird. Richte dich auf, Osiris. Dein Rücken gehört dir, du Herzensmatter, Deine Wirbel gehören dir, du Herzensmatter. Wende dich auf deine Seite, damit ich dir Wasser gebe. Schau doch, ich habe dir das goldene Djed-Amulett gebracht, damit du darüber jubelst."

Barney setzt mit der Ausstellung das Programm fort, das er im Laufe der letzten sieben Jahre entwickelt hat: ein komplexes System von Erzählstoffen, das persönliche, historische und moderne Mythologien verwebt. Im Zentrum steht die Frage nach der Existenz einer kohärenten Identität bzw. eines spirituellen Kerns, der die individuellen Merkmale eines Menschen nicht nur in diesem Leben, sondern auch nach dem physischen Tod bewahrt. Mit den Skulpturen dieses Projekts hat sich Barney von den typischen Materialien seiner früheren Arbeiten – Thermoplastik und Vaseline – entfernt und benutzt nun Metalle und Materialien, die zum einen näher an der Tradition der Skulptur und zum anderen industriell geprägt sind: Eisen, Bronze, Blei, Kupfer, Messing, Zink und Silber.

Weiterhin verwendet er natürliche Substanzen wie Schwefel und Salz. Zu den 15 ausgestellten neuen Skulpturen zählen "Canopic Chest" - der Titel bezieht sich auf die sogenannten Kanopen, die Gefäße, in denen im alten Ägypten die Eingeweide Verstorbener bestattet wurden - sowie "Sacrificial Anode": Hier wird auf ein spezifisches Opfermetall angespielt, das für andere Metallobjekte als Rostschutz dient. Die Formen basieren auf dem "Was", einem ägyptischen Herrscherstab und Machtsymbol. In alter Zeit war es aus einem getrockneten Stierphallus hergestellt worden, später dann aus Edelmetallen.

Die Ausstellung umfasst weiterhin eine Reihe neuer Zeichnungen, Fotografien, Storyboards und Vitrinen, die Charakter und thematische Entwicklung des Projekts im Detail dokumentieren. Die Zeichnungen zeigen u.a. Barneys Bearbeitung von Mailers Roman "Frühe Nächte". Dabei liegt das jeweilige Exponat – z.B. das aufgeschlagene Buch, in das Barney gezeichnet hat – in einer vom Künstler selbst entworfenen Vitrine auf einem Salzblock. Damit spielt Barney auf Detroit an: In den Salzminen, die sich unterhalb des Detroit River erstrecken, befindet sich ein ausgedehntes und komplexes Verkehrsnetz, das mit den Tunneln und Geheimkammern unter den Großen Pyramiden verglichen worden ist. In seinen Zeichnungen hat Barney erneut mit ausgefallenen, symbolträchtigen Materialien wie Gold, Silber, Lapislazuli und Schwefel experimentiert. Die Bedeutung erschließt sich nicht nur über das Dargestellte und seine vielschichtigen Narrative, sondern auch über die stilistisch raffinierte Verwendung des Mediums.

Eine neue großformatige Fotografie zeigt einen toten Ibis, der zwischen Wüsten-Beifuß und anderen Pflanzen der amerikanischen Hochwüste liegt. Der Ibis wurde mit einer Schrotflinte erlegt und hat mehrere Einschusslöcher. In seinem Schnabel steckt eine kleine Goldkugel. Diese Goldkugel war in einer Szene von "River of Fundament" vorgekommen, in der Matthew Barney in der Rolle des "Ka of Norman" das Kostüm von James Lee Byars trägt und "The Death of James Lee Byars" nachspielt.


Matthew Barney: River of Fundament
16. März bis 17. August 2014

Matthew Barney and Jonathan Bepler: River of Fundament, 2014. Production Still; Foto: Hugo Glendinning. © Matthew Barney; Courtesy Gladstone Gallery, New York and Brussels
Matthew Barney and Jonathan Bepler: River of Fundament, 2014. Production Still; Foto: Hugo Glendinning. © Matthew Barney; Courtesy Gladstone Gallery, New York and Brussels
Matthew Barney and Jonathan Bepler: River of Fundament, 2014. Production Still; Foto: Hugo Glendinning. © Matthew Barney; Courtesy Gladstone Gallery, New York and Brussels
Matthew Barney and Jonathan Bepler: River of Fundament, 2014. Production Still; Foto: Hugo Glendinning. © Matthew Barney; Courtesy Gladstone Gallery, New York and Brussels
Matthew Barney and Jonathan Bepler: River of Fundament, 2014. Production Still; Foto: Kelly Thomas. © Matthew Barney; Courtesy Gladstone Gallery, New York and Brussels
Matthew Barney and Jonathan Bepler: River of Fundament, 2014. Production Still; Foto: Chris Winget. © Matthew Barney; Courtesy Gladstone Gallery, New York and Brussels
Matthew Barney; Foto: Samantha Marble for Pitchfork