Museum Angewandte Kunst

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weitere Ausstellungen

Alex Wollner Brasil. Design Visual

Sep 21, 2013 bis Feb 2, 2014

tn Vom 21. September 2013 bis 2. Februar 2014 widmet das Museum Angewandte Kunst in Frankfurt am Main dem brasilianischen Designpionier Alexandre Wollner die erste große Retrospektive in Europa. Alexandre Wollner, 1928 in São Paulo geboren, ist weltweit einer der wichtigsten und erfolgreichsten Grafikdesigner der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er spielte eine herausragende Rolle bei der künstlerischen, kulturellen und ökonomischen Begründung des modernen brasilianischen Designs und hat bis heute einen enormen Einfluss auf die Designszene Brasiliens. In Südamerika genießt Wollner hohe Popularität, hierzulande jedoch gilt es noch, sein Werk in ganzer Breite zu entdecken.

n der Ausstellung "Alex Wollner Brasil. Design Visual" geben rund 120 Arbeiten des Designers aus den Bereichen Malerei, Fotografie und Gestaltung einen Überblick über sein Schaffen. Dabei sind es vor allem zwei Aspekte, die das Werk Alexandre Wollners noch heute bedeutend machen: einerseits sein umfänglicher Designbegriff und seine konsequente Designhaltung, zum Zweiten die von Wollner vertretene internationalistische Funktionalität, die Mitvoraussetzung zu dem gewesen ist, was wir heute als globale Kommunikationsfähigkeit vorfinden. Beides wird in der Ausstellung ausführlich dargelegt. Weitere Schwerpunkte liegen auf dem starken Einfluss der Hochschule für Gestaltung Ulm, an der Wollner sich von 1954-58 aufhielt, und auf dem Verhältnis des Brasilianers Wollner zur europäischen Kultur. Darüber hinaus ist ein umfangreiches Begleitprogramm geplant, das die Spezifik brasilianischer Gestaltung herausarbeiten wird.

Die Ausstellung im ersten Obergeschoss des Museums Angewandte Kunst holt den Besucher zunächst im Eingangsbereich in der "Bar Brasil" bei seinen Erwartungen ab. Hier wird den gängigen Brasilien-Klischees – Bossa nova, Samba, Carnaval etc. – vordergründig Referenz erwiesen, gleichzeitig aber schon mit ihnen gebrochen. Was in der Ausstellung dann gezeigt wird, ist das Gegenteil von dem, was man von Brasilien erwartet: Wollners Design ist cool, ernsthaft, reduziert.

Den Beginn der gestalterischen Tätigkeit Alexandre Wollners bildet der 1924 von Theo van Doesburg eingeführte Begriff der Konkreten Kunst, die sich auf die Konstruktion von Kunstwerken ausschließlich aus geometrischen Elementen, Flächen und Farben stützt, frei von jeglicher Symbolik und Bedeutung. Seit den 1950er Jahren war der Südosten Brasiliens einer der wichtigsten Orte dieser Bewegung außerhalb Europas. Bereits als Student am Instituto de Arte Contemporânea (IAC) do Museu de Arte de São Paulo schloss sich Wollner 1953 der kurz zuvor gegründeten konkretistischen Grupo Ruptura an und trat als konkreter Maler hervor, der bei den ersten Kunstbiennalen in São Paulo Auszeichnungen erhielt.

Dabei übte die europäische Avantgarde, die mit der ersten Biennale 1951 erstmals in Brasilien gezeigt wurde, nachhaltigen Einfluss auf ihn aus. Besonders die Begegnung mit der Industriegrafik des Schweizers Max Bill, der auf der ersten Biennale von São Paulo mit seiner Skulptur "Dreiteilige Einheit" ausgezeichnet wurde, war für Wollner ein Schlüsselmoment. Er entdeckte, dass es genau das war, was er machen wollte. Wollners Plakatentwurf für die 3. Kunstbiennale von São Paulo stellt den Wendepunkt vom Maler zum Designer dar.

1953 wurde Alexandre Wollner von Max Bill ausgewählt, im ersten Jahrgang an der neu gegründeten Hochschule für Gestaltung Ulm zu studieren. Von 1954 bis 1958 erhielt er hier noch einmal eine radikale Gestaltungsausbildung, die seine Entwicklung als Designer entscheidend prägte. Die legendäre HfG Ulm war mit der Intention gegründet worden, nach dem Krieg die Tradition des Bauhauses fortzusetzen und zählte in den 1950er und 60er Jahren international zu den fortschrittlichsten Ausbildungsstätten im Bereich Gestaltung. In den ersten Jahren blieb die Schule unter der Leitung von Max Bill dem Modell des Bauhauses treu, später setzte sich eine theoretischere Sicht auf Design durch, die dieses als Teil des industriellen Prozesses begriff.

Wollner erlebte beide Phasen, wobei vor allem letztere seine Designhaltung nachhaltig beeinflussen sollte. In Ulm lernte er u.a. bei Max Bill, Otl Aicher, Friedrich Vordemberge-Gildewart, Josef Albers, Tomás Maldonado und Max Bense. Hier entstanden auch seine ersten fotografischen Arbeiten, die ebenfalls Teil der Frankfurter Ausstellung sind. Nach seiner Rückkehr nach Brasilien 1958 gründete Wollner gemeinsam mit Geraldo de Barros, Ruben Martins und Walter Macedo die erste moderne Designagentur Brasiliens, "forminform" mit Sitz in São Paulo, vier Jahre später seine eigene Agentur "DICV Designo".

Dabei traf er auf ideale Bedingungen: Im Brasilien der späten 1950er und frühen 60er Jahre herrschte Aufbruchstimmung, das Land hatte sich in kurzer Zeit vom armen Agrar- zum aufstrebenden Industriestaat gewandelt und war auf der Suche nach einer neuen Identität. Hier war man bereit, Vergangenheit ungeschminkt gegen Zukunft einzutauschen. Über Jahrzehnte hinweg begleitete Wollner die fortschreitende Industrialisierung Brasiliens und gab als Designer unzähligen wichtigen brasilianischen Unternehmen ihre visuelle Identität. Viele dieser Logos und Erscheinungsbilder prägten das neue Brasilien und waren über Jahrzehnte oder sogar bis heute in Verwendung.

Parallel zu seiner praktischen Arbeit als Designer begann Wollner sich in der Designausbildung zu engagieren. Ab 1962 leitete er einen Typografiekurs am Museu de Arte Moderna do Rio de Janeiro (MAM-RJ), 1963 dann war er einer der Gründer der ersten Hochschule für Design in Brasilien und ganz Südamerika, der Escola superior de desenho (ESDI), die das Ulmer Modell in Rio de Janeiro einführen sollte. Geprägt von der wissenschafts- und methodologieorientierten Ulmer Gestaltungshaltung, die ein gründliches und komplexes Denken zum Design und seiner jeweiligen Zweckbestimmung einschloss, steht Wollner für einen sehr ernsthaften Designbegriff und eine systematische, strukturierte Herangehensweise.

Jedoch setzte Wollner der Theorielastigkeit und den normierten Entwurfsabläufen Ulms Intuition und die Fähigkeit zu Transformationen von Bestehendem in Neues entgegen. "I don’t use geometry – I use relations, proportions, modulations", so Wollner über sein Vorgehen. Wollners Arbeit stand immer im Kontext und operierte mit Re-Designs, historischen Beziehungen, Transformationen und Transfers. Stets hat er Briefings der Marketingabteilungen abgelehnt und stattdessen den unmittelbaren Kontakt zur Unternehmensleitung gesucht, um den Charakter des Unternehmens wirklich zu verstehen. Revolutionär an Wollners Entwürfen war auch, dass sie frei waren von jeglichem Lokalkolorit – keine Kaffeebohnen, keine Indianerfedern, stattdessen reduzierte, klare, universell gültige Formen. Das war ein radikaler Bruch mit der bisherigen Symbolsprache und die Einführung der Gestaltungsmoderne ins brasilianische Grafikdesign.

Als Wollner sich Anfang der 1950er Jahre gegen die Malerei und für eine Laufbahn als Designer entschied, war sein Hauptmotiv der Wunsch, nicht mit zehn, sondern potenziell mit zehntausend Menschen zu kommunizieren. Im gleichen Zuge wurde er sich seiner gesellschaftlichen Verantwortung als Designer bewusst. Design gesellschaftlich denken heißt, noch einmal dahin zurückzukehren, was das Projekt Moderne als Anspruch definiert hatte: dem Leben Instrumente zu verschaffen, die es lebenswert machen. Oder nach Wollner: "Kollektives Wohlbefinden. Das ist die Funktion von Design."

Stets ging es in der Wollner’schen Zeichenwelt um die Vermittlung von Botschaften, um eine ebenso effiziente wie ästhetische Kommunikation. Nicht Grafikdesign, sondern design visual, visuelles Design, ist daher der Begriff, den Wollner für seine Arbeit verwendet. Dieser spielt bereits auf die visuelle Wahrnehmungsfähigkeit des Menschen an und damit auf die verschiedenen Ebenen des Verstehens, die entscheidend dafür sind, wie der Mensch visuelle Botschaften entschlüsselt. "Um solche Botschaften mit Objektivität zu vermitteln, muss Design über die Netzhaut hinausreichen, sonst entstehen nur leere Botschaften ohne Bedeutung", so Alexandre Wollner im Vorwort zum Ausstellungskatalog. Und weiter: "Ästhetik besitzt die Fähigkeit, den Blick des Menschen zu verzaubern, visuelles Design aber sollte das Denken sensibilisieren. Darin liegt der Kern von Design."

Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist der Begriff der Marke, die ein Qualitätsverssprechen ausdrückt und damit weitaus mehr als eine reine Herkunftsangabe ist, für die moderne Unternehmenswelt von zentraler Bedeutung. Ebenso ist das Prinzip des Corporate Design zu einem wirtschaftlichen wie kulturellem Momentum der technisierten Welt geworden. Alexandre Wollner hat in dieser Hinsicht nicht nur für Brasilien ein bedeutendes Werk geschaffen, sondern sein Beitrag zur Entwicklung des modernen Corporate Design ist im weltweiten Vergleich von Relevanz. Als Mitbegründer des ersten brasilianischen Designbüros auf Höhe der Gestaltungsmoderne, als Mitbegründer einer zeitgemäßen Designausbildung in Brasilien und als Urheber vieler Kommunikationssysteme der brasilianischen Wirtschaft hat Wollner seinen festen Platz in der Designgeschichte.

Die Frankfurter Retrospektive "Alex Wollner Brasil. Design Visual" stellt das Wollner’sche Gestaltungsuniversum umfassend dar. "Wir wollen so detailliert wie möglich die verschiedenen Stufen des kreativen Prozesses beschreiben, so, wie wir sie in unseren Projekten umgesetzt haben, und wir wollen aufzeigen, wie wir im Zuge der Konzeptualisierungen unsere Gedankengänge strukturiert haben", so der inzwischen 85-jährige Alexandre Wollner, der an der Konzeption der Ausstellung mitgewirkt und die Gestaltungen aus über einem halben Jahrhundert kreativen Schaffens speziell für diese Retrospektive noch einmal überarbeitet hat.


Katalog: Klaus Klemp, Julia Koch, Matthias Wagner K (Hg.): "Alex Wollner Brasil. Design Visual", mit Texten von Klaus Klemp, Malou von Muralt, René Spitz, André Stolarski und Alexandre Wollner, Konzeption und Grafikdesign: Alexandre Wollner, dt./engl., 324 Seiten, Ernst Wasmuth Verlag 2013, ISBN 978-3-8030-3214-0, Preis ca. 49 Euro

Alex Wollner Brasil. Design Visual
Eine Ausstellung im Rahmen des Kulturprogramms zum
Ehrengast Brasilien der Frankfurter Buchmesse 2013
21. September 2013 bis 2. Februar 2014

Alexandre Wollner und Geraldo de Barros; CBA Düngemittel, 1951
Alexandre Wollner – Visuelles Design, 1977
Konstellation e3, aus der Serie 'Formulierung - Interaktion – Artikulation', 2010. Digitaler Druck, 50 x 50 cm
Erweiterte Farbe 2, 2012. Digitaler Druck
3. Biennale von São Paulo. MAC Museum für Zeitgenössische Kunst USP, Biennale-Stiftung São Paulo. Alexandre Wollner und Geraldo de Barros, 1954
4. Biennale von São Paulo. Alexandre Wollner unter Anleitung von Max Bill, 1957
Porträt Alexandre Wollner; Foto: Gui von Schmidt, 2013