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Essen in der Kunst. Genuss und Vergänglichkeit

Okt 20, 2013 bis Mär 23, 2014

tn Essen ist Lebensnotwendigkeit, es verbindet den Mensch auf elementarste Weise mit der Welt. Das Einverleiben von Nahrung, deren Verdauung und Ausscheidung markiert den Körper nicht nur als Schnittstelle des Außen und Innen, des Selbst und des Anderen, sondern vergegenwärtigt den ewigen Zyklus von Leben und Tod. Essen ist aber auch als sozial normierte und kulturell geprägte Handlung Katalysator für Geselligkeit und Festlichkeit, fundamentaler Bestandteil gesellschaftspolitischer Prozesse wie religiöser Riten. Als Teil unserer kulturellen Identität ist es seit jeher eine Inspirationsquelle für kreatives Schaffen.

Seit dem 16. Jahrhundert wird Essen im Stillleben nicht nur nach ästhetischen Aspekten behandelt, sondern im metaphorischen Sinn zum Ausdruck für Körperlichkeit und Leben, Vergänglichkeit und Tod. Seit den 1960er-Jahren des 20. Jahrhunderts wird Essen vermehrt zum künstlerischen Medium und die Ver- und Bearbeitung von Nahrungsmitteln integrierender Bestandteil künstlerischer Arbeit. Die Ausstellung dokumentiert diesen Wandel im Umgang mit Nahrung und beleuchtet die Esskultur in Hinblick auf ihre soziologische und identitätsstiftende Wirkung.

Referenzen auf die Tradition der Gattung Stillleben sind Ausgangspunkt der Ausstellung. Ein Werk des 17. Jahrhunderts steht für die vier Grundelemente des Seins – Feuer, Wasser, Luft und Erde – und visualisiert die göttliche schöpferische Ordnung in Form von Früchte- und Tierstillleben. Der Verweis auf die Symbolkraft von Essbarem im christlich religiösen Kontext ist bis heute Thema der Kunst: So bezieht sich beispielsweise die Arbeit "Die Speise ward Wort (1) "(2002) von Dieter Froelich auf die symbolische Gleichsetzung von Wort und Nahrung in der christlichen Theologie. Adolf Frohners Paravent Das Lebensmittel (1990/1991) ist eine deutliche ikonografische Anspielung auf den Sündenfall durch das Essen vom Baum der Erkenntnis.

In Anspielung auf die christliche Tradition sind Kreuzigungsrituale, Tierschlachtungen und kontrollierter Rausch Bestandteile des Orgien-Mysterien-Theaters von Hermann Nitsch. Blut, Gedärme, abgehäutete Tierkadaver werden eingesetzt um "… extreme Aggressions- und Destruktionsneigungen bis hin zum Tötungstrieb offenzulegen…". Indem das Alltägliche der Nahrung in einen neuen Zusammenhang gestellt wird, offenbart der Wiener Aktionismus seit den 1960er-Jahren gesellschaftliche Zwänge und unterdrückte Triebstrukturen.

In diesem Sinne spielt die Symbolkraft bestimmter Lebensmittel auch in Rudolf Schwarzkoglers erster Aktion "Hochzeit" (1965) eine wichtige Rolle. Hier wird das Sezieren eines Fisches, der Erotik, Kälte, Krankheit, Gefahr und Tod symbolisiert, elementarer Bestandteil der Aktion. Otto Muehl lädt menschliche Körper und Dinge aus dem Alltag mit neuer Bedeutung auf, indem er sie in Materialaktionen in einen neuen Kontext überführt: "wer das zubereiten einer speise fähig ist wie eine naturkatastrophe oder eine naturkatastrophe wie das zubereiten einer speise zu erleben, erfindet eine materialaktion."

Die Kunstrichtung der Eat Art erhebt in den 1960er und 1970er-Jahren Essen zum eigentlichen Kunstmittel. Das Prozesshafte allen Seins wird über den Verfall und die Zersetzung von Nahrungsmittel verdeutlicht. Dieter Roth macht die zeitliche Dimension zum originären Bestandteil von Kunstwerken wie etwa "Käserennen" (1970) oder "Die kleine Speiseinsel" (1968) und eröffnet mit dem solcherart vorgeführten Vorgang der Verwesung und den ihm innewohnenden Prinzip des Unvorhersehbaren eine neue ästhetische Erfahrung. Neben dem künstlerischen Prozess des Gestaltens steht der natürliche Prozess der Zerstörung. In "Löwenselbst" (1969) greift er den Typus der klassischen Porträtbüste auf, um den damit verbundenen Ewigkeitsanspruch zu hinterfragen. Indem er das Material Schokolade wählt, setzt er die Figur dem Prozess des Verfalls und der ständigen Veränderung aus.

Die Dialektik von Dekonstruktion und schöpferischem Akt bestimmt auch Edgar Lissels Werk "Bakterium – Vanitas" (2000/2001): Vergänglichkeit führt hierbei zur Entstehung von Neuem. Er hält fotografisch das zerstörerische Einwirken von Bakterienkulturen fest, das zur Entstehung eines neuen Bildes führt. Die substanzverändernde Kraft des Feuers nützt Christian Eisenberger in seinen Arbeiten aus karamellisiertem Zucker, der durch die Verwandlung zur schützenden Kraft wird, die die darunter liegende Leinwand vor dem Vernichtungswerk des Feuers zu schützten vermag. Transformation durch den brutalen Prozess des Erhitzens, der Speisen erst genießbar macht, veranschaulicht Michael Pisk in "Hase 2, 2 Stunden" (2000).

Der soziale Akt des gemeinsamen Mahls ist untrennbar mit der kulturellen Identität verwurzelt. So postulierte die Kunstrichtung der Eat Art die "Einheit von Kunst und Leben". Nicht die Nahrungsmittel an sich, sondern der Akt gemeinsamen Essens und Kochens als Schnittpunkt zwischen Natur und Kultur steht im Mittelpunkt. Daniel Spoerri zeigt in seinen "Fallenbildern" nicht etwa die sinnliche Üppigkeit angerichteter und zum Verzehr bereitgestellter Speisen, sondern vielmehr die Situation nach einem gemeinsamen Mahl. Die fixierten, wie eingefroren wirkenden Ergebnisse sind nicht nur Momentaufnahmen sozialer Interaktion, sondern auch stumme Zeugen eines ewigen Kreislaufes, sie "…spiegeln einen Ausschnitt aus dem Zyklus des Lebens wider. Was passiert denn unmittelbar nach dem Essen?"

Kochen, als Verfahren des "Essbar-machens" wird bei Peter Kubelka als erste Kunstform begriffen. "Das Kochen ist nicht nur ein bildender Prozess wie andere Künste, sondern beides: Unmittelbares Eingreifen in die Natur und künstlerisch bildender Prozess". Auch Paul Renner verknüpft Kochen und Kunst, "…mein Malen ist sehr sinnlich und hat eigentlich immer schon mit Kochen zu tun gehabt". Seine Aktionen vereinen Kunst mit Essen zu einer Performance-Art im Rahmen gemeinsamer Koch- und Esserlebnisse, bei denen Lebensmittel in Form von Skulpturen und Gemälden als mythische Kulisse fungieren.

"Töten, Fressen, Zeugen, Gebären" definiert Heinz Cibulka den Zyklus menschlicher Existenz. In seinen "Bildgedichten" prallen Momentaufnahmen zeitloser Idylle mit jenen kultureller Zeugnisse, etwa religiösen Ritualen und zutiefst menschlichen Ereignissen wie Essen, Feiern oder Sterben aufeinander. Im Dienste eines "erweiterten Kunstbegriffes" dienen Joseph Beuys bestimmte Nahrungsmittel als Vermittler seines Begriffs der "sozialen Plastik". Er wählte für seine Arbeit bestimmte, dem Alltag entlehnte, Materialien nach den Kriterien ihrer Fähigkeit, Energie in "Wärme" und "Kälte" umzuwandeln, aus. Im Honig vereinen sich die Kräfte des Pflanzen- und Tierreichs mit der Wärme und Strahlung des Kosmos. Das arbeitsteilige Zusammenwirken der Bienen sah Beuys als vorbildhaft für einen funktionierenden sozialen Organismus an.

Die zunehmende Entfremdung des Menschen vom Ursprung der Nahrungsressourcen und von Produktionsprozessen bestimmt das Ess- und Genussverhalten der Gegenwart. Die Unüberschaubarkeit des Angebotes, die Unklarheit über Herkunft und Zusammensetzung der Nahrungsmittel sowie die Ernährung durch Fertigprodukte führen zu einer zunehmenden Genussfeindlichkeit. Die Suche der Menschen nach Glück und Geborgenheit in einer heilen Welt wird durch die Werbung mit Ersatzwelten und Wunschprojektionen bedient. Dies thematisiert Robert F. Hammerstiel in seiner Arbeit Made by nature – made in China (2004), indem er die Darstellungsmechanismen der Werbe- und Konsumindustrie vorführt.

Laut FAO (Food and Agriculture Organisation of the United Nations) wird weltweit ein Drittel aller Lebensmittel vor ihrem Verzehr vernichtet. Mit Hinweis auf geografische, ökologische und produktionstechnische Daten dokumentiert Klaus Pichler dies in seiner Arbeit "One Third" (2011), die den Verfall abgelaufener Lebensmittel thematisiert. Bei Hanakam und Schuller wird Essbares und seine genussvolle Erfahrbarkeit in einen anderen Kontext verschoben. "Les Tartes" (2011-2012), auf den ersten Blick süße üppige Tortenstücke, entpuppen sich als gestreifte, dreieckige Prismen aus MDF, Kunststofffurnier und Leder.

Die Ausstellung präsentiert Arbeiten von Christian Ludwig Attersee, Joseph Beuys, Heinz Cibulka, Christian Eisenberger, Dieter Froelich, Adolf Frohner, Robert F. Hammerstiel, Markus Hanakam und Roswitha Schuller, Edgar Lissel, Alois Mosbacher, Otto Muehl, Hermann Nitsch, Klaus Pichler, Michael Pisk, Paul Renner, Dieter Roth, Rudolf Schwarzkogler, Roman Signer, Daniel Spoerri und Erwin Wurm, die verdeutlichen, wie relevant der künstlerische Umgang mit der Grundsubstanz Nahrung als elementares Verbindungsglied von Kunst und Leben bis heute geblieben ist.


Essen in der Kunst. Genuss und Vergänglichkeit
20. Oktober 2013 bis 23. März 2014

Klaus Pichler: Serie 'One Third': Strawberries, 2011. © Klaus Pichler / Anzenberger Gallery, Wien
Roman Signer: Lebkuchentisch, 2003. Foto: Aleksandra Signer; Galerie Martin Janda, Wien
Daniel Spoerri: Faux Tableau-piège, 2007/2008. Daniel Spoerri Privatstiftung, Hadersdorf am Kamp. Foto: Rita Newman; © Bildrecht, Wien, 2013
Joseph Beuys: Gib mir Honig, 1979. Konzett Gallery, Wien. Foto: Erich Tarmann; © Bildrecht, Wien, 2013
Markus Hanakam und Roswita Schuller: Les Tartes: Nuss, 2011-2012. Foto: Maxilmilian Hochstätter; VIERTELNEUN Gallery & Ateliers, Wien
Heinz Cibulka: Hühnerleibfraktur 2. Fotoaktion, 1970; © Bildrecht, Wien, 2013
Erwin Wurm: Untitled (Nr. 8), 2008. Galerie Thaddaeus Ropac, Salzburg/ Paris. Foto: Studio Wurm; © Bildrecht, Wien, 2013
Dieter Roth: Löwenselbst, 1969. Foto: Erich Tarmann; Konzett Gallery, Wien