Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg

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Mobile Welten

Apr 13, 2018 bis Okt 14, 2018

tn Um in der Gegenwart zu wirken, muss ein Museum immer wieder seine Verantwortung als Kultur- und Bildungseinrichtung reflektieren und den Dialog suchen. Perspektiven von außen geben wichtige Impulse dafür. 2015 lud das MKG Roger M. Buergel ein, mit der Vielfalt der Sammlung im MKG und ihrer Geschichte zu arbeiten. Die Bewegung von Objekten, Menschen und Ideen sowie die damit einhergehende Vermischung von Kulturen sind Gegenstand des Forschungsvorhabens "Mobile Welten. Zur Migration von Dingen in transkulturellen Gesellschaften", das in diesem Zusammenhang entstand.

Gemeinsam mit der Europa-Universität Viadrina Frankfurt/Oder, der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt/Main und der Erich-Kästner-Schule in Hamburg-Farmsen untersucht es die komplexen Verflechtungen von Objekt- und Lebenswelten durch Migration in Vergangenheit und Gegenwart. Im April findet der Arbeitsprozess seinen Abschluss in der "Mobile Welten oder das Museum unserer transkulturellen Gegenwart" unter der kuratorischen Leitung von Roger M. Buergel. Als Intervention in die Sammlung des MKG ist sie ein Versuch, traditionelle Denkmuster und Museumsstrukturen zu lösen und das transkulturelle Gewordensein der Dinge und ihrer Bedeutung in unserer Gesellschaft offenzulegen. Die Kuratoren des MKG erweitern dieses Unterfangen in Form von Satelliten in die Sammlungsbereiche hinein.

Die Ausstellung im Zentrum des Hauses begreift Buergel als Medium, das die Komplexität globaler Verflechtungen samt der Migration künstlerischer und sozialer Formen nicht nur behauptet. Dieses Format erlaubt es, Dinge, Texte und Bilder wie in einer dreidimensionalen Collage performativ miteinander zu verknüpfen. Auf diese Weise scheinen die historischen Bewegungskurven und gesellschaftliche Zusammenhänge auf, ohne dass die rund 80 einzelnen Exponate auf eine einzige Bedeutung oder Lesart festgeschrieben werden.

Im Geist der Weltausstellungen des 19. Jahrhunderts gegründet, deckt die Sammlung des MKG die verschiedensten kulturellen Geografien und deren jeweilige Zeitrechnungen ab – vom europäischen über den islamischen bis zum fernöstlichen Kulturraum. Diese Sammlung, zu der so unterschiedliche Dinge zählen wie hellenistische Vasen, frühneuzeitliche Musikinstrumente, indische Textilien, chinesisches Porzellan und moderne Rasierapparate, fügt sich nicht in die tradierten museologischen Einteilungen wie "Kunst", "Kunsthandwerk" oder "ethnologische Artefakte".

In dieser Durchmischung liegt für Roger M. Buergel die eigentliche Stärke des MKG. Ihn interessiert der enzyklopädische Charakter der Sammlung, "der die Möglichkeit einer Überwindung der eurozentrischen Konzeption der Institution "Museum‘ eröffnet", so Buergel. Eine Überwindung, die notwendig sei, "will das Museum seinem Bildungsauftrag unter Bedingungen einer transkulturellen Realität nachkommen. Das Abschütteln der etablierten museologischen Raster und das Hinterfragen des eigenen Selbstverständnisses aber ist schwierig." Zunehmend sei die Institution Museum auf Wissensformen angewiesen, die nicht aus der akademischen Welt stammen, aber die Dynamik des transkulturellen Alltags umso besser erfassen und bewältigen können.

Das Ziel des heutigen enzyklopädischen Museums liegt für Buergel darin, mit einer Vielzahl gesellschaftlicher Akteure die Komplexität der globalen Gegenwart zu erschließen und deren unterschiedliche historische Herkünfte und Verknüpfungen zu vermitteln. In der Moderne sieht er den Schlüssel zu diesen Verknüpfungen. Anders als behauptet, stellt sie für ihn keine westliche Errungenschaft dar, sondern resultiert aus einer globalen Ko-Produktion, die jedoch nicht immer freiwillig erfolgte: "Sie ist geprägt durch imperialistische Expansion und Kolonialismus, was sich an sämtlichen westlichen Museumssammlungen mit enzyklopädischem Anspruch mehr oder minder deutlich ablesen lässt."

Den Ausgangspunkt der Mobilen Welten bilden Artefakte aus der Sammlung des MKG, die die Kuratoren gemeinsam mit Roger M. Buergel ausgewählt haben. Diese Stücke eint, dass sie nicht einer "Kultur" oder einem Ort eindeutig zuzuordnen sind und somit "zwischen den Stühlen" der etablierten Abteilungen sitzen, wie etwa eine persische Keramikschale aus dem 17. Jahrhundert, die den Eindruck zu erwecken sucht, sie sei chinesisches Porzellan aus der Ming-Dynastie. Beim Studium stilistischer Bezüge, die sich zwischen kulturellen Geografien wie Persien und China ergeben, soll die Ausstellung nicht stehenbleiben. Vielmehr stellt Roger M. Buergel die Frage, in welcher Weise diese Stücke mit unserer globalen Gegenwart kommunizieren oder zu dieser sogar den Schlüssel liefern könnten.

Die Beantwortung dieser Frage erfordert zunächst eine Analyse der gesellschaftlichen Bedingungen unserer Gegenwart. Einen entscheidenden Anteil an dieser Analyse haben Hans-Peter Hahn und Friedemann Neumann vom ethnologischen Institut der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt/Main sowie Sophia Prinz vom Lehrstuhl für vergleichende Kultursoziologie an der Universität Viadrina Frankfurt/Oder. Die wissenschaftliche Forschung widmet sich nicht nur der Frage, welche Rolle die alltäglichen Dinge bei der Herausbildung sozialer Ordnungen, Praktiken und Subjekt-formen spielen, sondern untersucht darüber hinaus, welche Funktion den Dingen in postmigrantischen Gesellschaften zukommt: Inwiefern führen Dinge, die von einem Ort zum anderen wandern, bestimmte Selbst- und Weltverhältnisse mit sich? Und wie werden sie in unterschiedlichen sozialen Kontexten jeweils angeeignet?


Mobile Welten
oder das transkulturelle Museum unserer Gegenwart
13. April bis 14. Oktober 2018

Detail: Omoshirogara-Kimono (für Kinder). Japan, 1920er bis 1930er, Baumwolle bedruckt; Sammlung Johann Jacobs Museum Zürich. Foto: Geneviève Frisson; © Mobile Welten / MKG
Albrecht Dürer (1472-1528): Bildnis eines Afrikaners, 1508; © Albertina, Wien
Der große Kamm, Dekorationsobjekt Hercules Sägemann. Sammlung Museum für Arbeit, Hamburg; Foto: Geneviève Frisson. © Mobile Welten / MKG
Ines Doujak (*1959): Ohne Titel, 2004; © Ines Doujak
Porträt Roger M. Buergel; Foto: Michaela Hille