Museum Angewandte Kunst

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Das Prinzip Kramer. Design für den variablen Gebrauch

Feb 6, 2014 bis Sep 7, 2014

tn Ferdinand Kramer (1898-1985) gilt als einer der wichtigsten Architekten und Designer der deutschen Gestaltungsmoderne. Mit neuen Vorstellungen vom Gebrauch der Dinge – den Begriff "Mobiliar" nahm er wörtlich – verlieh Kramer den sich verändernden Lebensverhältnissen im 20. Jahrhundert Ausdruck und Gestalt. Ab Februar 2014 zeigt das Museum Angewandte Kunst in Frankfurt am Main mit "Das Prinzip Kramer. Design für den variablen Gebrauch" eine umfassende Retrospektive Kramers.

Vielen vor allem als Architekt von Großprojekten wie dem "Neuen Frankfurt" der 1920er Jahre oder der Goethe-Universität Frankfurt in der Nachkriegszeit bekannt, wird Kramer hier als Designer vorgestellt. Es ist die Reflexion gesellschaftlicher Entwicklungen, das Mitdenken des – immer auch sozialen – Umraumes in einem Prozess des Gestaltens, der sich speist aus dem Geist einer veränderten Sicht auf die Welt, es sind Attribute wie Einfachheit, Klarheit und Benutzbarkeit, die Kramers Arbeiten ausmachen. Wie für ein Warenhaus und lange vor Unternehmen wie IKEA schuf Kramer flexible Möbel zum Selbst-Zusammenbauen, modulare Möbelsysteme sowie zerlegbare Tische und Schränke.

Mit über 100 Exponaten – Lampen, Öfen und Kannen aus den frühen 1920er Jahren, genormten Fenster- und Türbeschlägen sowie Klein- und Typenmöbel aus der Zeit des Neuen Frankfurt, mit Zeichnungen und Werken aus der Zeit von Kramers Emigration in die USA, zahlreichen Beispielen aus dem Inventar der Goethe-Universität Frankfurt und seltenen Objekten aus dem Besitz der Familie – präsentiert diese Ausstellung vor allem jene Sammlung von Designobjekten Ferdinand Kramers, die von Gerda Breuer während ihrer Tätigkeit an der Bergischen Universität Wuppertal aufgebaut wurde.

Nützlichkeit, Variabilität, Rationalität standen in den 1920er Jahren aufgrund der prekären wirtschaftlichen Situation der Nachkriegszeit im Vordergrund. Am Frankfurter Hochbauamt unter der Leitung des Stadtbaurates Ernst May war der junge Ferdinand Kramer für Fragen der Normung zuständig. Er entwarf Öfen, Türdrücker und Fensterbeschläge, Sperrholztüren, Möbel für Siedlungen, Schulen und Kindergärten. Nebenher entwickelte er Stühle und Schränke für die Firma Thonet, ähnlich wie sein Vorbild Adolf Loos. Zugleich war er in vielen einschlägigen programmatischen Ausstellungen vertreten, wie 1924 in Stuttgart bei der Werkbund-Ausstellung "Die Form" oder drei Jahre später in der Werkbund-Ausstellung "Die Wohnung" in der Weißenhofsiedlung Stuttgart, wo er ein Reihenhaus von J. J. P. Oud und zwei Wohnungen im Haus von Mies van der Rohe einrichtete.

Nachdem er 1937 aus der Reichskammer der bildenden Künste ausgeschlossen und mit Arbeitsverbot belegt worden war, emigrierte Kramer 1938 in die USA. Dort faszinierte ihn der mobile Lebensstil der Amerikaner. Er entwarf Miniküchen auf Rädern, "Knock-Down-Furniture" – zerlegbare Möbel nach dem Vorbild amerikanischer "Knock-Down-Houses" –, stapelbare, zusammenklappbare, fahrbare Möbel, ganze Wareneinrichtungen nach neuesten Theorien der Wahrnehmung und sogar einen Wegwerf-Regenschirm, den eleganten und erfolgreichen "Rainbelle".

Max Horkheimer, ab 1951 Rektor der Frankfurter Universität, holte Kramer 1952 nach Deutschland zurück. Als Baudirektor der Johann Wolfgang Goethe-Universität baute Kramer nicht nur das zerstörte Universitätsgelände mit 23 neuen Gebäuden wieder auf, sondern übernahm auch deren Inneneinrichtung. Hier waren flexible Möbel für den Massenbedarf von Studierenden gefragt. Mit Wiederauflagen aus den 1920er Jahren und dem kd-Möbelprogramm (knock-down), zerlegbaren Tischen und Schränken in einem modularen System, verschiedenen Formaten und vielen Kombinationsmöglichkeiten, schuf er flexible Gebrauchsmöbel.

Er wählte auch bewährte, industriell gefertigte Einrichtungsgegenstände, die auf dem Markt schon vorhanden waren, holte sie aus ihrer Anonymität heraus, um sie, teils ergänzt oder verbessert, ohne Rücksicht auf Status der Personen in allen Räumen der Universität einzusetzen. Zurückhaltend und dienend prägten sie sinnfällig eine Atmosphäre, die von einem aufgeklärten, demokratischen Geist bestimmt war. Heute erleben Kramers Entwürfe vom Türdrücker bis zum Couchtisch ein Revival, stehen sie doch für Werte wie Langlebigkeit, Zeitlosigkeit und Nachhaltigkeit, die in Zeiten schwindender Ressourcen wieder von größter Aktualität sind.


Das Prinzip Kramer. Design für den variablen Gebrauch
6. Februar bis 7. September 2014
Eröffnung: Mi 5. Februar 14, 19 Uhr

Ferdinand Kramer: Zeichnungen für die Patentanmeldung des Regenschirms Rainbelle, um 1948-51
Ferdinand Kramer: Wohnraumeinrichtung, Rotterdam, 1927. Foto: Kramer Archiv, Frankfurt am Main
Ferdinand Kramer: Sessel, 1926. Foto: Kramer Archiv, Frankfurt am Main
Titel der Zeitschrift: Das Neue Frankfurt, Februar 1929. Foto: Grete Leistikow
Montage eines Kleiderschranks der Put-Away-Serie. Foto: Kramer Archiv, Frankfurt am Main
Ferdinand Kramer: Arbeits- und Konferenztisch aus dem kd-Programm, mit Eron-Stühlen, um 1959/60. Universitätsarchiv Frankfurt