Museum der Moderne Mönchsberg

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Resonanz von Exil

Jul 14, 2018 bis Okt 28, 2018

tn Mit der Ausstellung "Resonanz von Exil" findet die 2017 erfolgreich am Museum der Moderne Salzburg gestartete Reihe zur Erforschung der Geschichte von Künstler_innen mit Exilhintergrund ihre Fortsetzung. Wurden im Vorjahr die biografischen und künstlerischen Brüche im Leben von vier Künstlerinnen mit Exilerfahrung vorgestellt, stehen nunmehr das Leben und Wirken von Exilant_innen am neuen Lebensort und deren Resonanz im Fokus einer Ausstellung. Für die aktuelle Thematik wird das Schaffen von Valeska Gert, Lisette Model, Madame d’Ora, Wolfgang Paalen, Lili Réthi und Amos Vogel beleuchtet.

Der titelgebende Begriff "Resonanz" umfasst unterschiedliche Formen von Widerhall, den das erzwungene Exil in den Arbeiten der Künstler_innen sowie am Ort ihrer Zuflucht und auch nach ihrer Rückkehr in ihr Herkunftsland fand. Model, Paalen, Réthi und Vogel beeinflussten an ihren jeweiligen Wirkungsstätten maßgeblich die Entwicklung ihrer spezifischen Tätigkeitsfelder, während Gert und d’Ora die Erfahrungen des Exils nach ihrer Rückkehr in dunklen Bildern oder düsteren Stücken verarbeiteten. Die Erforschung von Migrationsschicksalen und die Wiederentdeckung von Künstler_innen wird vom Museum der Moderne Salzburg seit einigen Jahren in führender Rolle forciert.

Valeska Gert (1892 Berlin, DE – 1978 Kampen, DE) wächst in einer jüdischen Kaufmannsfamilie auf. 1916 debütiert sie als Tänzerin und erhält daneben ein Engagement an den Münchner Kammerspielen. Große Erfolge haben ihre Tanzpantomimen, in welchen sie Verhaltensformen beim Boxen oder bei der Prostitution sowie jene einer Kupplerin, aber auch von Politikern analysiert. Die Pantomimen machen sie zum skandalumwitterten Star. Nach 1933 arbeitet sie vor allem in Frankreich und England; 1939 emigriert sie nach New York, wo sie zwischen 1941 und 1945 die Beggar Bar, ein Hybrid aus Kabarett und Nachtclub, betreibt. Nach ihrer Rückkehr nach Europa im Jahr 1947 eröffnet Gert mehrere ähnliche Bars, zuerst in Zürich, dann in Berlin und schließlich in Kampen auf Sylt. Es sind Kunst-Orte, multimediale Konzepträume, die den Rahmen für die Performances von Valeska Gert selbst sowie ihre "Angestellten", darunter Tennessee Williams und Klaus Kinski, bieten. Die legendäre Kabarett-Bar "Ziegenstall" auf Sylt betreibt sie bis zu ihrem Tod 1978.

Lisette Model (geborene Elise Amelie Felicie Stern; 1901 Wien, AT – 1983 New York, NY, US) studiert zunächst Musik bei Edward Steuermann und Arnold Schönberg. Zur Fotografie kommt sie durch ihre Schwester Olga, die in Wien u. a. bei Lotte Meitner-Graf eine Fotolehre macht. Nach dem Tod des Vaters zieht die Familie 1926 nach Paris. Im Sommer 1934 reist Lisette Model nach Nizza und fotografiert die gehobene Gesellschaft auf der Promenade des Anglais. Die Bilder entstehen mit einigem Abstand – erst bei der Entwicklung des Abzuges entscheidet sie sich für einen bestimmten Ausschnitt, der für sie zum Markenzeichen wird. 1938 emigriert sie mit ihrem Mann Evsa Model nach New York. Der Bildredakteur Ralph Steiner und der Art-Director von Harper’s Bazaar Alexey Brodovitch unterstützen Model in ihrer Fotografie. Sie porträtiert die Stadt und die Menschen, vor allem die Außenseiter, wie sie auf der Straße, in Bars und Clubs anzutreffen sind. Model entwickelt sich im Exil in den Vereinigten Staaten zu einer der einflussreichsten Lehrerinnen für Fotografie in New York. Ihre Art zu fotografieren wird zum Vorbild für eine ganze Generation von Fotograf_innen, wie Diane Arbus, welche sie ab 1951 an der New School for Social Research in New York unterrichtet.

Madame d’Ora (geborene Dora Kallmus; 1881 Wien, AT – 1963 Frohnleiten, AT) wird in eine wohlhabende jüdische Wiener Familie geboren. Sie belegt Kurse an der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt in Wien. 1907 macht sie eine Ausbildung im Berliner Atelier von Nicola Perscheid. Noch im selben Jahr gründet sie gemeinsam mit Arthur Benda das "Atelier d’Ora" in Wien. Dieses wird für die Wiener Künstler- und Intellektuellenszene bald zur begehrten Adresse und zum angesagten Modestudio. 1927 übergibt sie ihr Atelier an Arthur Benda und zieht nach Paris, wo sie bereits seit 1925 ein weiteres Atelier betreibt. 1942 muss sie Paris verlassen und überlebt die Kriegszeit in einem Dorf südlich von Lyon. Nach Kriegsende kehrt sie mehrmals nach Österreich zurück, wo es ihr gelingt, das "arisierte" Haus ihrer Schwester zurückzuerlangen. Obwohl d’Ora ihre Tätigkeit als Gesellschaftsfotografin wieder aufnehmen kann, sprechen ihre Nachkriegsserien mit Bildern von Flüchtlingslagern und Schlachthöfen eine andere Sprache als ihre Arbeiten vor dem Krieg. Auch die düster inszenierten Figuren des Salzburger Marionettentheaters scheinen zutiefst von ihren eigenen Erfahrungen geprägt.

Wolfgang Paalen (1905 Wien, AT – 1959 Taxco, MX) wird als Sohn eines reichen jüdischen Geschäftsmanns und einer Schauspielerin geboren. Mit Hilfe des kunstaffinen Vaters kommt er in Kontakt mit Kreisen der Berliner Sezession. 1933 wird er Mitglied der Gruppe Abstraction-Création und wenig später prominentes Mitglied der surrealistischen Bewegung um André Breton. 1939 emigriert er nach Mexiko, wo er 1940 zusammen mit dem in Paris verbliebenen Breton und dem peruanischen Dichter César Moro die Ausstellung "La Exposición Internacional del Surrealismo en México" in der Galeria de Arte Mexicano kuratiert. Die gemeinsame Präsentation von sowohl präkolumbianischen als auch modernen Werken in einer Ausstellung ist in Mexiko zu diesem Zeitpunkt noch beispiellos und wird von nachfolgenden Ausstellungsorganisator_innen übernommen, um die Wurzeln zeitgenössischen mexikanischen Kunstschaffens aufzuzeigen. Ab April 1942 gibt er die Zeitschrift DYN heraus, die als wichtige Inspirationsquelle des US-amerikanischen Abstrakten Expressionismus gilt. Im Alter von 54 Jahren nimmt sich Paalen in Mexiko das Leben.

Lili Réthi (1894 Wien, AT – 1971 New York, NY, US) wächst in Wien auf und besucht dort die Kunstschule für Frauen und Mädchen sowie die Graphische Lehr- und Versuchsanstalt. Ihre Faszination für die industrielle Arbeitswelt veranlasst Réthi früh zu Studienaufenthalten in Großbetrieben. Die politisch engagierte Künstlerin unterstützt die Sozialdemokratie und fertigt bis zu ihrem Umzug nach Berlin 1929 Illustrationen für die Wiener Arbeiter-Zeitung. Von Berlin aus unternimmt sie Reisen in die großen Industriestädte in Deutschland, Belgien, den Niederlanden und der Schweiz. 1938 emigriert die Künstlerin zuerst nach England und später in die Vereinigten Staaten. Sie erhält zahlreiche Aufträge zur Dokumentation von Häfen, Kanal- und Brückenbauprojekten und bereist die großen Industriezentren in den Vereinigten Staaten und Kanada. Sie führt Illustrationen für Zeitschriften wie The New York Times Magazine und für über fünfzig Sach-und Kinderbücher aus.

Amos Vogel (1921 Wien, AT – 2012 New York, NY, US) wächst als Sohn eines Anwalts und einer Pädagogin in bürgerlich-liberalen Verhältnissen auf. Im Herbst 1938 gelingt ihm mit seinen Eltern die Flucht, die ihn zuerst nach Kuba und sechs Monate später in die Vereinigten Staaten führt. Dort schreibt er sich an der New School of Social Research ein. Gemeinsam mit seiner Frau Marcia Diener gründet er im Herbst 1947 den Filmclub Cinema 16, welcher rasch zur größten und einflussreichsten Film Society der amerikanischen Filmgeschichte avanciert und zu seinen besten Zeiten an die 7000 Mitglieder zählt. Bei der Programmierung kennt Amos Vogel keine Grenzen. Er zeigt Lehrfilme neben Experimentalfilmen, lässt Animations- auf NS-Propagandafilme folgen und wird nicht zuletzt zum Förderer junger Talente. Nach dem Ende des Filmclubs im Jahr 1963 wird Amos Vogel zum Mitbegründer des New York Film Festival. Er leitet das Film Department des Lincoln Centers und kuratiert zahlreiche aufsehenerregende Retrospektiven am Museum of Modern Art. Mit Film as a Subversive Art (1974) veröffentlicht er eine alternative Filmgeschichte, welche zu den klassischen Werken der Filmliteratur zählt.


Resonanz von Exil
14. Juli bis 28. Oktober 2018

Lisette Model: Laufende Beine 42. Straße, New York, 1940-1941. © Estate of Lisette Model, courtesy Albertina, Wien
Valeska Gert: Berlin Underworld, 1934; Foto: William Davis. © William Davis, Courtesy Theaterwissenschaftliche Sammlung Universität zu Köln
Lisette Model: Nice, Flowered Dress, Promenade des Anglais, 1934-1937. © Estate of Lisette Model; courtesy Albertina, Wien
Valeska Gert: Samoanischer Tanz; © ullstein bild