Kunsthaus Zürich

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Sanft entrückt – Kinder wie im Traum

Nov 29, 2013 bis Feb 9, 2014

tn Vom 29. November 2013 bis zum 9. Februar 2014 zeigt das Kunsthaus Zürich Kinderdarstellungen von Albert Anker, Johann Heinrich Füssli, Anton Graff, Ferdinand Hodler, Giovanni Segantini, Giovanni Giacometti und Pablo Picasso. Die Besonderheit in diesen Bildern: alle Kinder scheinen in sich versunken, abwesend zu sein. Das in Verbindung mit den Themen Schlaf, Traum und Tod einhergehende Entrücktsein ist in der Ausstellung zentral und wird in einem erweiterten Sinn dargestellt.

Schlafen und Träumen sind Formen des Entrücktseins. Historisch wie inhaltlich lässt sich dieses Phänomen der Introspektion auch als Zeichen einer selbstvergessenen Weltverlorenheit interpretieren. Die Erinnerung an die Kindheit ist nicht nur die Reflexion über Idylle und Heiterkeit, sondern führt über die künstlerische Auseinandersetzung zu tieferen Sinnebenen. Bei den gezeigten Werken lenken der in die Ferne schweifende Kinderblick oder die geschlossenen Augen die Aufmerksamkeit auf innere Befindlichkeiten.

Sie spiegeln einerseits die Sehnsucht nach einer verloren gegangenen paradiesischen Ursprünglichkeit, stehen andererseits aber auch für das Utopische und Visionäre einer im Aufbruch stehenden Zeit. Das Eintauchen in eine innere Ideen- und Gedankenwelt hat Folgen. Übergänge vom Fantastischen zum Idealen und zum Bedrohlichen sind fliessend. Hinter ihnen verbirgt sich potenziell Erfüllung und Verlust, Glück und Leid, Kreativität und Vergänglichkeit. Entrückte, eingeschlafene oder entschlafene Kinder werden gleichsam zur Metapher für das Überschreiten der Schwelle zum Unterbewussten, zum Verborgenen.

Evoziert die stabile Bildordnung bei Albert Anker auf den ersten Blick noch Schutz und Geborgenheit im Schlaf, verbindet sich mit dieser vordergründigen Ruhe und Kontemplation auch eine innere Bewegtheit und Zerbrechlichkeit, welche über das Kindsein hinaus auf die menschliche Vergänglichkeit und bedrohte Existenz verweist. Das Festhalten am schönen Schein wird bei näherer Betrachtung mehr und mehr zur Illusion, denn zahlreiche Kinder in der Schweiz waren im 19. Jahrhundert mit Arbeit, Armut und Krankheit konfrontiert. Dies bezeugt Giovanni Segantini, der zu dieser Zeit von der Welt abgewandte Waisenkinder darstellt. Lange vor ihm rückte Johann Heinrich Füssli im "Wechselbalg" (1780) bereits das Neugeborene, entrissen aus der Obhut der Mutter, visionär in unmittelbare Todesnähe.

Wunsch-, Erinnerungs- oder Gedenkbilder durchmischen sich in der Ausstellung. So erscheint in Anton Graffs "Bildnis der Gräfin Armfeld mit ihrer Tochter" (um 1793) das verstorbene Mädchen mit abgewandtem Blick als leuchtende Erscheinung. 1894 stellt Ferdinand Hodler in "Bezauberter Knabe" das Kind als schwebende Figur in einer Traumlandschaft dar. Alltägliches Tun, das Spielen oder Musizieren in sich versunkener Kinder tauchen bei Giovanni Segantini oder Giovanni Giacometti auf. Sie sind oft eingebettet in eine Landschaft, welche die Aussenwelt als eine verklärte Wirklichkeit erscheinen lässt.

Das In-sich-Gekehrtsein der Kinder im Schlaf und Tod begleitet Künstler bis ins 20. Jahrhundert. Körperlich in unmittelbarer Nähe mit dem greisen Blinden, jedoch mit abgewandtem, introvertiertem Blick lauscht der Junge auf Picassos "Der Drehorgelspieler mit Knabe" (1905) den sich verflüchtigenden Klängen der Drehorgel. Die entspannten Körper wirken lethargisch – eine Schicksalsgemeinschaft von Aussenseitern, welche zu Identifikationsfiguren und zur melancholischen Selbstdarstellung des Künstlers werden.

All diese subtil korrespondierenden Facetten führen in die realen, fiktiven und projizierten Innenwelten der behüteten, aber auch versehrten Kinder des 19. Jahrhunderts und erlauben einen Einblick von seltener Tiefe.


Sanft entrückt – Kinder wie im Traum
29. November 2014 bis 9. Februar 2014

Albert Anker: Zwei schlafende Mädchen auf der Ofenbank, 1895. Öl auf Leinwand, 55,5 x 71,5 cm; Kunsthaus Zürich, Geschenk August F. Egli, 1911
Johann Heinrich Füssli: Der Wechselbalg, 1780. Farbige Kreide auf Papier, 48 x 53 cm; Kunsthaus Zürich, Grafische Sammlung
Anton Graff: Bildnis der Gräfin Armfeld mit ihrer Tochter, um 1793. Öl auf Leinwand, 109 x 95 cm; Kunsthaus Zürich, Legat Walter Boveri, 1996
Ferdinand Hodler: Bezauberter Knabe, 1894. Öl auf Leinwand, 106 x 70 cm; Kunsthaus Zürich, Leihgabe der Gottfried Keller-Stiftung
Giovanni Segantini: Strickendes Mädchen, 1888. Öl auf Leinwand, 53 x 91,5 cm; Kunsthaus Zürich, Leihgabe der Gottfried Keller-Stiftung