Museum im Lagerhaus

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Wahnsinn sammeln

Dez 3, 2013 bis Mär 2, 2014

tn Outsider Art steht aktuell im Brennpunkt der zeitgenössischen Kunst: KünstlerInnen wie Guo Fengyi und Anna Zemánková sind an der Biennale von Venedig 2013 und auch in der Sammlung Karin und Gerhard Dammann vertreten. Das im Thurgau lebende Sammlerpaar hat eine internationale Sammlung ausgesuchter Qualität zusammengetragen. Das Museum im Lagerhaus zeigt Neuzugänge, darunter berühmte Klassiker, wie die Künstler aus Gugging, historische Werke, die ursprünglich aus der Sammlung Prinzhorn (Heidelberg) stammen, zeitgenössische Werke und faszinierende Einzelstücke.

Sieben Jahre nach der ersten Präsentation in der Sammlung Prinzhorn, Heidelberg (2006) sowie in Museen in Hamburg und Zürich, wird die zweite Ausstellung "Wahnsinn sammeln – Outsider Art aus der Sammlung Dammann" gezeigt. In diesen sieben Jahren ist nicht nur die Sammlung des Ehepaares Karin und Gerhard Dammann um eine Reihe neuer Arbeiten gewachsen. Mit der zweiten Ausstellung setzt die Sammlung Dammann auch einen neuen Schwerpunkt. Wieder wird die Wanderausstellung (nächste Station: Stadthaus Ulm, 2014), die diesmal im Museum im Lagerhaus in St. Gallen ihren Anfang nimmt, von einem umfangreichen Katalog begleitet.

Nach dem allgemeinen Thema des Sammelns von Aussenseiterkunst des ersten Kataloges geht es in dieser zweiten Publikation schwerpunktmässig um psychiatrische Sammlungen bzw. das Sammeln dieser Art Kunst durch Psychiater. International namhafte AutorInnen aus dem Bereich der Outsider Art konnten für Beiträge gewonnen werden. Damit ist die Begleitpublikation nicht nur ein Bildband zur Ausstellung, sondern durch die unterschiedlichen Blickwinkel ist das Buch auch eine spannende wie aufschlussreiche Lektüre.

Der Psychiater als Sammler – ist das noch aktuell? Schon allein die Frage mag heute überraschen. Doch es ist noch nicht lange selbstverständlich, Werke der so genannten "Art Brut" oder "Outsider Art" tatsächlich im Kunstkontext zu sehen. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges bereist der französische Künstler Jean Dubuffet die Schweiz und begründet mit künstlerischen Werken aus psychiatrischen Kliniken seine Sammlung der Art Brut.

Harald Szeemann ist 1963 der erste Kurator, der die Arbeiten von PsychiatriepatientInnen in der Kunsthalle Bern an einem ausgewiesenen Kunstort auch als "Kunst" präsentiert. Damit versetzt er dem Diskurs über "Hochkunst" und "Irrenkunst" einen gewaltigen Schub und bringt schliesslich 1972 das Werk Adolf Wölflis an die legendäre Weltkunstschau documenta 5 nach Kassel, in den Rahmen internationaler zeitgenössischer Kunst. Seitdem verläuft die künstlerische Anerkennung der Outsider Art ungebrochen. Einflüsse von Harald Szeemanns "Hang zum Gesamtkunstwerk" und seines "Museums der Obsessionen" zeigen sich noch in den Ausstellungskonzepten "Brain" der documenta 2012 und des "Il Palazzo Enciclopedico" der Biennale di Venezia 2013.

Doch Ende des 19. bis in das 20. Jahrhundert hinein steht die Diskussion um Patientenkunst ganz im medizinischen Zusammenhang und Psychiater sind die ursprünglichen Sammler dieser Kunst. Gesammelt wird an den psychiatrischen Anstalten vor allem zu diagnostischen Zwecken, glaubt man doch, in der "Irrenkunst" den Ausdruck bestimmter psychopathologischer Merkmale wiederzufinden. Parallel zur künstlerischen Avantgarde ist man fasziniert von den ungewöhnlichen, oft verstörenden Bildfindungen. Es entsteht ein reger Diskurs unter den Psychiatern, in dem die Kollegen besondere Werke ihrer PatientInnen auch untereinander tauschen. So gelangen sie auf den Markt – und in neue Sammlungen.

Als bekannte sammelnde Psychiater seien an dieser Stelle genannt: Marcel Réja (eigentlich Paul Meunier), Walter Morgenthaler, Hans Steck, Hermann Rorschach, Gaston Ferdière, Auguste Marie, Lucien Bonnafé, Vittorino Andreoli oder Leo Navratil. Eine Ausnahme ist der Kunsthistoriker und Arzt Hans Prinzhorn, der an die Psychiatrische Klinik Heidelberg berufen wird, eine schon vorhandene "Lehrsammlung" wissenschaftlich zu bearbeiten, und diese dann erweitert, ohne jedoch Psychiater zu sein. Für das Ehepaar Dammann ist es ein besonderes Privileg, dass sie eine Arbeit von Paul Goesch ("Sägen Witz") von Ingrid Müller-Suur, der Tochter des Göttinger Psychiaters Hemmo Müller-Suur, als Schenkung erhalten haben.

Gerhard Dammann ist selbst Psychiater und zusammen mit seiner Ehefrau Karin bekannt als leidenschaftliche Sammler von Outsider Art. Inzwischen hat das im Thurgau lebende Paar eine internationale Kunstsammlung von rund 300 Werken ausgesuchter Qualität zusammengetragen. Als Privatsammlung, bei der die Freude an der Kunst im Vordergrund steht, ist sie kaum mehr eine "psychiatrische" Sammlung zu nennen. Gleichwohl versteht sich Gerhard Dammann in der Nachfolge seiner Sammlerkollegen: Die Auseinandersetzung mit den Grundkonflikten des Menschen ist sein Lebensthema – sowohl in seiner Arbeit als Psychiater als auch in der Beschäftigung mit Outsider Art.


Wahnsinn sammeln
Outsider Art aus der Sammlung Dammann
3. Dezember 2013 bis 2. März 2014

Karl Hans Janke (1909–1988): 'Werdegang der ersten Lebewesen', 1968–1977. Mischtechnik auf Papier; © Sammlung Dammann
Janko Domsic (1915–1983): Ohne Titel, um 1970. Kugelschreiber und Filzstift auf Karton; © Sammlung Dammann
James Edward Deeds ('The Electric Pencil', 1908): 'Endia Girl', 1936–1966. Bleistift und Farbstift auf Papier; © Sammlung Dammann
Horst Ademeit (1937–2010): '2548', 1995. Polaroidfoto und Kugelschreiber; Courtesy Sammlung Dammann. © Galerie Susanne; Zander/ Delmes & Zander, Köln
GUO Fengyi (1942–2010): 'Image of the Ninth Hexagram', 1990. Filzstift auf Japanpapier; © Sammlung Dammann
August Klett ('August Klotz', 1866–1928): 'Ehre sei Gott in der Höhe', undatiert. Bleistift, Farbstift und Aquarell auf Papier; © Sammlung Dammann