Albertina

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Dreaming Russia

Okt 12, 2013 bis Dez 1, 2013

tn Einen einmaligen Einblick in die russische Kunst der Gegenwart gibt die Ausstellung Dreaming Russia. Viele der hier ausgestellten Künstlerinnen und Künstler sind erstmals in Österreich zu sehen, obgleich sie in ihrer Heimat bereits als sehr erfolgreich und bekannt gelten. Zeitgenössische Kunst aus Russland ist ein in Europa bislang nur wenig beachtetes Phänomen.

Noch immer ist unser Bild von der russischen Kunst primär von deren Avantgarde geprägt. Diese Verengung des europäischen Blicks auf den kleinen Ausschnitt der russischen Moderne erklärt sich durch die außerordentliche Wirkung, die zwischen 1910 und 1925 von der Kunstszene in Petrograd ausgegangen ist.

Dank einer Kooperation mit der Gazprombank ist es der Albertina nun möglich, das aktuelle Kunstschaffen Russlands zu präsentieren, das sich polymorph aller Kunstgattungen bedient: der Malerei wie der Fotografie, der Rauminstallation, der Performance wie dem Skulpturalen. Stets steht hinter diesen vielfältigen Positionen ein strenger Formalismus, der jedem einzelnen Element - von der innerbildlichen Komposition bis zu raumgreifenden Arrangements - einen konstruktiv präzisen Ort zuweist: ein Gestaltungsprinzip, das zutiefst in der Frühzeit der russischen Avantgarde wurzelt. Sowohl in ihrem konzeptuellen Ansatz wie in ihrem konstruktiven Geist ist die junge russische Kunst von den Folgen dessen geprägt, was Stalin und seine Doktrin des sozialistischen Realismus nur unterbrechen, nicht jedoch ausrotten konnte.

Yuri Alberts minimalistische Installation "Self-Portrait with Closed Eyes" ist ein charakteristisches Beispiel: Die weißen Tafeln oszillieren als Gegenstand zwischen Bild und spezifischem Objekt. Ihre sich dem Tastsinn erschließende Beschreibung von van Gogh- Gemälden in der Braille'schen Blindenschrift verbindet die An-Greifbarkeit des Kunstwerks mit dem visuellen Vorstellungsvermögen. Die monochromen Tafeln hängen mit ihrer Oberkante wie an einer Wäscheleine und geben so der ein formal strenges Gehabe, das ihren unmittelbaren Ahnherren in der reinen Vergeistigung der suprematistischen Kunst eines Malewitsch findet. Selbst die Arbeit von Olga Chernysheva mit der scheinbar unverbindlichen Zufälligkeit der von hinten fotografierten Wollmützen in den Straßen Russlands steht durch die Serialität und kompositorisch bestimmende Macht der Mitte der konzeptuellen Sachlichkeit der Architekturtypologien von Bernd und Hilla Becher näher als einer narrativen Street Photography, die - wie Lee Friedlander es vorexerziert - ebenfalls dem Passanten fotografisch in den Rücken fällt.

Ein weiteres Wesensmerkmal russischer Kunst, das sich in den letzten hundert Jahren in verschiedensten Ausprägungen findet, ist die poetische Kraft, die den besten, nur scheinbar blutleeren Werken russischer Konzeptkunst innewohnt. Olga Chernysheva nennt das Bildergitter ihrer Permutationen von Wollmützen "Waiting for the Miracle". In Werk und Titel vermählen sich Concept Art, Konstruktivismus und der Zauber der Poesie zu einer unauflösbaren Einheit. Dies gilt für alle Werke, die wir aus der so reichhaltigen Kollektion der Gazprombank ausgewählt haben; selbst für jene, die den Schrecken der atomaren Zerstörung des Reaktors in Tschernobyl dokumentieren. So wird etwa bei Daria Irincheeva das Buch – traditionell der schlechthinnige Speicher des Wissens – zu einer Symbolfigur der Oberfläche und der Leere. Nur noch dank der perfekten Mimikry erinnern die hundert Gemälde an ebenso viele Bücher. Innerlich aber bestehen sie aus nichts als Farbe auf Leinwand: Diese Trompe l'oeils sind "Empty Knowledge".

Kaum ein anderes Werk repräsentiert die Komplexität der russischen Gegenwartskunst so rein wie Leonid Tishkovs "Private Moon". Die Serie vereinigt die Poesie des Träumens in der metaphorisch weit über den Wortsinn hinausreichenden eisigen Kälte der russischen Nacht mit dem Konzeptualismus der russischen Avantgarde und der performativen Gestalt einer gesellschaftskritischen Agitationskunst: ihr Cachet ist Einsamkeit und Isolation, die umso trostloser erscheint, je mehr der zum Surrogat menschlicher Wärme verkommene Mond die großstädtischen Szenarien möbliert.


Dreaming Russia
12. Oktober bis 1. Dezember 2013

Olga Chernysheva: Waiting for the Miracle, 2000. © The Artist and Gazprombank Collection
Olga Chernysheva: Waiting for the Miracle, 2000. © The Artist and Gazprombank Collection
Sergei Shestakov: Untitled, 2010/12. From the series 'Trip to the future. Stop # 1 (Chernobyl)'; © The Artist and Gazprombank Collection
Sergei Shestakov: Untitled, 2010/12. From the series 'Trip to the future. Stop # 1 (Chernobyl)'; © The Artist and Gazprombank Collection
Leonid Tishkov: Every morning he buries the moon, 2003/05. From the series 'Private moon'; © The Artist and Gazprombank Collection
Leonid Tishkov: Every morning he buries the moon, 2003/05. From the series 'Private moon'; © The Artist and Gazprombank Collection