Kunstmuseum Basel / Museum für Gegenwartskunst

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weitere Ausstellungen

Martha Rosler & Hito Steyerl. War Games

Mai 5, 2018 bis Dez 2, 2018

tn Die Ausstellung "War Games" im Kunstmuseum Basel | Gegenwart präsentiert Werke von Martha Rosler und Hito Steyerl. Sie setzt sowohl frühe als auch aktuelle Arbeiten in einen mit den Künstlerinnen gemeinsam konzipierten Dialog. Rosler und Steyerl stellen das erste Mal miteinander aus – für beide handelt es sich ausserdem um die erste umfassende Schau in der Schweiz. Neben zahlreichen Videoarbeiten, Fotos, Fotomontagen, Bannern und Objekten sind auf zwei Etagen des Hauses raumgreifende Multimedia-Installationen zu sehen, die die Besucher mit spektakulär inszeniertem Hightech-Bildmaterial konfrontieren.

Die OEuvres beider Künstlerinnen thematisieren Schnittstellen zwischen Politik und Massenmedien. Sowohl in ihrer künstlerischen als auch theoretischen Produktion reflektieren Rosler und Steyerl den Zusammenhang zwischen unserer Wahrnehmung der gesellschaftlichen Realität und den für ihre Vermittlung massgeblichen audiovisuellen Medien. So bediente sich Rosler schon in den 1970er Jahren des Fernsehformats der Kochsendung, um feministische Anliegen zu transportieren. Heute beschäftigt sie sich mit den Effekten drohnengestützter Bildproduktion und mit den Umwälzungen, die im Bereich der politischen Meinungsbildung durch soziale Medien ausgelöst werden.

Steyerl – deren frühe filmische Arbeiten ihre Auseinandersetzung mit dem Dokumentar- und Essayfilm spiegeln – vermischt in neueren Videoinstallationen zunehmend computeranimierte Bildwelten mit der Ästhetik selbstproduzierter Clips, wie man sie im Internet auf zahlreichen Plattformen findet. Dabei problematisiert sie die ambivalente Funktion digitaler mobiler Kommunikations- und Bildapparaturen, bei deren Gebrauch Gegensätze wie Ermächtigung und Kontrolle oder gespielte und reale Kriege stets unauflösbar gekoppelt sind.

Ein wiederkehrendes Motiv der in "War Games" versammelten Werke ist die künstlerische Beschäftigung mit Formen sozialer, politischer, ökonomischer und militärischer Dominanz. In verschiedenen Arbeiten und anhand unterschiedlicher Konfliktfelder wie (Post-)Kolonialismus, Antisemitismus, Migration, Fremdenfeindlichkeit, Krieg, Stadtentwicklung, Konsum und Geschlecht werden sowohl harte wie auch weiche Mechanismen gesellschaftlicher Macht- und Herrschaftsverhältnisse thematisiert. In diesen Zusammenhang gehört auch die Rolle kultureller Institutionen – darunter das Museum – innerhalb existierender politisch-ökonomischer Hegemonien. Eine Vielzahl der gezeigten Werke widmet sich dabei der heute wieder zunehmend beobachtbaren Tendenz zur Militarisierung des Alltagslebens, worauf auch der Titel der Ausstellung Bezug nimmt.

Die US-amerikanische Künstlerin Martha Rosler (*1943 in New York, lebt in Brooklyn) hat sich in den vergangenen 40 Jahren in Fotomontagen und -serien, Videokunst, Performances und Installationen stets mit aktuellen politischen, sozialen und gesellschaftlichen Themen auseinandergesetzt und ein überaus vielschichtiges Werk geschaffen. Bekannt wurde sie durch ihre mittlerweile legendäre Collagenserie "House Beautiful: Bringing the War Home (1967–1972)", in der sie Hochglanzansichten amerikanischer Wohnrauminterieurs aus der Zeitschrift "House Beautiful" (Schöner Wohnen) mit dokumentarischen Vietnam-Kriegsfotografien aus dem Life-Magazin kontrastierte. Mit diesen manipulierten Szenerien wollte sie eine Reflexion über die tatsächliche Erfahrung des Krieges im Ausland, und wie dieser zu Hause vor den Fernsehapparaten oder aus Zeitungen erlebt wird, evozieren.

Seit den 1960er-Jahren bezieht sie explizit feministische Positionen in Videos und Performances mit ein. Bekannt wurde sie auch als Autorin theoretischer Schriften, unter anderem zur Rolle des Politischen in der Fotografie. Die ab den 1980er Jahren entstandenen fotografischen Serien wenden sich vermehrt Alltagssituation zu, die Rosler in den Strassen New Yorks oder auf ihren zahlreichen Reisen findet. Sie befassen sich mit vorherrschenden gesellschaftlichen Normierungen und Machtverhältnissen. Ein weiterer Fokus ihrer Arbeit liegt in der kritischen Reflexion urbaner Verhältnisse und Strukturen. Für die Skulptur Projekte Münster hat sie 2007 mit der Installation "Unsettling the Fragments" von Naziinsignien gereinigte Denkmale des Stadtraums neu kontextualisiert, um auf die historischen Wunden und Brüche der Stadtgesellschaft aufmerksam zu machen.

Hito Steyerls (*1966 in München, lebt in Berlin) Videos und Texte bieten scharfsinnige und provokative Analysen der gegenwärtigen Gesellschaft und ihrer Institutionen. Die deutsche Künstlerin und Professorin an der Universität der Künste Berlin, wo sie das Research Center for Proxy Politics gründete, beschäftigt sich mit globalen Finanz- und Warenflüssen, mit Arbeitsverhältnissen im Neoliberalismus und Verstrickungen zwischen Konzernen und öffentlicher Politik. Sie spürt visuellen Regimen nach und reflektiert die Macht der Bilder, als Medien unserer Wahrnehmung und als Träger und Strukturgeber von Informationen.

In Steyerls jüngeren Arbeiten wie "The Tower" (2015) spielen digitale Technologien oft die zentrale Rolle. Dies gilt nicht nur für deren formale Realisierung, die in zunehmendem Masse auf digitaler Produktion beruht, sondern auch hinsichtlich der Themen der Filme. Digitale Informationsflüsse sind in ihren Videos aktive Agenten, nicht nur in physikalischen, sondern auch in gesellschaftlichen und sozialen Prozessen. Die Realität ist durch digitale Technologien erweitert worden und folgt ihr, so die Perspektive Steyerls. Mit einem sicheren Gefühl für Bildschnitt und Rhythmus schafft die Künstlerin in Arbeiten wie "How Not to Be Seen (A Fucking Didactic Educational .MOV File)" (2013) mit scheinbar spielerischer Leichtigkeit immersive, aber keineswegs bruchlose Montagen aus Computeranimationen, Screenshots, Found Footage aus den Massenmedien, und selbst gedrehten Szenen.


Martha Rosler & Hito Steyerl. War Games
5. Mai bis 2. Dezember 2018
Vernissage: Freitag, 4. Mai 2018, 18.30 Uhr

Martha Rosler: 'House Beautiful: Bringing the War Home, Photo Op', 2004. Fotomontage, 50,8 x 61 cm; Courtesy the artist. Photocredit: Courtesy the artist
Martha Rosler: Mosquito Drone, 2013. C-Print; Courtesy of the artist. Photocredit: Courtesy of the artist
Martha Rosler: 'Off the Shelf: War and Empire', 2008-2018. C-print, 71 x 56 cm; Courtesy the artist. Photocredit: Courtesy the artist
Hito Steyerl: The Tower, 2015. Three channel high-definition video installation, environment and sound, 6 minutes, 55 seconds; Image courtesy of the Artist and Andrew Kreps Gallery, New York. Photocredit: Image courtesy of the Artist and Andrew Kreps Gall
Hito Steyerl: Extra Space Craft, 2016. Three channel HD video, environment, 12 minutes, 30 seconds; Image courtesy of the Artist and Andrew Kreps Gallery, New York. Photocredit: Image courtesy of the Artist and Andrew Kreps Gallery, New York
Hito Steyerl: Extra Space Craft, 2016. Three channel HD video, environment, 12 minutes, 30 seconds; Image courtesy of the Artist and Andrew Kreps Gallery, New York. Photocredit: Image courtesy of the Artist and Andrew Kreps Gallery, New York