Jüdisches Museum Berlin

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weitere Ausstellungen

Lauter Fragen, die es in sich haben

Mär 22, 2013 bis Sep 1, 2013

tn Woran erkennt man einen Juden? Wie wird man Jude? Sind die Juden besonders geschäftstüchtig? Darf man über den Holocaust Witze machen? Glauben Juden an den Satan? 30 Fragen führen Besucher ab dem 22. März 2013 durch die Ausstellung "Die ganze Wahrheit … was Sie schon immer über Juden wissen wollten". Es sind Fragen von Besuchern an ein Jüdisches Museum und Fragen, die Erwachsene und Schüler an das Judentum stellen. Sie wurden über Monate aus der Fülle wiederkehrender Fragen in Foren, Gästebüchern des Museums und aus Erfahrungen der Museumsmitarbeiter ausgewählt.

Die Fragen werden jeweils mit einer Installation "beantwortet", die Objekte, Zitate und Texte miteinander in Beziehung setzt. Eine eindeutige oder gar "richtige" Antwort bekommt der Besucher nicht, sondern je nach Sprecher oder Akteur unterschiedliche Perspektiven. Insgesamt präsentiert die Schau 180 Objekte aus Religion, Alltagswelt und zeitgenössischer Kunst, die einen Einblick in jüdisches Denken, innerjüdische Identitätsdebatten und das Verhältnis zur nichtjüdischen Umwelt geben.

Zu der Frage "Gibt es noch Juden in Deutschland?" präsentiert die Ausstellung ein höchst ungewöhnliches "Exponat". Zu ausgewählten Zeiten wird ein jüdischer Gast in einer Vitrine Platz nehmen und – wenn gewünscht – auf Fragen und Kommentare der Besucher reagieren. Damit wird ein Fehdehandschuh aufgegriffen, den Kritiker Jüdischer Museen ihren Gründungsinitiatoren vor die Füße warfen. Der Vorwurf wurde geäußert, Juden könnten als Schauobjekte missbraucht werden und der Neugierde von Voyeuren ausgesetzt sein.

Andere wiederum verglichen die exponierte Rolle der Juden in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten, die vielen als Symbol für Millionen Ermordeter galt, mit Objekten einer Ausstellung. Der Journalist Richard C. Schneider beispielsweise kommentierte 2001 nach Eröffnung des Jüdischen Museums Berlin seine eigene Position als Jude mit dem Satz: "Ich bin ein lebendiges Ausstellungsstück. Leute, die in meiner Person zum ersten Mal in ihrem Leben einem Juden begegnen, reagieren oft irritiert. […] Plötzlich werde ich betrachtet wie in einer Vitrine, wie ein seltenes Exemplar unter Glas, das man eigentlich nicht kennt, aber zu kennen glaubt. […]." Auf der Suche nach der "ganzen Wahrheit" haben Besucher nun die Gelegenheit, sich dieser Irritation zu stellen.

Die Frage "Wer ist ein Jude?" beantwortete Israels erster Premierminister David Ben Gurion 1951 selbstironisch mit der Bemerkung: "Für mich gilt jeder als Jude, der meschugge genug ist, sich selbst einen zu nennen." Während kurz nach der Staatsgründung Israels jeder als Jude anerkannt wurde, der sich dazu bekennen mochte, stehen heute liberale Auslegungen orthodoxen Vorstellungen streitbar gegenüber. Das wahnhafte Bedürfnis nach wissenschaftlich überprüfbaren Provenienzkriterien hat neue Geschäftsmodelle befördert, die durch den genetischen Nachweis der Herkunft die mühevolle Aneignung von kulturellem Wissen überflüssig zu machen scheint. Ein für die Ausstellung beauftragter DNA-Test eines professionellen Anbieters, der mit der Behauptung "Genetisch gehören die Juden zu den faszinierendsten Völkern der Erde. […]" für sich wirbt, verspricht per Zertifikat, Haplogruppe, Urvolk und Ursprungsregion genetisch nachweisen zu können.

Während die unterschiedlichen jüdischen Gemeinschaften damit beschäftigt sind, zu klären, wen sie in ihre Reihen aufnehmen wollen, sind sich Nichtjuden oft nicht ganz sicher, mit wem sie es zu tun haben. In einem Raum mit der Fragestellung "Jude oder nicht?" flanieren Besucher durch einen Gang mit 12 großformatigen Portraits von historischen und aktuellen Berühmtheiten, über deren jüdische Identität man sich nicht ganz sicher sein kann.

Die Ausstellung "Die ganze Wahrheit… was Sie schon immer über Juden wissen wollten" greift mit Witz, Gelassenheit und Provokation viele aktuelle und gesellschaftliche Debatten auf, stellt Gegenfragen und sensibilisiert für stereotype Bilder sowie Denkmuster. Im Epilog der Ausstellung werden Besucher aufgefordert, ihre Fragen und Kommentare an eine Wand zu kleben – die nächsten Besucher reagieren, kommentieren oder hinterfragen das Gepostete. Bis September wird daraus die aktuelle "Frage des Monats" ausgewählt und in einem Videoblog kommentiert.


Die ganze Wahrheit… was Sie
schon immer über Juden wissen wollten

22. März bis 1. September 2013

Hutinstallation zur Frage: Woran erkennt man einen Juden? © Jüdisches Museum Berlin, Foto: Linus Lintner
Bild zur Frage: Darf man über den Holocaust Witze machen? Comic: »Girls at Concentration Camps« (2013). Dave McElfatrick, Cyanide and Happiness; © Explosm.net, 2013
Bild zur Frage: Jude oder nicht? Charlie Chaplin in »Der große Diktator« (1940); © www.doctormacro.com
Bild zur Frage: Jude oder nicht? Marilyn Monroe auf dem Cover des Modern Screen Magazine, November 1956; © Jüdisches Museum Berlin, Foto: Jens Ziehe
Bild zur Frage: Was geschieht mit den Zetteln in der Klagemauer? Rabbiner Shmuel Rabinowitz beim Reinigen der Westmauer; © Western Wall Heritage Foundation