Leopold Museum

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Wolken - Welt des Flüchtigen

Mär 22, 2013 bis Jul 1, 2013

tn Wolken faszinieren – doch verblüffender Weise waren sie bislang kaum Thema einer eigenen Ausstellung. Nun zeigt das Leopold Museum erstmals eine Überblicksausstellung von 1800 bis heute. Mehr als dreihundert Werke – hochkarätige Leihgaben aus ganz Europa und den USA – spannen einen Bogen von der "Erfindung" der Wolken um 1800 bis zur Gegenwart. Dabei überrascht die Ausstellung "Wolken. Welt des Flüchtigen" mit einem unerwarteten Facettenreichtum.

Wolken sind für das Wohl der Menschheit von existenzieller Bedeutung. Auf Grund ihrer vielfältigen Formen und Lichtbrechungen sind sie zudem von hohem ästhetischen Reiz. Trotzdem halten wir uns mit dem Phänomen der Wolken üblicherweise nicht lange auf, nehmen Wolken als selbstverständlich wahr. Hinzu kommt die Erfahrung, dass Wolken ihrer Natur nach einem ständigen Wandel unterliegen, nie gleich und ständig in Bewegung sind. Das Ephemere und ewig Flüchtige ist aber nicht nur ein Charakteristikum von Wolkenbildern, sondern bestimmt auch die Perspektive der Ausstellung "Wolken. Welt des Flüchtigen«.

Bildschöpfungen von 1800 bis heute führen vor Augen, wie sich Künstlerinnen und Künstler von Wolken nicht nur inspirieren ließen, sondern Wolkendarstellungen zentral ins Bild rückten und sie zu Trägern unterschiedlicher Empfindungen und Botschaften machten. Dabei treffen Zeichen poetischer Leichtigkeit und romantischer Interpretationen auf bizarre Gebilde, werden geheimnisvolle Himmelserscheinungen zu Menetekel, lichterfüllte Wolkenstudien treffen auf Industriewolken, Fiktion auf Wirklichkeit, Naturkatastrophen auf atomaren Fallout.

"Wolken. Welt des Flüchtigen" im Leopold Museum bietet erstmals einen systematischen Überblick über Wolkendarstellungen der letzten zwei Jahrhunderte. Die Ausstellung beleuchtet in zwölf oft überraschenden Kapiteln unterschiedliche Interpretations- und Darstellungsweisen vom frühen 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Um 1800 beginnen Künstler sich auffallend intensiv der akribischrealistischen Darstellung von Wolken zuzuwenden. Bahnbrechend sind etwa die herausragenden englischen Landschaftsmaler William Turner und John Constable – der wohl wichtigste Wolkenmaler überhaupt. Beide sind in der Ausstellung prominent vertreten, ebenso Caspar David Friedrich, der Hauptvertreter der deutschen Romantik. Sie geben das hohe Niveau der Ausstellung vor.

Ein eigenes Kapitel richtet den Blick auf den lichtdurchdrungenen "Himmel der Impressionisten" und präsentiert Meisterwerke von Claude Monet, Vincent van Gogh, Paul Cézanne und anderen. Im Kapitel "Wolken als Ornament" wird das Thema erweitert. Durch Stilisierung im Sinn einer ästhetisch verfeinerten Stilkunst führt der Weg von der ornamentalen Arabeske über die formale Reduktion hin zu geometrischer Umdeutung. Dieser künstlerische Weg wird durch Werke von Ferdinand Hodler, Kolo Moser und anderen Stilkünstlern um 1900 veranschaulicht.

Den Veranstaltern war es ein besonderes Anliegen, der um 1840 einsetzenden Fotografie in der Ausstellung einen gewichtigen Stellenwert einzuräumen: Sie revolutionierte die Möglichkeiten für das Festhalten von Natur und ihrer Phänomene. Früheste Wolkenstudien um 1850 sind besonders prominent in der Ausstellung vertreten, ebenso wie piktorialistische Arbeiten um 1900, die den Weg quer durch das 20. und 21. Jahrhundert in allen Kapiteln der Ausstellung weisen. Für die Frühzeit bis 1900 können Lichtbilder als wegweisendes neues Medium gelten, die im Rahmen der Ausstellung in einer Qualität und Vielfalt vertreten sind, wie noch in keiner anderen Ausstellung des Leopold Museum zuvor. Zu sehen sind Fotografien von Ansel Adams, Henri CartierBresson, Hugo Henneberg, Heinrich Kühn, Gustave Le Gray, Edward Steichen und Alfred Stieglitz sowie zeitgenössische Arbeiten von Six & Petritsch, Olafur Eliasson u.a.

Neue Perspektiven bringt das frühe 20. Jahrhundert, als die ersten Wolkenkratzer in den Himmel und über die Wolken hinaus schießen. Ursprünglich war der Blick von oben unerschrockenen Bergsteigern vorbehalten, die von hohen Gipfeln aus den Blick auf nebelige Täler werfen konnten. Durch die revolutionäre Technologie der Luftfahrt und die konsequente Weiterentwicklung der Fotografie werden Darstellungen von Wolken aus der Vogelperspektive rasch populär.

Für den Surrealismus sind Wolken durch das keine Grenzen Respektierende, ihre Unbestimmtheit und das Schwebende, das Traumhafte und Unwirkliche von besonderem Interesse. Die Metamorphose der Wolken ist das Spiel zwischen bizarrer Verfremdung und dem Triumph des Unberechenbaren, erlebbar in der Ausstellung durch herausragende Beispiele der surrealistischen Kunst von René Magritte oder Herbert Bayer.

Je nach Witterung bestimmen Wolken den Himmel auf unterschiedlichste Art und Weise, etwa als Krönung harmonischer Abendstimmungen oder als Projektionsfläche für wildromantische Sonnenuntergänge. Andererseits kann der sich verfinsternde, wolkenverhangene Himmel auch ein sich bedrohlich aufbauendes Gewitter ankündigen. Ein perfektes Beispiel dafür ist Gustav Klimts "Aufziehendes Gewitter" aus den Beständen des Leopold Museum. Auch die von Menschen geschaffenen Wolkengebilde, Rauchschwaden aus Industrieschloten, der Dampf von Lokomotiven oder aus Kühltürmen, zeugen von einer neuen Ära, für die Wolken Symbol eines rastlosen Werkens sind aber auch als Zeichen für die Zerstörung der Natur verstanden werden können. Seltsam berühren uns Bilder von Naturkatastrophen, etwa jene der Aschewolken von Vulkanausbrüchen. Rauchwolken bei Großfeuern oder Aufnahmen von Atompilzen fügen sich scheinbar nahtlos in diese Reihe.

Wolkeninterpretationen in der Kunst von der PopArt bis heute sind Thema des letzten Schwerpunktes. Die Ausstellung zeigt exemplarisch Videoarbeiten und Installationen. Durch individuelle Mythologien wird der Umgang mit dem Wolkenthema stark fiktional und doch auch wieder überraschend konkret, etwa in den "Silver Clouds" von Andy Warhol, die im Leopold Museum über den Köpfen der BesucherInnen schweben. In dieser kinetischen Rauminstallation lässt Warhol eine Vielzahl mit Helium gefüllter Luftkissen frei durch den Raum schweben. Seine silbernen Wolken sehen nicht nur wie glitzernde Warenartikel aus, sie dürfen auch berührt und bewegt werden. Dadurch wechselt der Betrachter in die Rolle eines Konsumenten.

Bei Gerhard Richters Wolkenbildern handelt es sich eigentlich um abstrakte Kunstwerke. Die Bilder weisen Ähnlichkeiten mit einem konkreten Wolkenbild auf, obwohl sie eben nicht nach einer fotografischen Vorlage gemalt wurden. Den Künstler interessiert, wie sich in einem abstrakten Malprozess ein Resultat erreichen lässt, das Assoziationen zu Naturphänomenen, in diesem Fall zu Wolken, erlaubt. Weitere Werke stammen etwa von Cory Arcangel, Anselm Kiefer, Eva Schlegel, Studio ++, Dietrich Wegner u.a.

Ein Vitrinenband, das sich durch die gesamte Ausstellung zieht, birgt das zwölfte und letzte Kapitel, das die Erscheinung eines Wolkenbandes mit der Idee einer Klangwolke verschränkt. Die Vitrinen sind mit Schallplattencovern zum Thema Wolken bestückt. Schon früh wurden Plattenhüllen zur Visualisierung einer nur mit Hilfe technischer Apparate hörbaren "Tonspur" einer sorgfältigen Gestaltung unterzogen, bei denen quer durch alle Musikrichtungen eine visuelle Entsprechung zur jeweiligen Musik angestrebt wurde. Angesichts dieses vielleicht ungewöhnlichen Schwerpunkts überraschen die Cover, die von Richard Wagner über John Lennon bis Pink Floyd reichen, mit ihrem großen Erfindungsreichtum und oft unerwarteten Lösungen.

Die Ausstellung zeigt insgesamt mehr als dreihundert Exponate von zahlreichen bedeutenden Leihgebern aus dem In- und Ausland, besonders aus England, Frankreich, Belgien, Deutschland, Schweiz, Österreich und USA.


Zur Ausstellung erscheint ein umfangreicher Katalog mit Fachbeiträgen von Thomas Ballhausen, Werner Busch, Franzobel, Bernhard Greiner, Stefan Kutzenberger, Tobias G. Natter, Franz Smola, Johannes Stückelberger, Paul E. Wagner, Herta Wolf u.a. Herausgegeben von Tobias G. Natter und Franz Smola. Das Buch erscheint im Hatje Cantz Verlag und umfasst 368 Seiten und 323 Abbildungen. Verlagsausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag: EUR 40,90; ISBN 9783775735889. Museumsausgabe: Softcover: EUR 29,90; ISBN 9783950301847

Wolken - Welt des Flüchtigen
22. März 2013 bis 1. Juli 2013

Andy Warhol (1928–1987): Silver Clouds, 1994, nach dem Original von 1966. Mit Helium gefüllte metallisierte Kunststofffolie, 81,3 x 121,9 x 38,1 cm; The Andy Warhol Museum, Pittsburgh. © The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts.Inc. VBK Wien, 20
Dietrich Wegner (*1978): Playhouse, 2008–2012. Polyfillvlies, Stahl, Holz und Seil, 430 x 270 x 270 cm; Courtesy of Dietrich Wegner und Carrie Secrist Gallery
Bruce Conner (1933–2008): Crossroads, 1976. Videostill, s/w Tonfilm, 35mm, Musik von Patrick Gleeson und Terry Riley; Courtesy The Conner Family Trust und Michael Kohn Gallery. © Conner Family Trust/VBK, Wien 2013
Herbert Bayer (1900–1985): Language of Letters, 1931. Barytabzug, Fotoplastik, 36,1 x 28,7 cm; Sammlung Fritz Simak, Wien. © VBK, Wien 2013
Ferdinand Hodler (1853–1918) Thunersee mit symmetrischer Spiegelung, 1909. Öl auf Leinwand, 67,3 x 92 cm; Musée d’art et d’histoire, Ville de Genève