Museion Bozen

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"Little Movements II" im Bozner Museion

Jun 29, 2013 bis Nov 3, 2013

tn Was bedeutet es heute, in einer globalisierten Welt Kunst zu machen? Die von den chinesischen Gastkuratoren Carol Yinghua Lu und Liu Ding im Museion betreute Themenausstellung 2013 untersucht in einer 360-Grad-Analyse unterschiedliche Akteure des Kunstbetriebs: Künstlerinnen und Künstler etwa, Kuratorinnen und Kuratoren, die Kunstkritik oder die Kunstverlage.

In einer Kunstlandschaft, in der mediale Aufmerksamkeit, die Besucherzahlen und die Reaktion des Kunstmarkts zu entscheidenden Erfolgsfaktoren für künstlerisches Schaffen werden, stellt "Little Movements II" Praktiken vor, die sich durch ein starkes individuelles Engagement dem "System" und damit einer festgefügten Hierarchie von Machtstrukturen entziehen. Im Museion in Bozen setzten die beiden Kuratoren die Recherchen der Ausstellung "Little Movements" fort, die 2011 im OCT Contemporary Art Terminal in Shenzhen (China) gezeigt wurde.

In ihrer im zweiten und dritten Stock des Museion aufgebauten Ausstellung präsentieren die Kuratoren 17 Praktiken – künstlerische Arbeiten, kuratorische und institutionelle Projekte und kunstgeschichtliche Forschungsvorhaben –, die sich als unabhängig, sowohl vom Kunstbetrieb, als auch von den kulturellen Werten des "Mainstream" erwiesen haben. Diese "Mikrogeschichten" unterscheiden sich geografisch und historisch voneinander und werden an verschiedenen Stationen anhand von Audio- und Videodokumenten, Fotografien, Modellen, Originaldokumenten und Kunstwerken erzählt.

Dies Auswahl der Fallbeispiele reicht von den städtebaulichen Visionen und Utopien des belgischen Architekten Luc Deleu über die künstlerische Verlegertätigkeit von Ai Wei Wei, dem es gelungen war, mehr als 3.000 Exemplare seiner drei Publikationen ("Black/White" und "Grey Cover") mit politischen Beiträgen chinesischer Gegenwartskünstler abseits offizieller Vertriebswege zu publizieren, bis zum "Imaginären Museum" des französischen Schriftstellers und Politikers André Malraux aus dem Jahr 1947, das als "Museum ohne Mauern allein in der Vorstellung eines jeden von uns existiert". Das Projekt des Chinesen Chen Tong, gehört ebenfalls zu jenen Praktiken, die fernab westlicher Wahrnehmung verortet sind. Mit seiner "Libreria Borges Institute for Contemporary Art" in Guangzhou (China) schuf dieser Künstler ein unabhängiges Begegnungs- und Ausstellungszentrum, das jenseits des "Kunst-Establishments" tätig ist.

Diese Ausstellung stellt nicht nur Menschen vor, sondern auch unorthodoxe Erscheinungen, wie die von Anton Vidokle 2007 entwickelte und im ehemaligen Ostteil Berlins angesiedelte temporäre Kunstakademie "unitednationsplaza", aus der das Online-Magazin für zeitgenössische Kunst, "e-flux journal" als dauerhaftes Medium hervorgegangen ist. In vielen dieser "Erzählungen" und Verfahren geht es um die Überwindung des Ost-West-Gegensatzes in der Wahrnehmung von Kunst.

Beispiele dafür sind der Kurator Igor Zabel und die von diesem 2003 im Rahmen der 50. Biennale in Venedig kuratierte Ausstellung "Individual Systems" oder der US-amerikanische Kunsthistoriker James Cahill, dessen Online-Vorlesungen einen ganz neuen Zugang zu traditioneller chinesischer Kunst freigelegt haben, indem diese nicht isoliert, sondern im Zusammenhang mit den großen westlichen Traditionslinien analysiert wurde. Die Einebnung der Kluft zwischen Ost und West sowie die Formung eines neuen, der globalisierten Kunstwelt angepassten, künstlerischen Lexikons ist das Ziel des vom deutschen Kunsthistoriker Hans Belting und von Peter Weibel vom Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe (ZKM) lancierten kollektiven Projekts Global Art and the Museum, das in einem Ausstellungsbereich von "Little Movements II" vorgestellt wird.

Wie schon die Themenausstellung 2012 "The New Public" ist auch "Little Movements II" mehrgleisig aufgebaut: Das Museion zeigt daher "nicht nur" Exponate, sondern bezieht das Publikum zudem aktiv mit ein. Die von den chinesischen Kuratoren unternommene Reflexion über den zeitgenössischen Kunstbetrieb ist schließlich eine sehr gute Gelegenheit, um über das "System" Museum und dessen Funktionsweise zu informieren. In diesem Sinn werden die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Museion während der kostenlosen Donnerstagsführungen ihre Arbeit und ihre Berufsbilder vorstellen (donnerstags um 19 Uhr, die erste Begegnung findet am 11. Juli mit der Direktorin des Museion, Letizia Ragaglia, statt).


Zur Ausstellung erscheint im Verlag der Buchhandlung Walther König ein Katalog (dt/ita/eng) mit Texten von Liu Ding, Carol Yinghua Lu, Su Wei, Hently Yapp, Letizia Ragaglia und anderen.

Little Movements II
Self-practice in Contemporary Art
29. Juni bis 3. November 2013

Luc Deleu & T.O.P. office: VIP City, The nautical mile, 2004. Model 1/100; Photo Luc Deleu, © SABAM
Luc Deleu & T.O.P. office: VIP City, One nautical mile (with amenities for 9500 inhabitants), Fotomontage, 2004. © SABAM
Exhibtion view: Individual Systems, curated by Igor Zabel; exhibtion architecture by Josef Dabernig, 2008. 50th Venice Biennale, 2003
Videostills from: Chen Tong 'The Interrogated Institution', 2010
Poster of the conference 'The Global Challenge of Art Museums II. Where is Art Contemporary?'; October 19th-20th, 2007. ZKM – Zentrum für Kunst und Medientechnologie, Karlsruhe