Franz Marc Museum

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weitere Ausstellungen

Else Lasker-Schüler. Gestirne und Orient

Sep 23, 2012 bis Jan 6, 2013

tn Else Lasker-Schüler gilt als herausragende Vertreterin der avantgardistischen Moderne und des Expressionismus. Ihre Lyrik und Prosa sind von einer sinnlichen Bildhaftigkeit, die ihre Zeichnungen als komplementär zu ihrem dichterischen Werk erscheinen lässt. Dies zeigt sich nicht zuletzt in ihrer Korrespondenz mit Franz Marc, die im Zentrum der Ausstellung "Else Lasker-Schüler. Gestirne und Orient" steht.

Seit ihrer Begegnung 1912, tauschten die Dichterin und der Maler als "Prinz Jussuf" und "Blauer Reiter" illustrierte Postkarten und Briefe aus. Gerade die noch kaum beachteten Briefe Else Lasker-Schülers, von denen in der Ausstellung eine breite Auswahl zu sehen ist, machen die Entstehungsgeschichte ihrer Bilder aus der Schrift deutlich. Unter dem Einfluss der zeitgenössischen Orientfaszination und der ägyptischen Hieroglyphen entwickelt Else Lasker-Schüler zunächst Bildzeichen, die wie Buchstaben aneinandergereiht in ihre Schriftzüge eingehen: Orientalisch anmutende Architekturelemente aber auch Halbmonde, Sterne oder Kometen unterbrechen und untermalen die geschriebenen Zeilen, aus denen sich diese "Miniaturen" schließlich emanzipieren.

Die in der Ausstellung präsentierten Zeichnungen, darunter zahlreiche, bislang nie gezeigte Neuentdeckungen, faszinieren durch ungewöhnliche Kompositionsmuster, Spontaneität, Streichungen und Überklebungen, Unterschriften und Collagen. Else Lasker-Schüler, die bei ihren Besuchen in Sindelsdorf und München auch die übrigen Mitglieder des "Blauen Reiter" kennenlernte, zeigt hier ihre besondere künstlerische Affinität zu Paul Klee. Auch Klee unterstrich die Nähe von Schrift und Bild, das Prozessuale des künstlerischen Entstehungsprozesses, wie prominente Leihgaben aus der Fondation Beyerle, dem Zentrum Paul Klee und Privatbesitz veranschaulichen.

Wichtige Impulse erhielt Else Lasker-Schüler auch durch Franz Marc's "Der Turm der Blauen Pferde". Ein kompositorischer Vorentwurf des berühmten, inzwischen verschollenen Gemäldes von Marc, der sich auf einem Skizzenbuchblatt im Franz Marc Museum befindet, regte Else Lasker-Schüler nicht nur zu ihren charakteristischen Pyramidalkompositionen an, sondern sie übernahm aus dieser Darstellung Marcs auch das Einschreiben symbolischer Zeichen auf Tier- und Menschenkörper, die so zu charakteristischen Signets der dargestellten Personen werden. Auch zum Eincollagieren von Gold- und Silberpapieren in ihre Zeichnungen ließ Else Lasker-Schüler sich von Franz Marcs Karten anregen.

Für die Ausstellung eröffnen sich unterschiedliche Perspektiven und Themenkreise, die, auch auf der Basis neuerer Forschungen die Auswahl der Exponate bestimmen. Neben der "Rekonstruktion" der Korrespondenz anlässlich ihres 100- jährigen Jubiläums soll anschaulich gemacht werden, dass Else Lasker-Schüler in ihrem zeichnerischen Werk vor dem Hintergrund der zeitgenössischen Avantgarde zu sehen ist. Mit ihr teilte sie den Hang zur antibürgerlichen Selbstinszenierung und spezielle Interessen wie die Orientleidenschaft. Neben mehreren der berühmten Aquarelle, die August Macke und Paul Klee während ihrer Tunisreise 1914 schufen und die in der Ausstellung präsentiert werden, nehmen sich die in "Theben" angesiedelten Darstellungen Else Lasker-Schülers märchenhaft und opulent aus. Den Künstlern gemeinsam ist jedoch der Aufbruch zu neuen Ufern und die Suche nach Freiräumen im wilhelminischen Deutschland zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Nicht nur durch ihre unkonventionelle Lebensweise und ihre auffallende Selbstinszenierung setzte Else Lasker-Schüler sich mit ihrer Situation als Frau, als Künstlerin und als Jüdin in der Gesellschaft auseinander. Mit dem Einbruch des Faschismus in Deutschland war die Flucht in imaginäre Welten nicht mehr möglich und Else Lasker-Schüler wurde 1933 ins Exil getrieben: Zunächst verbrachte sie einige Jahre in der Schweiz, um dann nach Palästina auszuwandern, wo sie 1945 starb. Dass auch hier die ihr Leben kennzeichnende Ortlosigkeit kein Ende hatte, thematisiert die Licht-Klang- Installation, die die Münchner Künstlerin Michaela Melian für die Ausstellung konzipiert hat und die von Else Lasker-Schülers Gedicht "Heimweh" ausgeht.


Else Lasker-Schüler. Gestirne und Orient
Die Künstlerin im Kreis des Blauen Reiter
23. September 2012 bis 6. Januar 2013

Der Schlangenanbeter auf dem Marktplatz in Theben, 1912. Tusche, Buntstifte, collagiertes Silberpapier, 28,3 x 22,5 cm; Franz Marc Museum, Kochel a. See. Franz Marc Stiftung, Schenkung Stiftung Etta und Otto Stangl; © Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag
Jussuf Prince Tiba (Postkarte an Franz Marc), 23.12.1913, 1913. Tusche und Bleistift; Franz Marc Museum, Kochel a. See. Stiftung Etta und Otto Stangl; © Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag 2012
Theben mit Jussuf, um 1920. Tinte, Bleistift, Buntstift, Kreide, collagiertes Gold und Transparentpapier auf der Rückseite eines Telegrammformulars, 25,1 x 16 (o) /15,9 (u); Kunstmuseum Solingen; Else-Lasker-Schüler-Stiftung, Wuppertal. © Jüdischer Ve
Abigail Jussufs Krönungsrede über Theben, 1914. Tinte, radierter Buntstift, aufgeklebtes Papierstück über einem verworfenen Entwurf, 22,5 x 14,3 cm; Forschungsinstitut Brenner-Archiv, Universität Innsbruck. © Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag 201
Else Lasker-Schüler als »Fakir von Theben«, kostümiert für die gleichnamige, von ihr geplante Varietévorstellung, Photographie 1912