Österreichisches Filmmuseum

Augustinerstrasse 1
A - 1010 Wien

T: 0043 (0)1 533 7054
F: 0043 (0)1 533 7054-25

E: office@filmmuseum.at
W: http://www.filmmuseum.at/


weitere Ausstellungen

Sowjetisches Kino 1926–1940 und 1956–1977

Okt 13, 2017 bis Nov 30, 2017

tn 1921 befand sich Russland seit mehr als drei Jahren in einem blutigen Bürgerkrieg. Für den Futuristen Wladimir Majakowski jedoch markierte die Revolution 1917 die Umsetzung des Traumes von einer gerechteren Welt. Die Künstler trugen das ihre bei: Das "Leuchten" von dem der Dichter schrieb, erhellte weltweit auch die Leinwände der Kinos. Doch während die "Spritzer" der sowjetischen Kinorevolution weit in der "Länder Runde stoben", versanken daheim die aufmüpfigen Künste im Würgegriff des Stalinschen Totalitarismus. Die Utopie wurde "korrigiert", die Filme verbogen, verboten, weggesperrt, ihre Macher mit Zensur, Berufsverbot bedacht, in einigen Fällen in die Verzweiflung, das Exil oder den Tod getrieben.

Aus Anlass des Jubiläums der Revolution von 1917 luden Alexander Horwath und Michael Loebenstein noch gemeinsam mit Viennale-Direktor Hans Hurch zwei Kollegen aus Moskau ein, einen "russischen" Blick auf das Jahrhundertereignis und sein Nachwirken im Kino zu werfen. Naum Kleiman (geboren 1937), Gründer des Sergej Eisenstein-Archivs und langjähriger Leiter des Moskauer Filmmuseums, und Artiom Sopin (geboren 1988), Lektor an der Russischen Staatlichen Geisteswissenschaftlichen Universität (RGGU), wählten unter dem Titel "Utopie und Korrektur: Sowjetisches Kino 1926–1940 und 1956–1977" 30 Filme aus, die von den Träumen und ihren Umarbeitungen durch die Wirklichkeit zeugen. Ein intergenerationeller Dialog zwischen zwei Experten der sowjetischen Kinematografie, aber auch ein Dialog zwischen Filmen aus mehreren Jahrzehnten. Nicht zuletzt ist "Utopie und Korrektur" eine Schau, welche die ästhetische Vielfalt und anhaltende Strahlkraft des sowjetischen Kinos verdeutlicht.

Ebenso wie Revolutionen nicht ohne Utopien beginnen – dem Bild eines Zustands allgemeinen Glücks und totaler Harmonie –, so vollziehen sich auch die sozialen Veränderungen nicht ohne Umarbeitungen des ursprünglichen Traums durch die Realität. Die Ursachen und Bedingungen für diese "Korrekturen" sind vielgestaltig: der Konflikt zwischen lebendiger Vielfalt und dem Schematismus der Konzeptionen; die Trägheit der Geschichte und der Gewohnheiten; ethnische Vorurteile und soziale Rückständigkeit; die Machtliebe der Führer und die Korruption der Beamten; die Ängste der treu Ergebenen und die Paranoia der Zensur. Freiwillig oder unfreiwillig folgt das sowjetische Kino seither den Zickzackbewegungen und mannigfaltigen Transformationen der Utopie.

Im Reagieren auf historische Verschiebungen decken die Filme der Schau indirekt oder direkt die "Entstellungen" der Utopie auf; anderswo konnten Filmemacher*innen zu bestimmten Zeiten die Ideale oft kritisch korrigieren oder widerlegen. Nicht zuletzt sprechen viele der Filme von den "Korrekturen" der Zensur, der alle Künste unterworfen waren. In diesem Sinne stellen die 15 Filmpaare eine Geschichte der Konflikte dar, denen sowjetische Filmemacher*innen sich aussetzten: mal mit der Macht, mal mit der Realität, mal mit der Utopie selbst.

Die Retrospektive versammelt 30 Filme, entstanden zwischen 1926 und 1977, die zu 15 dialogischen "Paaren" angeordnet sind. Etliche der gezeigten Filme waren selten oder noch nie in Österreich im Kino zu sehen und sind nur in 35mm-Archivkopien, hauptsächlich in Russland, vorhanden. Die Kuratoren Naum Kleiman und Artiom Sopin werden von 13. bis 15. Oktober in Wien zu Gast sein, Einführungen zu den Filmen halten und für Interviews zur Verfügung stehen.


Utopie und Korrektur
Sowjetisches Kino 1926–1940 und 1956–1977
13. Oktober bis 30. November 2017

Vremja, vpered (Zeit, voran!) 1965. Michail Švejcer & Sof’ja Mil'kina
Beregis' avtomobilja (Vorsicht, Autodieb!) 1966. Ėl'dar Rjazanov; Foto: Gosfilmofond
Kruževa (Die Spitze) 1928. Sergej Jutkevič; Foto: Filmmuseum München
Semero smelych (Die sieben Kühnen) 1936. Sergej Gerasimov; Foto: KAVI - Finnish Film Archive
U samogo sinego morja (Am blauesten aller Meere) 1935. Boris Barnet; Foto: Cinémathèque suisse