Kunsthalle Wien

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Marcel Odenbach. Beweis zu nichts

Feb 5, 2017 bis Apr 30, 2017

tn "Beweis zu nichts" ist der Titel eines Gedichtes von Ingeborg Bachmann, in dem sie den Fortbestand der Opfer-Täter-Struktur in der deutschen Nachkriegsgesellschaft thematisiert. Bertold Brecht, ein großer Bewunderer Bachmanns, hat dieses wie einige ihrer Gedichte leicht umgeschrieben, um seine Sicht auf das Thema zu unterstreichen. Der Eingriff mag subtil erscheinen, ist es jedoch nicht. Die letzte Zeile des Gedichts lautet bei Bachmann: "Wein! Aber winke uns nicht." Brecht macht daraus: "Weine, nur winke uns nicht."

1952 gewannen Bertolt Brecht und Fritz Cremer den Wettbewerb für ein Mahnmal der Gedenkstätte im ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald. Im September 1958 wurde die Nationale Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald eingeweiht. Die Debatte um die angemessene Gestaltung von Lagergelände und Mahnmal hatte sich über mehrere Jahre hingezogen und war weniger von historischen oder ästhetischen Erwägungen geleitet als politisch motiviert: Aus Kampf und Opfertod – so sollte vermittelt werden – war ein besseres, sozialistisches Deutschland erwachsen. Cremers Entwurf orientiert sich unmittelbar an Auguste Rodins Figurengruppe "Die Bürger von Calais". Seine Figuren – ausschließlich Männer – sind gleichrangig dargestellt; kein Häftling ist herausgehoben. Vom erlittenen Unrecht gezeichnet, kämpfen sie scheinbar gegen einen unsichtbaren Feind.

Marcel Odenbach wird für seine Ausstellung in der Kunsthalle Wien einen Film über dieses Mahnmal drehen, der sich der Frage annimmt, wie Erinnerung und Geschichte visualisiert und auch umgedeutet oder ideologisiert werden können. Das Gedicht Bachmanns steht dabei stellvertretend für scheinbar unbedeutende, tatsächlich jedoch eine andere Perspektive einnehmende "Korrekturen".

Bereits in seinem Film "Im Kreise drehen" hat sich Odenbach mit einer Gedenkstätte beschäftigt, dem Mahnmal des ehemaligen Konzentrationslagers Majdanek im polnischen Lublin. Auch hier geht es um die Frage, wie das kollektive Gedächtnis materialisiert und dem Angedenken an die Opfer generationenübergreifend Ausdruck verliehen werden kann. Damit sind zentrale Motive im Werk eines der bedeutendsten deutschen Videokünstler benannt. In ihrer intensiven Auseinandersetzung mit der Problematik der Vergangenheitsbewältigung spiegeln Odenbachs Werke den Nachhall des Nationalsozialismus bis in die Gegenwart hinein, öffnen zugleich jedoch die spezifisch deutsche Fragestellung auf eine allgemeingültige Perspektive hin. Odenbach beobachtet unterschiedliche Kulturen und politische Konstellationen und lässt sie in sein Werk einfließen. Auch die Reflexion über das Vertraute und Fremde, die eigene Biografie und jene anderer sind wichtige Motive seines Werks, das gleichermaßen ästhetisch wie politisch argumentiert.

So zeigt die Videoinstallation "In stillen Teichen lauern Krokodile", die den Genozid in Ruanda 1994 thematisiert, historisches Dokumentationsmaterial und Ausschnitte aus dem Filmarchiv der UNO, aber keine direkten Bilder des Verbrechens. Die Annäherung an ein Land, das einerseits die Mörder verurteilen, andererseits die Völker versöhnen muss, geschieht über alltägliche Szenen, die die Schönheit Ruandas zeigen: Bauern auf Bananenfeldern, Kühe auf grünen Wiesen, Regen, der auf paradiesische Hügellandschaften fällt. Allein auf der Tonspur ist die Hetzpropaganda aus dem Radio zu hören, die die Hutu aufforderte, die Tutsi zu ermorden. Die Videoinstallation selbst gibt kein Urteil zu dem Geschehen ab und liefert auch keinen Erklärungsversuch. Die stark suggestiven Bilder fordern den Beobachter vielmehr dazu auf, sich selbst eine Meinung zu bilden.

Die Personale in der Kunsthalle Wien stellt Videofilme und -installationen neben Collagen, in denen Odenbach das Montageprinzip des Films aufgreift und Mikro- und Makroansicht aufeinandertreffen lässt. Während die Makroansicht ein klar erkennbares Motiv präsentiert, zeigt die Detailansicht unzählige Einzelbilder, aus denen sich das Motiv wie bei einem Puzzle zusammenfügt. Das große, leicht zu erkennende Bild zeigt sich zuerst. Bei näherer Betrachtung zerfällt es jedoch in Fragmente, die dem großen Ganzen untergeordnet scheinen, letztlich jedoch eine eigenständige Erzählung entfalten. Aus der Spannung dieser beiden, häufig gegenläufigen Bilder entsteht ein Zwischenraum, der vom Publikum selbst mit seiner Sicht der Dinge gefüllt werden muss.

Die fast 15 Meter lange Collage "Durchblicke" zeigt auf den ersten Blick einen dichten tropischen Dschungel. In der Nahsicht setzt sich dieser aus unzähligen Fotos zusammen, in denen sich die Kolonialgeschichte Afrikas spiegelt. Die der unmittelbaren Wahrnehmung entzogene zweite Ebene erfordert eine intensive Betrachtung aus der Nähe, die offen ist für komplexe Verweisstrukturen. In diesem Sinne plädiert das gesamte Oeuvre Odenbachs für einen emanzipierten Betrachter, der sich zur Gegenwart und ihrer Verstrickung mit der Vergangenheit positioniert.


Marcel Odenbach. Beweis zu nichts
5. Februar bis 30. April 2017

Marcel Odenbach: Im Schiffbruch nicht schwimmen können (Filmstill), 2011. © Marcel Odenbach & VG Bild-Kunst Bonn, 2016; Courtesy Galerie Gisela Capitain, Köln
Marcel Odenbach: Im Kreise drehen (Filmstill), 2009. © Marcel Odenbach & VG Bild-Kunst Bonn, 2016; Courtesy Galerie Gisela Capitain, Köln
Marcel Odenbach: Im Kreise drehen (Filmstill), 2009. © Marcel Odenbach & VG Bild-Kunst Bonn, 2016; Courtesy Galerie Gisela Capitain, Köln
Marcel Odenbach, Köln, 2014. © Albrecht Fuchs; Courtesy Galerie Gisela Capitain, Köln