Museum Tinguely

Paul Sacher-Anlage 1
CH - 4002 Basel

T: 0041 (0)61 68193-20
F: 0041 (0)61 68193-21

E: infos@tinguely.ch
W: http://www.tinguely.ch/


weitere Ausstellungen

Neue Kunst für eine neue Welt

Jun 6, 2012 bis Okt 14, 2012

tn Mit Vladimir Tatlin (1885-1953) stellt das Museum Tinguely in Basel eine legendäre Künstlerpersönlichkeit ins Zentrum seiner grossen Sommerausstellung. Tatlin ist eine der Leitfiguren der Russischen Avantgarde. Fast zwanzig Jahre ist es her, seit dieser zentrale Erneuerer der Kunst letztmals in einer umfassenden Retrospektive zu sehen war.

Präsentiert werden frühe Gemälde, raumgreifende Konterreliefs, Rekonstruktionen des revolutionären Turms und der Flugapparat Letatlin. Seine Arbeiten für das Theater runden die Ausstellung ab. Mit über 100 Meisterwerken vorwiegend aus den wichtigsten Sammlungen in Moskau und St. Petersburg wird Tatlin als herausragender Künstler der Zeitenwende zu Beginn des 20. Jahrhunderts umfassend vorgestellt.

Vladimir Tatlin begann seine Laufbahn als Seefahrer. Bis 1913 war er als Künstler ausschliesslich im Bereich der Malerei und Zeichnung tätig. In jungen Jahren beschäftigte er sich mit der alten russischen Ikonenmalerei und der Volkskunst, anschließend mit den aktuellsten Strömungen der Avantgarden in Russland und Westeuropa, namentlich Paris. Sein gesamtes späteres Schaffen findet die Grundlage in der Malerei. Seine frühen Gemälde sind in der Ausstellung umfassend vertreten. In ihrer flächig-dekorativen Farbigkeit, ihrem rhythmisch durchpulsten Kurvaturenstil, wo dunkle und helle Umrisslinien eine sonderbare Prägnanz erhalten, gelingt Tatlin eine eigenständige Synthese von russischer Tradition und französischer Avantgarde.

1914 hat Tatlin den Schritt vom Avantgarde-Maler zum revolutionären Künstler unternommen; eine Vorahnung der politischen Epochenwende, die 1917 zum Durchbruch kam, lag in der Luft. Von Tatlins (vor der Oktoberrevolution entstandenen) Malerischen Reliefs und Eck-Konterreliefs – seinem radikalsten und weitreichendsten Beitrag zur Kunst der Moderne – ist wenig erhalten. Die Ausstellung fokussiert mit den heute noch existierenden Originalen aus Moskau und St. Petersburg und einer breiten Übersicht der nach fotografischen Vorlagen entstandenen Rekonstruktionen diesen für die Geschichte der Kunst zentralen Aspekt. Tatlins Konterreliefs, die auf einen totalen Bruch mit sämtlichen Formen des bürgerlichen Kunstbetriebs zielen, sind als "contre-attaque" im Sinne einer energischen Steigerung zu verstehen. Konstantin Umanskij schrieb 1920, der "Tatlinismus" würde behaupten, das Bild als solches sei tot: "Dem Dreidimensionalen ist es zu eng auf der Bildfläche".

"Wir glauben nicht mehr an das Auge, wir stellen das Auge unter die Kontrolle des Tastsinns" hat Tatlin 1920 proklamiert. Mit den Konterreliefs hob er die Gesetze der Malerei aus den Angeln und schuf gleichsam eine neue Kunstgattung sowie ein neues Verständnis für das ins Werk gesetzte Material. Hier ist Tatlin ein Dichter mit Materialien, die er von der zweckgebundenen Funktion, etwas darzustellen, befreit. Eine gezielte Ökonomie der eingesetzten Mittel ist für seine Kunst charakteristisch. Tatlins Eck-Konterreliefs eignet ein aktionales Moment. Sie simulieren den Eindruck eines Schwebezustands voller Spannung. Es gibt keinen Auflagepunkt, eine Art Takelage ersetzt die Plinthe früherer Statuen. Das Kompositionsprinzip birgt eine deutliche antistatische Komponente: Ein inszeniertes Spiel mit der Schwerkraft und deren Ausser-Kraft-Setzung. Es geht um Distanz, den Raum des Dazwischens, einen Raum, der zugleich real ist und dem Bereich der Imagination angehört. Tatlin positioniert seine Kunst buchstäblich materiell in den Raum der Aktualität; mit experimentellen plastischen Formen stellt er Gegenwart her.

Wenige Kunstwerke haben im 20. Jahrhundert einen derart legendären Status gewonnen wie Tatlins 1919-20 erarbeitetes Projekt des Denkmals der III. Internationale. Die Realisierung der 400 Meter hohen Konstruktion wurde sowohl durch den Bürgerkrieg verhindert, als auch durch fehlende materielle Ressourcen und die technologischen Grenzen jener Zeit. Das Monument – parallel zur Erdachse gestellt, mit vier unterschiedlich rasch nach kosmologischen Rhythmen und Gesetzen um die eigene Achse rotierenden Innenkörpern – hätte den Sitz einer hierarchisch und gerecht organisierten Regierung einer neuen sozialen Ordnung repräsentiert. Die sich drehenden Raumkörper von Tatlins "Weltmaschine" zeigen im wörtlichen Sinne Revolution an. Nikolai Punin pries 1920 den Entwurf "als ein internationales Ereignis innerhalb der Welt der Kunst" und sah darin "die organische Synthese der Prinzipien von Architektur, Skulptur und Malerei".

Der gebaute Turm hätte die konsequente Erweiterung der in Tatlins Konterreliefs entwickelten Prinzipien von Zeit und Raum gebildet: Er hätte ein neues Raumerlebnis ermöglicht, aus gewissen Standpunkten jenem des Fliegens nicht unähnlich. Tatlins Turmprojekt diente als Katalysator in der von Persönlichkeiten wie Leo Trotzki oder Anatoli Lunacharsky geführten Diskussion um die Gestaltung von Leben, Kunst und Staat der jungen Sowjetunion nach der Revolution; heute geniesst es den Status eines Inspirations- und Interpretationsvehikels höchsten Rangs. Im Zuge der Wiederentdeckung von Tatlins OEuvre seit den 1960-er Jahren ist das nicht erhaltene Turmmodell in verschiedenen Varianten rekonstruiert worden. Spektakulär werden die beiden herausragendsten – aus Moskau und Paris – in Basel gezeigt und in Dialog gebracht. Sie erlauben es, Tatlins Rezeptionsgeschichte nachzuvollziehen und die Kriterien zu verstehen, die zu ihrer Entstehung geführt haben.

In den 1920er Jahren begab sich Tatlin auf die Suche nach einer körperlich-kinetischen Dimension des Fliegens. Den individuellen Träumen einer kollektiv normierten Gesellschaft verlieh er 1929/32 mit der visionären Flugplastik Letatlin Ausdruck. Für den Künstler, der einen Hang zur Mystifikation hatte, war das Fliegen so etwas wie eine im Zuge der Evolution verlorengegangene menschliche Urerfahrung, die er für den modernen Menschen wiedererlangen wollte. Letatlin – ein Flugapparat mit einer singulären Synthese aus Kunst, Technik und Utopie – kann als Kulmination und Endergebnis einer Erforschung des Plastischen und seiner Grenzen gelten, die in der Zarenzeit mit den Konterreliefs begann und im revolutionären Turmmodell gedanklich ins Monumentale gesteigert worden war. Die Flugplastik mit reichem Assoziationspotential lässt sich als Beschleunigungsmetapher deuten, als Vehikel zur Erweiterung der Vorstellung, als Deus ex machina der Moderne. Tatlins Traum vom Fliegen hat sich nicht erfüllt, bis heute hat Letatlin nicht abgehoben.

Tatlins Beschäftigung mit dem Theater währte sein ganzes Leben. Autobiografische Bezüge sind in Tatlins Leidenschaft für Richard Wagners Oper "Der Fliegende Holländer" evident. Der Eindringlichkeit der musikalischen See- und Seelenlandschaften versuchte Tatlin, ein spätromantisch-rayonistisches Äquivalent in Malerei gegenüberzustellen, Klangfarbe in Farbklang voller dramatischen Odems zu überführen. Der Höhepunkt in Tatlins Schaffen für das Theater repräsentiert seine 1923 erfolgte Inszenierung von Velimir Chlebnikovs futuristischem Metapoem Zangezi. Tatlin beschloss, "neben die Wortkonstruktionen eine Materialkonstruktion zu setzen". Sprachmaterial der Dichtung und stoffliches Material der bildenden Kunst waren für ihn zwei Artikulationen derselben Weltenergie. Das avantgardistische Zangezi-Experiment fesselte durch Lautäquivalenz und synästhetische Entsprechung von Klängen, Farben, Texturen und Licht.

Heute fasziniert Tatlin mit seinem stets auf Veränderung zielenden und niemals den gesellschaftliche Gesamtzusammenhang ausser Acht lassenden Werk weil er vor bald einem Jahrhundert die Grundlagen für Strömungen setzte, die in der Gegenwartskunst nach wie vor relevant, von inspirierender Kraft und lebendiger Aktualität sind. Ohne Berührungsängste zum Fachfremden, war Tatlin, der gerne im Kollektiv gearbeitet hat, ein Meister im Fach von Interdisziplinarität und Synthese, im Zusammenführen von Dingen und Materialien, von Formen der Präsentation und wirkungsästhetischer Aspekten, die bis zu seiner Zeit nicht gesehen wurden.

Im Museum Tinguely in Basel werden vom 6. Juni bis 14. Oktober über 100 Leihgaben aus Moskau (Tretyakov-Galerie; Staatliches Zentrales A.A. Bakhrushin-Theatermuseum, Moskau; Staatsarchiv für Literatur und Kunst; Schusev-Museum für Architektur; Museum des Akademischen Künstlertheaters), St. Petersburg (Russisches Museum), Kostroma (Museum für Geschichte, Architektur und Bildende Künste), Wiesbaden (Museum Wiesbaden), Friedrichshafen (Zeppelin Museum), Wien (Österreichisches Theatermuseum), Paris (Centre Georges Pompidou), London (Annely Juda Fine Art; Grosvenor Gallery), Thessaloniki (State Museum of Contemporary Art – Costakis Collection) sowie Penza und Athen zu sehen sein.


Katalog: Anlässlich der Retrospektive erscheint ein Katalog, der Werk und Leben von Vladimir Tatlin im Licht der neuen Forschung vorstellt, mit Beiträgen von Simon Baier, Gian Casper Bott, Dmitrii Dimakov, Jürgen Harten, Yevgraf Kipatop, Nathalie Leleu, Maria Lipatova, Anna Szech, David Walsh, Roland Wetzel (deutsche und englische Ausgabe, 240 Seiten, 208 Abbildungen, Hatje Cantz Verlag, 52 CHF, ISBN 978-3-9523990-0-2).

Tatlin. neue Kunst für eine neue Welt
6. Juni bis 14. Oktober 2012

Vladimir Tatlin: Matrose (Selbstbildnis), 1911. Staatliches Russisches Museum, St. Petersburg; © Foto: 2012, Staatliches Russisches Museum, St. Petersburg
Vladimir Tatlin: Komposition aus weiblichem Akt, 1913. Staatliche Tretjakov-Gallerie, Moskau; © Photo: 2012, Staatliche Tretjakov-Gallerie, Moskau
Vladimir Tatlin: Eck-Konterrelief, 1914. Staatliches Russisches Museum, St. Petersburg; © Foto: 2012, Staatliches Russisches Museum, St. Petersburg
Unbekannter Fotograf, Tatlin mit Assistent vor dem Modell des Denkmals der III. Internationale, Petrograd 1920
Präsentation des Letatlin auf einer Segelflugschau in Moskau, 1933; © Foto: 2012, Staatliche Tretjakov-Galerie, Moskau, unbekannter Fotograf
Vladimir Tatlin vor dem Modell des Denkmals der III. Internationale, 1920; © Punin Archiv Foto: 2012, A.G. Kaminskaya