Aargauer Kunsthaus

Aargauerplatz
CH - 5001 Aarau

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weitere Ausstellungen

Karl Ballmer. Kopf und Herz

Aug 28, 2016 bis Nov 13, 2016

tn Der Aarauer Maler und Schriftsteller Karl Ballmer (1891 – 1958) zählt in den 1930er-Jahren zu den führenden Avantgardekünstlern der Hamburgischen Sezession. Künstlerisch erfolgreich, wird er 1937 von den Nationalsozialisten als "entarteter" Künstler diffamiert und damit gezwungen, in die Schweiz zurückzukehren. Heute, ein Vierteljahrhundert nach der letzten Retrospektive, ruft das Aargauer Kunsthaus den Künstler ins Gedächtnis und widmet dem analytischen und zugleich empfindsamen OEuvre eine umfassende Einzelausstellung.

Der Aarauer Maler und Schriftsteller Karl Ballmer (1891 – 1958) ist in der Geschichte des Aargauer Kunsthauses stark verankert: 1960, zwei Jahre nach dem Tod von Karl Ballmer stellte Guido Fischer, der erste Konservator des Aargauer Kunsthauses, das Schaffen des Künstlers in einer umfassenden Retrospektive der Öffentlichkeit vor. Dreissig Jahre später sorgte der damalige Direktor, Beat Wismer, mit der monografischen Ausstellung "Karl Ballmer. Der Maler", für ein vertieftes Verständnis von Ballmers OEuvre. Die damals gegründete Karl Ballmer-Stiftung nahm sich der Verwaltung von Ballmers künstlerischem Nachlass an und gab die fast 200 Gemälde und Papierarbeiten als Dauerleihgabe in die Sammlung des Aargauer Kunsthauses – ein Werkkorpus, aus dem das Kunsthaus bis heute für Sammlungs- und Gruppenausstellungen wie "Docking Station" (2014) oder "Auf der Grenze" (2015) schöpft.

26 Jahre nach der letzten Retrospektive richtet nun das Aargauer Kunsthaus unter dem Titel "Karl Ballmer. Kopf und Herz" eine Einzelausstellung aus, die den Künstler ins visuelle Gedächtnis ruft und einer neuen Publikumsgeneration vorstellt. Im März 2017 wird die Ausstellung in gestraffter Form an das Ernst Barlach Haus in Hamburg weiterziehen und den Künstler damit in seiner Wahlheimat und einst wichtigsten Wirkungsstätte verorten.

Karl Ballmer kommt 1891 in Aarau (CH) zur Welt. Nach seiner Ausbildung zum Zeichner arbeitet er mehrere Jahre als Grafiker. Daneben widmet er sich der Philosophie und Schriftstellerei. Seit seiner Begegnung mit Rudolf Steiner 1918 setzt er sich kritisch-reflektierend in Vorträgen und Schriften mit den Ansätzen der Anthroposophie auseinander. Die für sein Schaffen prägendste Zeit bilden die Hamburger Jahre zwischen 1922 und 1938. Als Mitglied der Hamburgischen Sezession zählt Karl Ballmer in den 1930er-Jahren zu den führenden Avantgardekünstlern der Hansestadt. In empfindsamen Bildnissen wie auch komplexen Landschafts- und Figurenbildern strebt er nach einer Malerei, die ihren hinter der äusseren Erscheinung verborgenen Wesenskern zum Ausdruck bringt. Künstlerisch erfolgreich, wird er 1937 von den Nationalsozialisten als "entarteter" Künstler diffamiert und damit gezwungen, in die Schweiz zurückzukehren. Sein schriftliches und malerisches Spätwerk entwickelt er im Tessin, seinem letzten Exil- und Schaffensort. Der Anschluss an die internationale Kunstszene mag ihm aber bis zu seinem Tod 1958 nicht mehr gelingen.

Die Ausstellung "Karl Ballmer. Kopf und Herz" blickt vor dem Hintergrund kunsthistorischer Analysen und jüngster Forschungsergebnisse auf die verschiedenen Schaffensphasen des Künstlers. Über hundert Gemälde und Papierarbeiten aus der eigenen Sammlung treten in Dialog mit vierzig hochkarätigen Leihnahmen aus Privatbesitz und aus Deutschen wie Schweizer Museen: Nordische Stadt- und Landschaftsdarstellungen begegnen zergliederten Figurendarstellungen. Gemälde von pastellener Farbigkeit werden durch das dunkeltonige Spätoeuvre abgelöst. Mannigfaltig wird das Thema das "Kopfes" in Druckgrafiken, Bleistiftzeichnungen und Ölgemälden durchgespielt. Originaldokumente aus dem Staatsarchiv Aargau, welches den schriftlichen Nachlass Ballmers betreut, gewähren vertiefte Einblicke in das künstlerische und kunstpolitische Umfeld, in dem sich Karl Ballmer bewegte.

Den theoretischen Unterbau zur Ausstellung liefert die gleichnamige Begleitpublikation. Von einer reichen Bildstrecke begleitet, setzen Expertenessays thematische Schwerpunkte: Basierend auf historischen Quellen wird der Maler in seinem beruflichen und sozialen Umfeld beschrieben und eingeordnet. Im Fokus stehen Ballmers Beziehungen zum Kreis der Hamburgischen Sezession, zu den Autoren und Philosophen Samuel Beckett (1906 – 1989) und Rudolf Steiner (1861 – 1925) sowie zu Max Sauerland (1880 - 1934), seinem wichtigsten Förderer, dem damaligen Leiter des Museums für Kunst und Gewerbe in Hamburg. Ein besonderes Augenmerk liegt zudem auf der kritischen Auseinandersetzung Ballmers mit der Anthroposophie, während neue wissenschaftliche Errungenschaften die umstrittene Beziehung beleuchten, die der Künstler vor und nach dem Krieg zu dem Kunstsammler Hildebrand Gurlitt (1895 - 1956) pflegte.


Publikation: "Karl Ballmer. Kopf und Herz", hrsg. von Thomas Schmutz und Aargauer Kunsthaus, Aarau / Karsten Müller und Ernst Barlach Haus, Hamburg, Ausst.-Kat., Aarau/Hamburg: Aargauer Kunsthaus / Ernst Barlach Haus Hamburg, erschienen im Verlag Scheidegger & Spiess AG Zürich 2016. Die zur Ausstellung erscheinende, reich bebilderte, deutschsprachige Publikation enthält Essays von Carolin Lange, Thomas Hunkeler, Rüdiger Joppien, Ulrich Kaiser, Peter Suter, Thomas Schmutz und Friederike Weimar. Mit einer Einführung von Madeleine Schuppli und Karsten Müller. Der Katalog umfasst 200 Seiten und wurde von Anne Hoffmann Graphic Design, Zürich gestaltet.

Karl Ballmer. Kopf und Herz
28. August bis 13. November 2016

Vier Figuren, um 1953/ 1957. Öl auf Leinwand, 150 x 180 cm; Aargauer Kunsthaus, Aarau / Depositum der Karl Ballmer-Stiftung
Gliederfigur, um 1953/ 1957. Öl auf Pavatex, 152 x 122.5 cm; Aargauer Kunsthaus, Aarau
Durée (an Henri Bergson), 1931. Öl auf Tischler- (Stäbchen-) Platte, 91 x 95.5 cm; Aargauer Kunsthaus, Aarau / Depositum der Karl Ballmer-Stiftung
Nordische Landschaft, 1931. Öl auf Sperrholz, 94.6 x 122.6 cm; Aargauer Kunsthaus, Aarau