Hamburger Kunstverein

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weitere Ausstellungen

I Have Seen the Future

Sep 15, 2012 bis Jan 6, 2013

tn Mit der Soloschau "I Have Seen the Future" im Obergeschoss des Kunstverein Hamburg wird das Werk der österreichischen Künstlerin Kiki Kogelnik (1935-1997) erstmals umfassend in Deutschland gewürdigt. Mit dieser Ausstellung setzt der Kunstverein seine Auseinandersetzung mit Positionen feministischer Kunst im zeitlichen wie künstlerischen Umfeld der Pop Art fort, die 2011 mit einer Einzelausstellung von Evelyne Axell (1935-1972) ihren Anfang nahm.

Als Institution für zeitgenössische Kunst ist es nicht nur die Aufgabe des Kunstvereins junge Kunst zu zeigen, sondern auch die aktuelle Kunstproduktion historisch zu kontextualisieren. Besonders in den Fällen, in denen eine aus unserer Perspektive bedeutsame Position lange Zeit von der kunstgeschichtlich wie ausstellungspraktischen Rezeption nicht oder nur wenig beachtet wurde. Insofern ist die wachsende Aufmerksamkeit für weibliche Positionen ein wichtiges Feld im Ausstellungsbereich, das die Kunstproduktion der 1960er bis 1980er Jahre aus heutiger Perspektive einer Neubewertung unterzieht und blinde Flecken aufzuarbeiten sucht. Besonders, da sich ihre Werke einer Festschreibung in bekannten Kategorien vielfach entziehen – wofür das Werk Kiki Kogelniks ein herausragendes Beispiel darstellt.

Der Großteil der in der Ausstellung versammelten 90 Arbeiten lässt sich den "Pop Related Works" zuordnen, wodurch sich die Ausstellung mit den 1960er Jahren zeitlich auf eine relativ kurze aber intensive Schaffensphase von Kiki Kogelnik konzentriert. Diese auf Leinwand oder Papier entstandenen Bildwelten sind stark von der Pop Art beeinflusst, jedoch entwickelte sie ihre eigene Themen- und Bildsprache, die sie über weitere dreißig Jahre verfolgte und in unterschiedlichen Medien zur Ausführung brachte. Kogelniks Umzug nach New York Anfang der 1960er Jahre, ihre Bekanntschaft mit zahlreichen Pop Art Künstlern und die gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen der damaligen Zeit bilden den Hintergrund ihres künstlerischen Schaffens. Die Fokussierung auf diese Zeitspanne ordnet die unterschiedlichen Strömungen in ihrem Werk und zeigt zentrale Stilmerkmale und prägende künstlerische Ausdrucksformen.

"I’m not involved with Coca Cola … I’m involved in the technical beauty of rockets, people flying in space and people becoming robots. When you come here from Europe it is so fascinating … like a dream of our time. The new ideas are here, the materials are here, why not use them?" Dieses Zitat von Kogelnik benennt viele ihrer wiederkehrenden Motive: Raketen, Planeten, Bomben, Maschinen Raumschiffe oder Roboter. Sie war fasziniert von dem technischen Fortschritt und den Verheißungen der Raumfahrt, jedoch nicht ohne die politisch-militärischen Aspekte außer Acht zu lassen. In ihrer Skulptur "Bombs in Love" (1962) – zwei mit einer Kette und einem Herz verbundene und bemalte Bomben – manifestiert sich das Wettrüsten im Kalten Krieg, das sog. "Gleichgewicht des Schreckens". Auf der anderen Seite begleitete sie die Mondlandung am 20. Juli 1969 mit dem Happening "Mondlandung" in der Galerie nächst St. Stephan in Wien, bei dem sie die gesprochenen Worte der Astronauten beim Betreten des Mondes in Schriftbilder übersetzt.

Aber nicht nur die Themen der Zeit, sondern auch die Materialien der amerikanischen Konsumwelt finden Eingang in ihre Arbeiten. Schnell ersetzt sie den gestischen Ausdruck der Malerei durch die Formel "Kunst kommt von künstlich". Sie verwendet grelle, leuchtende Neon-Farben; ihre Motive finden sich häufig auf farbigen Rasterpunkten in Anlehnung an das in der Pop Art genutzte Ben-Day-Verfahren; der Farbauftrag ist sehr homogen, was z.B. durch den Einsatz von Spraydosen erreicht wird und häufig greift sie auf Vinyl- oder andere Kunststofffolien zurück. Ihre Leinwandarbeiten verwandeln sich immer mehr in Assemblagen, die über den Bildrand hinausragen und unterschiedliche Materialien kombinieren. Die im wahrsten Sinne vielschichtigen Arbeiten spielen mit ihrer Oberflächenästhetik, die durch farbige, silberne oder spiegelnden Folien erzeugt wird. Die Entscheidung, die Arbeiten im Ausstellungsraum auf Spiegelfolie zu präsentieren, findet deshalb auch ihre Entsprechung in den Arbeiten selbst.

Auch menschliche Körperteile wie Arme, Beine und Hände (die Hand mit Armbanduhr steht stellvertretend für die Künstlerin selbst) tauchen immer wieder in den Arbeiten von Kogelnik auf. Sie sind in Bewegung und scheinen im luftleeren Raum zu schweben. Die menschliche Gestalt überträgt sie durch Schablonen in ihrer Bilder. Freunde und Bekannte mussten sich dafür auf Papierbahnen auf den Boden ihres Ateliers legen. Sie malte ihre Umrisse nach und erstellt daraus Schablonen. Die Verschiebung der Arbeitsfläche aus der Horizontalen in die Vertikale teilt Kogelnik mit Künstlern wie Robert Rauschenberg oder Yves Klein. Im Gegensatz zu vielen ihrer Pop Art-Künstlerkollegen handelt es sich bei den Personen in ihren Arbeiten allerdings nicht um Prominente, sondern um persönliche Bekannte, deren Gesichter nie zu erkennen sind. Die Köpfe fehlen häufig oder sind durch einfache Kreise ersetzt.

Die Technik der "Cut outs" hat sie Ende der 1960er Jahre weiterentwickelt und zu Skulpturen transformiert. Bei den "Hangings" werden die Körperumrisse nun auf farbige Vinylfolie übertragen, ausgeschnitten und über Kleiderbügel oder -stangen gehängt, die dadurch den Eindruck abgezogener Häute erwecken: "Ich habe das Gefühl gehabt, wenn ich jemanden abgezogen habe, dass ich – nicht diesen Menschen – aber die Form besitze, und dass ich mit dieser Form machen kann, was ich will. Ich habe sie dann zum Teil in einzelne Gliedmaßen zerschnitten oder die Köpfe abgeschnitten oder den Körper geöffnet. Ich habe das Gefühl gehabt, das ist jetzt etwas, das in meiner Gewalt ist". Abgesehen von der Versinnbildlichung von emotionaler Macht verfolgt Kogelnik mit diesen "Hangings" auch eine Demontage des menschlichen Körpers, eine Reduktion auf seine Außenhülle. Gleichzeitig vollzieht sie dadurch den endgültigen Wandel der künstlerischen Arbeit weg vom Pinsel hin zur Schere.


I Have Seen the Future
15. September 2012 bis 6. Januar 2013

Untitled (Bird), 1964. Öl und Acryl auf Leinwand, 41 x 61 cm; Foto: Fred Dott. © Kiki Kogelnik Foundation, Wien/New York, 2012
Untitled (Still-life with Globe), 1963. Sprühfarbe und Acryl auf Leinwandpapier, 41 x 51 cm; Foto: Fred Dott. © Kiki Kogelnik Foundation, Wien/New York, 2012
Untitled (Bomb), 1964. Armeebombe aus Metall, Acryl und Kunststoff, 122 x 25 x 20 cm; Foto: Fred Dott; © Kiki Kogelnik Foundation, Wien/New York, 2012
Untitled (Killer), ca. 1964. Collage, Buntstift, Tusche und Acryl auf Papier, 28 x 35 cm; Foto: Fred Dott. © Kiki Kogelnik Foundation, Wien/New York, 2012
Hit the Moon, ca. 1969. Collage und Acryl auf Karton, 22 x 29 cm; Foto: Fred Dott; © Kiki Kogelnik Foundation, Wien/New York, 2012
Kiki Kogelnik vor 'Self Portrait', 1964; © Kiki Kogelnik Foundation, Wien/ New York, 2012