Villa Flora

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Der Künstler als trauriger Clown

Nov 16, 2012 bis Apr 7, 2013

tn Georges Rouault (1871-1958) war eine singuläre Erscheinung in seiner Zeit, sein Werk lässt sich keiner Stilrichtung zuordnen. Rouaults Bilder und Graphiken sind auch innerhalb der ehemaligen Sammlung von Arthur und Hedy Hahnloser einzigartig. Sie mögen aufs Erste schwer zugänglich wirken, wer sich aber in sie vertieft, wird eine künstlerische Sprache kennen lernen, die grundsätzliche Fragen des Menschseins in der Spanne von Glück und Tragik berührt und dafür eigene Farben und Formen gefunden hat.

Seit der Präsentation im Museum für Kunst und Geschichte in Fribourg im Jahr 1992 und 1997 in Lugano war Rouaults Werk in der Schweiz nicht mehr zu sehen. Die Ausstellung in der Villa Flora will nun wieder auf diesen einmaligen Künstler aufmerksam machen. Wie Henri Matisse, Henri Manguin oder Albert Marquet gehörte auch Georges Rouault zu den Schülern von Gustave Moreau. Er war seinem Lehrer tief verbunden und von seiner spätromantischen Malweise nachhaltig geprägt. Ähnlich bestimmend für seinen Werdegang war eine Glasmalerlehre bei einem Restaurator für Kirchenfenster. Hier schon entdeckte er für sich die Möglichkeit, das Künstlerische mit dem Religiösen zu verbinden, auch lernte er das Kunsthandwerk schätzen.

Nachdem er sich aus Moreaus Einflussbereich gelöst hatte, fand er zu einer eigenen Ausdruckssprache, in der sich stets das Formale und Inhaltliche die Waage halten. In seinen Werken der Jahre um 1903 bis 1920 glühen und flackern die Farben, sie scheinen eingefangen in einem dunklen Gitterwerk aus nervös hin geworfenen Strichbahnen. Langsam schälen sich Figuren heraus, deren Umriss oft schemenhaft bleibt. Meist sind Rouaults Geschöpfe schwerleibig, ihre Gesichter sind derb, ihre Augen dunkle Höhlen.

Rouault war zeit seines Lebens ein engagierter Künstler, der sich emphatisch in das Leiden der Mitmenschen hineinversetzte und davon in seinen Werken Zeugnis ablegte. Er schildert eine Begegnung mit einem alten Clown in ergreifenden Worten und gesteht, dass er sich selber in ihm wieder erkannte. Die Figur des Clowns erscheint früh in seinem Schaffen und steht symbolisch für viele andere bei ihm oft wiederkehrende Typen: für das in einer immer anonymer werdenden Gesellschaft einsame und schwache Individuum, für den Künstler als unverstandenen Rufer in der Wüste und gar für Christus am Kreuz.

Sein Clown ist demnach eine ambivalente Erscheinung, schwankend zwischen seiner Rolle als Spassmacher und seinem Dasein als Randständiger in der Gesellschaft. Mit dieser Figur nimmt Rouault einen Topos auf, der seit Watteau über Goya in der bildenden Kunst von Bedeutung war und in der Zeit um die Jahrhundertwende eine eigentliche Blüte erlebte - man denke nur an die Dichtungen von Charles Baudelaire und die Bilder eines frühen Picasso, Daumier oder Toulouse-Lautrec.

Einen Gegenpol zum traurigen Spassmacher erkannte er in der Figur des Richters, der sich in seiner Rolle des Rechtsprechers über seine Mitmenschen erhebt. Zur gleichen Zeit entstehen auch Landschaftsbilder von apokalyptischer Gestimmtheit und von einer einprägsamen urtümlichen Zeichenhaftigkeit. In den Arbeiten aus den Jahren nach 1920 beruhigt sich die Strichführung, Rouault umreisst Figur und Gegenstand klar und dezidiert und bindet sie so in die Fläche. Die balkenartigen Konturen erinnern an die Bleifassungen von Kirchenfenstern. Die Farbpalette hellt sich auf, die Gestimmheit der Bilder wird heiterer.

Heute, da die Kunst wieder vermehrt über eine figürliche Ausdrucksweise Inhalte transportiert, kann Rouaults Werk seine Faszinationskraft neu entfalten. Die Ausstellung in der Villa Flora basiert auf einem Konvolut mit hervorragenden Werken aus der ehemaligen Kollektion Arthur und Hedy Hahnloser. Die Winterthurer Sammler trugen sie wesentlich in den Jahren 1919 - 1921 zusammen und erstanden sie direkt beim Künstler. Da es sich vor allem um kleinformatige Werke aus der früheren Schaffensphase handelt, werden sie durch weitere Arbeiten aus anderen wichtigen Sammlungen wie dem Kunsthaus Zürich und der Stiftung Im Obersteg (Depositum im Kunstmuseum Basel) ergänzt. Angelika Affentranger-Kirchrath


Der Künstler als trauriger Clown
16. November 2012 bis 7. April 2013

Paysage (à la voile rouge), 1939. Öl auf Papier, auf Gaze aufgezogen; Stiftung Im Obersteg, Depositum im Kunstmuseum Basel. Foto: Mark Gisler, Müllheim
Fille de cirque, 1902. Pastell und Aquarell auf Papier; Hahnloser/ Jaeggli Stiftung, Winterthur. Foto: Reto Pedrini, Zürich
Pitre, dit aussi: Tragédien, 1911. Aquarell, Gouache und Pastell auf Papier; Privatsammlung. Foto: Reto Pedrini, Zürich
Tête de clown tragique, um 1904/1905. Mischtechnik auf Papier; Kunsthaus Zürich, Schenkung Max Bangerter. Foto: Kunsthaus Zürich
Georges Rouault, Autoportrait, 1926. Lithographie Hahnloser/ Jaeggli Stiftung, Winterthur; Foto: Reto Pedrini, Zürich