Hamburger Bahnhof

Invalidenstraße 50/51
D - 10557 Berlin

T: 0049 (0)30 397834-12
F: 0049 (0)30 397834-13

E: hbf@smb.spk-berlin.de
W: http://www.smb.museum/museen-und-einrichtungen/hamburger-bahnhof/home.html


weitere Ausstellungen

Qiu Shihua. White Field

Apr 26, 2012 bis Aug 5, 2012

tn Die Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin, zeigt erstmals eine museale Einzelausstellung des chinesischen Künstlers Qiu Shihua in Europa präsentieren zu können. Anhand einer Auswahl von Werken, die frühe Arbeiten der siebziger Jahre bis zu jüngst entstandenen umfasst, wird das Œuvre Qiu Shihuas vorgestellt. Damit bietet die Ausstellung einen repräsentativen Überblick über das Schaffen Qius, dessen Werk ohne Zweifel zu den herausragenden künstlerischen Leistungen der Gegenwartskunst gehört.

Qiu Shihuas Werke scheinen auf den ersten Blick monochrome, fast weiße Gemälde zu sein. Nach längerem Einsehen werden jedoch in den malerischen Flächen weiträumige Landschaften sichtbar, die sich je nach Blick immer detailreicher darstellen oder sich als mögliches Bild wieder entziehen. Erst eine intensive Betrachtung ermöglicht die komplexe Sichtbarkeit der Bilder. Über das Sehen hinaus wird somit das "denkende Auge" gefordert, wie es nur in wenigen Fällen der jüngeren Kunstgeschichte geschieht.

Mit den weißen Landschaften befragt der Künstler das Konzept von Sichtbarkeit in der Malerei. In und hinter dünnen, weißen Farbschichten und Lasuren lässt der Künstler seine Motive aufscheinen und wieder verschwinden. Die immer neue Erprobung des Bildtypus weiße Landschaft und die unermüdliche Beschäftigung mit den Nuancen seiner Veränderbarkeit verweist auf eine taoistische Denk- und Arbeitsweise. Sie ist gekennzeichnet vom Prozess des Wiederholens, in dem ein Wechselspiel von An- und Abwesenheit, Fülle und Leere, Darstellung und Entrückung ausgelotet wird. Der Prozess der Darstellung eines Motivs ist der eine Pol, die gleichzeitige Loslösung von jeglichem Motiv der andere. Das Sehen wird zu einem Wechselspiel der Wahrnehmung. Es lassen sich Verbindungen zur Tradition chinesischer Malerei des "Shanshui" (Berg-Wasser)-Malerei herstellen, die ähnliche Weisen des Sehens als Prozess zwischen zwei Polen von motivischer Leere und Fülle voraussetzte.

Im Weiteren ist Qiu Shihuas Werk zeitgenössische Malerei, die ihre Ausformung einer intensiven Beschäftigung mit westlicher Kunst verdankt. Der Betrachter blickt in Qius Werken in weite, verlassene Ebenen – menschenleer und einsam. In der schwachen Farbigkeit dieser Landschaften entwickeln sich atmosphärische Effekte: nebelig verschwimmen Konturen während sich andere Stellen motivisch im transparent Opaken verdichten. Der Betrachter wird, indem er sich auf die Bilder einlässt, zugleich auf die eigene Wahrnehmung und seine Umwelt verwiesen. Diese Art der Werkerfahrung steht in Bezug zur europäischen Romantik, bei der Betrachter und Landschaft eine enge Verbindung eingehen. Die konsequente Verwendung der Farbe Weiß in Qius Malerei ist ein weiterer essentieller Parameter für seine künstlerischen Reflexionen. Hierin steht er in der Tradition abstrakter Malerei westlicher Künstler, die in der Kunst seit 1945 extensiv mit der Farbe Weiß experimentiert haben und in ihren Werken die Bedeutung malerischer Reduktion für das Medium Malerei neu ausformulierten.

Qiu Shihuas weiße Landschaften bewegen sich zwischen diesen Polen westlicher Auffassungen von Abstraktion und Reduktion und ostasiatischer Vorstellungen von Wiederholung und Leere. Seine Werke sind darin Ausdruck einer konsequenten Ambivalenz, die sich in den "weißen Landschaften" als unaufhörliche Wandelbarkeit von Motiv und Wahrnehmung manifestiert.

Qiu Shihua wurde 1940 in Zizhong in der Provinz Sichuan, China geboren. Er studierte an der Kunstakademie Xi’an Malerei. Dort wurde er vor allem in traditioneller chinesischer Malerei unterrichtet. Zum Ende seiner Studienzeit befasste er sich mit dem sozialistischen Realismus nach sowjetischem Vorbild. Im Jahr 1962 schloss er sein Studium ab und arbeitete während der Kulturrevolution bis 1984 als Plakatmaler für ein Kino in Tongchuan. Ausstellungen und Reisen in und nach Europa in den darauf folgenden Jahren sowie die Hinwendung zum Taoismus trugen zur Entwicklung seines heutigen Werkes bei. Qiu Shihua lebt und arbeitet in Beijing and Shenzhen, China.


Qiu Shihua. White Field
26. April bis 5. August 2012

Qiu Shihua: o.T., 1986. Privatsammlung, Courtesy m Bochum Kunstvermittlung; © Qiu Shihua, Foto: Eric Jobs
Qiu Shihua: o.T., 1991/92. Privatsammlung, Courtesy m Bochum Kunstvermittlung; © Qiu Shihua, Foto: Eric Jobs
Qiu Shihua: o.T., 2001. Sammlung Sigg; © Qiu Shihua, Foto: Sammlung Sigg
Qiu Shihua: o.T., 1996. Galerie Urs Meile, Beijing-Lucerne; © Qiu Shihua, Foto: Galerie Urs Meile, Beijing-Lucerne