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Mies van der Rohe. Die Collagen aus dem MoMA

Okt 28, 2016 bis Feb 12, 2017

tn Ludwig Mies van der Rohe (1886–1969), einer der bedeutendsten Architekten des 20. Jahrhunderts, schuf zwischen 1910 und 1965 eine Vielzahl von Collagen, die auf faszinierende Weise die Gestaltungsprinzipien seiner Architektur verdeutlichen. Diese meist großformatigen Arbeiten sind weit mehr als skizzenhafte Begleiter des architektonischen Entstehungsprozesses: Sie sind eigenständige Kunstwerke, die frei von Zweckgebundenheit und praktischen Zwängen die reine Vision Mies van der Rohes zeigen, die Essenz seiner Ideenfindung im abstrakten Raum.

Im Kontext moderner und zeitgenössischer Kunst präsentiert die vom Ludwig Forum Aachen konzipierte Ausstellung – im Jahr seines 130. Geburtstages – mit einem umfangreichen Konvolut an Leihgaben aus dem New Yorker Museum of Modern Art erstmalig die Collagen und Fotomontagen des in Aachen geborenen Architekten.

Kaum eine bildnerische Technik reflektiert die ästhetischen Prinzipien, den Zeitgeist und das Lebensgefühl der Moderne wie die der Collage/Montage. Der durch Krieg, Revolution und Industrialisierung geprägte Erfahrungs- und Wahrnehmungswandel schlägt sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts gleichermaßen in Zeitungen und Magazinen, in den bildenden und darstellenden Künsten nieder. Schon früh kamen Collage und Fotomontage auch in der Architektur zur Anwendung. Unter dem Einfluss von Dada, Konstruktivismus und De Stijl nutzte Mies van der Rohe wie kaum ein anderer Architekt diese neuen Bildtechniken, um seine künstlerischen Ideen zum Neuen Bauen in Wettbewerben, Ausstellungen und Zeitschriften zu visualisieren.

Abrupte Blickwechsel, die Freiheit von Perspektive, Ort und Zeit, das Montieren von vorgefundenen Elementen und eine auf verschiedene Materialien konzentrierte Ästhetik, wie sie bei Mies zum Einsatz kommen, stehen in einem historischen Kontext zu Künstlern und Experimentalfilmern wie Georg Grosz, Hannah Höch, John Heartfield, Kurt Schwitters, Theo van Doesburg, Hans Richter und László Moholy-Nagy, um nur einige Protagonisten der künstlerischen Avantgarde zu nennen. Dass Mies auf einer Fotografie von der Ersten Internationalen Dada-Messe 1920 in Berlin abgebildet ist und Mitglied der so genannten Novembergruppe war, macht diese Verbindungen nur allzu deutlich.

Betrachtet man diesen Kontext, ist es umso erstaunlicher, dass sich diesem besonderen Teil des Werkes von Ludwig Mies van der Rohe bisher keine eigene Ausstellung oder Publikation monografisch gewidmet hat. Dabei verdienen die Collagen und Fotomontagen gerade vor dem Hintergrund ihrer engen Verbindung zu den avantgardistischen Techniken und Kunstformen und ihrem Einfluss auf den Architekten eine genauere Betrachtung. Dieses Desiderats wird sich das Ludwig Forum Aachen mit der Ausstellung "Mies van der Rohe. Die Collagen aus demMoMA" erstmals annehmen – weltweit erstmals in diesem Umfang. Die ausgewählten Werke spielen einerseits eine Rolle als Entwurfsillustrationen für eine potenzielle zukünftige Architektur. Projekte wie "Museum For a Small City" (1941-43), "Concert Hall" (1942), "Theater" (1947) oder "Convention Hall" (1954) zeigen ideale Räume und sind in der architektonischen wie künstlerischen Ästhetik ihrer Zeit Ausnahmeerscheinungen.

Die Bedeutung der Collagen geht aber weit über eine Begleiter-Rolle des Entwurfsprozesses hinaus. Gerade weil sie völlig frei, ohne den Zwang architektonischer Funktionalität, mit visionären Raumkonstellationen spielen können, sind sie autonom und gewähren so einen tiefen Einblick in den konzeptionellen und künstlerischen Schaffensprozess. Sie zeigen die ideale Grundidee, aus der sich die Architektur ableitet – meisterhafte concetti des 20. Jahrhunderts.

Die Ausstellung spannt ihren zeitlichen Bogen von einem ersten, noch von Ludwig Mies van der Rohe und seinem Bruder Ewald Mies gemeinsam eingereichten Entwurf für das Bismarck-Denkmal am Rhein (1910) über seine Tätigkeit in den USA ab 1938 bis hin zu seinen späten Werken wie dem Entwurf für die Neue Nationalgalerie in Berlin aus den 1960er Jahren. Die Präsentation der Werke folgt dabei einerseits der Chronologie der Entwürfe und Projekte von Mies, andererseits beleuchtet sie den zeithistorischen und künstlerischen Kontext.

Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf den fließenden Grenzen zwischen bildender Kunst und Architektur: Mies verwendete in allen Collagen Kunstwerke von befreundeten oder sehr geschätzten Künstlern, deren Werke er selbst sammelte und die im Kontext seiner Ästhetik für ihn offenbar eine besondere Bedeutung hatten. Erstaunlicherweise unterbricht auch der Umzug in die USA diese Bezugnahme auf die Kunst nicht: Es sind immer noch dieselben "europäischen" Werke, z.B. von Paul Klee, Wilhelm Lehmbruck, Georges Braque und Aristide Maillol, die er bevorzugt in seine Montagen integriert und die als visuelle Anker für die Betrachter eingesetzt werden. Ausgewählte Werke einiger dieser Künstler werden ebenfalls in der Ausstellung gezeigt.


Mies van der Rohe. Die Collagen aus dem MoMA
28. Oktober 2016 bis 12. Februar 2017

Project for Concert Hall, 1942, Interior perspective. New York, Museum of Modern Art (MoMA); Mies van der Rohe Archive. © 2016 The Museum of Modern Art, New York/ Scala, Florence
Resor House, project (Jackson Hole, Wyoming): Perspective of living room through south glass wall. 1937-1941 (unbuilt). New York, Museum of Modern Art (MoMA); The Museum of Modern Art, New York/ Scala, Florence
Museum for a Small City,1942-43. Interior Perspective. New York, Museum of Modern Art (MoMA); The Mies van der Rohe Archive. © 2016 The Museum of Modern Art, New York/ Scala, Florence
Convention Hall. Chicago, Illinois, 1952-54. Interior perspective. Preliminary version, 1953. New York, Museum of Modern Art (MoMA); Mies van der Rohe Archive. © 2016 The Museum of Modern Art, New York/ Scala, Florence
Georg Schaefer Museum Project, Schweinfurt, Germany, Interior perspective with view of site, 1960-1963. New York, Museum of Modern Art (MoMA); Mies van der Rohe Archive. © 2016 The Museum of Modern Art, New York/ Scala, Florence.
Ludwig Mies van der Rohe in seinem Büro, Chicago, 1963. Foto: Werner Blaser