Haus der Kunst

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weitere Ausstellungen

Janet Cardiff & George Bures Miller

Apr 13, 2012 bis Jul 8, 2012

tn In diesem Jahr zeigt das Haus der Kunst drei Ausstellungen, in denen Geräusch, Ton, Klang und Musik zentral sind: die acht Installationen des kanadischen Künstler-Duos Janet Cardiff und George Bures Miller, zeitgleich dazu die Ausstellung "Klang und Stille", und im Herbst eine kulturelle Archäologie des Plattenlabels ECM. Janet Cardiff (geb. 1957 in Brussels, Ontario) wurde mit der Serie von "Walks" (1991 bis 2006) bekannt, Spaziergängen, bei denen sie die Schritte des Zuhörers mit der eigenen Stimme und über Kopfhörer dirigierte. 1983 begegnete sie George Bures Miller (geb. 1960 in Vegreville, Alberta); seitdem sind beide ein Paar, in der Kunst wie im Leben.

Die Werke von Cardiff und Miller stehen an der Schnittstelle zwischen Kino und Theater. Sie haben die Übereinkünfte, wie sich der Zuschauer in Kino und Theater verhält und was er dort erwartet, zum Thema. Idealerweise ist der Zuschauer im Kino von der Außenwelt abgeschirmt; im Theater dagegen erwartet er eine einzigartige, weil in ihren Nuancen nicht wiederholbare Aufführung.

In "The Paradise Institute" (2001 für die Biennale in Venedig produziert und mit dem La Biennale di Venezia Special Award ausgezeichnet) kombinieren Cardiff & Miller die Erwartungshaltungen an Kino und Film, um sie gleichzeitig zu unterwandern. Der Besucher betritt eine Holzkonstruktion, die den Rängen eines Filmtheaters der 40er-Jahre ähnelt. Von dort sieht er über die vorderen Sitzreihen hinweg einen Film, wobei ihn Geräusche aus dem Zuschauerraum erreichen: "Ein Handy klingelt neben dir im Zuschauerraum. Rascheln von jemandem, der in seinen Manteltaschen kramt", heißt es im Skript. Dann flüstert eine Frauenstimme nah an seinem Ohr "Hier ist dein Getränk. Willst du auch von meinem Popcorn?", gefolgt von den dazugehörigen Essgeräuschen, und fragt "Hast du den Herd ausgeschaltet, bevor wir gegangen sind?"

Auf diese Weise bleibt die "Außenwelt" präsent und hält den Zuschauer davon ab, sich ausschließlich auf die fiktive Handlung auf der Leinwand zu konzentrieren. Binauraler Sound, mit dem die räumliche Nähe einer Person in Flüsternähe vorgetäuscht wird, ist mit Surround-Sound kombiniert. Die Wiedergabe von binaural aufgenommenem Klang erfolgt über Kopfhörer. Das Ergebnis ist ein Höreindruck mit genauer Richtungslokalisation, der die Räumlichkeit des Lautsprecher-Klangbildes übertrifft – eine körperlich erfahrbare, hyperrealistische Wahrnehmung von Klang. Diese Art von Toneffekten zur Überlagerung von Handlungssträngen steht in der Tradition des Radio-Hörspiels. In der Literatur etwa eines Luis Borges, den Janet Cardiff als eine ihrer Inspirationsquellen nennt, hat sie ihre Entsprechung: Bei Borges werden Figur, Leser und Autor, die im herkömmlichen Roman klar unterschiedlich definierte Rollen haben, in labyrinthischen Konstruktionen miteinander verschmolzen.

In Kafkas Erzählung "In der Strafkolonie" (1919) erklärt ein Offizier einem Reisenden einen Folterapparat: eine Egge, die dem Verurteilten das Gebot, das er übertreten hat, auf den Körper schreibt. Der Verurteilte kennt sein Urteil nicht, bevor er es am eigenen Leib erfährt; er weiß nicht einmal, dass er überhaupt verurteilt wurde und hatte auch keine Gelegenheit, sich zu verteidigen. Der Offizier fasst die Maxime seiner Handlungen so zusammen: "Der Grundsatz, nach dem ich entscheide, ist: Die Schuld ist immer zweifellos." Cardiff & Millers Installation "The Killing Machine" (2007) ist teils durch diese Kafka-Erzählung, teils durch die in den USA praktizierte Todesstrafe angeregt. In der Installation des Künstlerduos führen zwei Roboterarme ein mechanisches Ballett über einem elektrischen, mit rosafarbenem Kunstpelz überzogenen Zahnarztstuhl auf. Sie attackieren ein imaginäres Opfer. Streichinstrumente und eine E-Gitarre begleiten das Geschehen.

In "Hillclimbing" (1999), einer Wanderung über einen verschneiten Hügel, die mit einem Sturz endet, ist über Kopfhörer der Atem des Wanderers und das Gebell eines Hundes zu hören. "Night Canoeing" (2004) erzählt von einer nächtlichen Kanufahrt. Das Wasser ist schwarz und die Luft so kalt, dass Dampf aufsteigt. Das Geräusch der Paddel und der wandernde Lichtkegel der das Ufer abtastenden Lampe rufen beim Zuschauer ein vages Gefühl von Gefahr und dunklen Machenschaften hervor. In allen Installationen ist die enge, ja intime Beziehung zwischen dem Zuhörer und den Geräuschen oder der Stimme in seiner unmittelbaren Nähe ein zentrales gestalterisches Element. Es ist nur scheinbar ein Paradox, dass diese Intimität gerade in einer gewissen Scheu vor Intimität wurzelt. "Ich glaube, das hat etwas mit meinem schottisch presbyterianischen Hintergrund zu tun", sagt Janet Cardiff, "mit ein bisschen Angst davor, körperlich zu eindeutig zu sein wenn es darum geht, Zuneigung zu zeigen."

Schon in den frühen "Walks" war das Lenken des Zuhörers über die eigene Stimme das Surrogat für die "eigentliche" Beziehung mit ihm. Man könnte die Installationen von Cardiff & Miller auch als Klangskulpturen bezeichnen, da Umfang, Proportion und physische Präsenz sowohl dem Klang als auch der Skulptur gemeinsam sind. In ihrer Gesamtheit sind die Arbeiten ein Brückenschlag von Film zu Literatur, Radiohörspiel, Installation und Theater.


Janet Cardiff & George Bures Miller
Werke aus der Sammlung Goetz
13. April bis 8. Juli 2012

The Paradise Institute, 2001. 1-Kanal-Videoinstallation (Farbe, Ton), Holz, 17 Kinosessel, 17 Kopfhörer, Teppich, architektonisches Modell, 1 DVD, Beamer, 13’ Loop; Installationsansicht Kunsthaus Bregenz, Bregenz. Courtesy Sammlung Goetz, Foto: Markus
The Paradise Institute, 2001. 1-Kanal-Videoinstallation (Farbe, Ton), Holz, 17 Kinosessel, 17 Kopfhörer, Teppich, architektonisches Modell, 1 DVD, Beamer, 13’ Loop; Innenansicht. Courtesy Sammlung Goetz, Foto: Markus Tretter
The Killing Machine, 2007. Installation mit Zahnarztstuhl, S/W Fernsehapparate, Robotertechnik, Pneumatik, Gitarre, Computer, Ton; Installationsansicht Museu d’Art Contemporani de Barcelona, 2007. Courtesy Sammlung Goetz, Foto: Seber Ugarte & Lorena Lop