Entre nous

Jun 10, 2012 bis Sep 30, 2012

tn Ausgangspunkt der Ausstellung "Entre nous" ist eine Dokumentation zum Sammlerleben. In den letzten zehn Jahren ist über die Sammeltätigkeit von Oskar Reinhart (1885–1965) viel geschrieben worden. Diese Forschungen konnten sich in erster Linie auf die grosse Vielfalt und Prägnanz der umfangreichen nachgelassenen Schriften von Oskar Reinhart stützen, die im Römerholz und in anderen Winterthurer Archiven aufbewahrt werden.

Die konzentriert gehaltene Ausstellung möchte diesen Schatz nun selbst zu Wort kommen und ihn die wesentlichen wie spannendsten Geschichten eines der Kunst gewidmeten Lebens erzählen lassen. Dabei werden bereits bekannte Aspekte neu beleuchtet und bislang vielleicht Unbeachtetes in seinen beredten Kontext gestellt. Die Dokumentation durchläuft den gesamten chronologischen Prozess der Sammeltätigkeit Oskar Reinharts; so berücksichtigt sie auch jenen Teil seiner Sammlung, den der Winterthurer Kaufmann bereits im Jahr 1940 als "Stiftung Oskar Reinhart" der Stadt Winterthur zugedacht hat. Dieses grosszügige Geschenk bildet die Bestände des Museums Oskar Reinhart am Stadtgarten.

Die Integration von fünf bedeutenden Werken aus diesem 1951 eröffneten Reinhart-Museum in das Römerholz-Ensemble konkretisiert den Inhalt des dokumentarischen Teils der Ausstellung: Sie führt exemplarisch das Ergebnis einer mit hohem Anspruch und konsequentem Blick betriebenen Sammelpassion vor Augen. Die Auswahl der erstklassigen Gastbilder sowie die Art ihrer Begegnung mit den Beständen des Römerholzes machen wesentliche Korrespondenzen zwischen den beiden Sammlungen anschaulich. Trotz mehr oder weniger offensichtlicher Unterschiede sind sie aus demselben Kunstverständnis heraus erwachsen, welches stark durch das Faible für die französische Kunst und die peinture geprägt wurde.

Demzufolge finden Werke aus der Stadtgarten-Sammlung in den Römerholz-Beständen eine Entsprechung: Geradezu als Sinnbild dieser Verknüpfung wurde Wilhelm Leibls Meisterwerk Die Dorfpolitiker 1953, im selben Jahr also wie Manets Hauptbild im Römerholz, Au Café, erworben. Diese beiden Ankäufe sollten die zwei Sammlungen krönen. Doch kehrt mehr als nur ein Werk aus dem Stadtgarten an seinen originären Ort zurück, die Stätte, an der es mit manchen Protagonisten der Römerholz-Sammlung bis zur Trennung der beiden Einheiten vereint war. Die bewusst nur exemplarisch realisierte Begegnung der beiden Sammlungen ist dem unbedingten Wunsch geschuldet, dass die Besucher während dieser Zeit die jeweiligen Sammlungshäuser unvermindert als stimmiges Ganzes geniessen können.

Zu der Sammlung, die Oskar Reinhart (1885–1965) in seiner Villa Am Römerholz untergebracht hatte, gehörte zunächst auch jene grössere Anzahl von Werken, die er 1940 seiner Heimatstadt stiftete und die elf Jahre später im Museum Oskar Reinhart am Stadtgarten ihren endgültigen Platz finden sollten. Dieses zuerst gegründete Reinhart-Museum kann sich heute des Besitzes von insgesamt circa 500 Werken deutscher, schweizerischer und österreichischer Künstler aus dem 18. bis 20. Jahrhundert sowie einer umfangreichen graphischen Sammlung erfreuen. Für die eigene Villa und ihre Gemäldegalerie hatte Reinhart den Kernbestand seiner Kollektion zurückbehalten.

Ergänzt durch weitere Ankäufe, gelangten die etwa 200 Gemälde, Zeichnungen und Skulpturen nach dem Tode des Sammlers zusammen mit den Gebäuden kraft testamentarischer Verfügung an die Schweizerische Eidgenossenschaft. Sie bilden die heutige Sammlung Oskar Reinhart "Am Römerholz". Im Zentrum dieses 1970 als zweites Reinhart-Museum eröffneten Komplexes stehen der französische Impressionismus und seine unmittelbaren Vorläufer. Dieses Werkensemble wird durch einzelne herausragende "Reverenzen" an die Alten Meister abgerundet. Die Sammlung "Am Römerholz" ist nach ästhetischen und nicht nach historisch-geographischen Kriterien aufgebaut. Folglich erschien sie damals wie heute dem Betrachter als ein facettenreiches und harmonisches Nebeneinander von Meisterwerken der europäischen Kunst. Die Sammlung im Museum am Stadtgarten ist hingegen in deutlich höherem Masse chronologisch ausgerichtet und geht auf systematischere und vollständigere Weise der Entwicklung der Malereigeschichte nach.

Beide Sammlungen zeichnen sich durch ihre hohe Qualität und eine Vorliebe für das "Malerische" in der Kunst aus. Diese Präferenz bildet einen zentralen Aspekt innerhalb des Kunstgeschmacks von Oskar Reinhart. Sie gründet auf seinem primären Interesse am französischen Impressionismus und bestimmt im Wesentlichen die Auswahl der deutschen und der schweizerischen Kunst, die Reinhart zu einem späteren Zeitpunkt konsequent sammeln wird. Wegweisend für ihn war die Berliner Jahrhundertausstellung von 1906. Von der Auseinandersetzung mit der französischen Moderne ausgehend, suchte die Schau entsprechende malerische Qualitäten in der Kunst aus dem deutschsprachigen Raum.

Viele der unter diesem Gesichtspunkt für die Jahrhundertausstellung ausgewählten Künstler sind in der Sammlung am Stadtgarten vertreten: Die berühmten "Dorfpolitiker" (1953 erworben) des deutschen Realisten Wilhelm Leibl, der zu jener Zeit aufgrund seiner malerischen Charakteristik wie seines sensiblen Natursinnes als der grösste Realist Deutschlands gefeiert wurde, zeigen in der Gegenüberstellung mit den Werken von Courbet die Nähe des deutschen Künstlers zur Malerei des französischen Realisten.

Albert Ankers "Tochter Louise" (1929 erworben) aus dem reichen Bestand des Schweizer Künstlers im Stadtgarten verrät, dass Reinharts Vorliebe für das "Malerische" aus seiner Beschäftigung mit der französischen Kunst resultierte. Das Bildnis gehört zu den frühesten Erwerbungen, die später in die "Stiftungssammlung" übergehen werden. Es verwundert deshalb nicht, dass hier die Verwandtschaft mit der von der französischen Kunst geprägten Sammlung "Am Römerholz" besonders evident ist. Das Gemälde zählt zu den Werken Ankers, die am deutlichsten der französischen Malerei des 19. Jahrhunderts nahestehen. Seine helle Tonalität etwa findet eine signifikante Entsprechung in Manets Weissmalerei.

Auch Ferdinand Hodlers "Strasse nach Evordes" (1931 erworben), ein Frühwerk des Künstlers, erinnert in gewissem Masse noch an den französischen Impressionismus. In einigen seiner radikalsten Äusserungen, wie etwa in Monets Seine bei Eisgang, ist die allen Dingen zugrunde liegende Ordnung, die Hodler unter Beibehaltung der realistischen Wiedergabe suchte und in seinem Bild verwirklichte, vorformuliert.

Die intensive Beschäftigung Reinharts mit dem Werk Hodlers weckte in ihm die Begeisterung für die dem Genfer Maler vorangegangenen Generationen: Die Gegenüberstellung eines Stilllebens von Liotard (1957 gekauft) aus dem wichtigen Konvolut des Künstlers im Stadtgarten (zwischen 1934 und 1946 erworben) mit dem Ensemble von Gemälden Chardins im Römerholz (zwischen 1922 und 1935 erworben) veranschaulicht das Bestreben des Sammlers, zwei grundlegende Aussagen des französischen Stilllebens im späten 18. Jahrhundert zu repräsentieren. War der Sammler im Allgemeinen nicht an historischer Vollständigkeit interessiert, so trug er doch wichtige Werkgruppen der für ihn bedeutenden Künstler zusammen, die jeweils die Vielfältigkeit ihres OEuvres vor Augen führen.

Die Ausstellung "Entre nous" unterscheidet sich von der Ausstellung "Im Dialog", die während der Schliessung der Sammlung "Am Römerholz" in den Jahren 2009/2010 die beiden Sammlungen im Museum am Stadtgarten zusammenführte. Ihre grundsätzliche Intention besteht nicht darin, erneut den Dialog zwischen den beiden Museen zu verwirklichen. Vielmehr soll das in der Ausstellung dokumentierte Sammlerleben durch eine punktuelle Begegnung der beiden Sammlungen illustriert werden. War die vergangene Schau auf die ganze Breite der beiden Museen hin ausgedehnt, so geht es in unserer aktuellen Präsentation ganz bewusst um ein exemplarisches Beleuchten. Damit können die beiden Sammlungen weiterhin als separate Einheiten an den beiden Orten ungemindert erlebt werden. Diese inszenierte Wiederbegegnung findet jetzt neu dort statt, wo einst die beiden Sammlungen ein einheitliches Ensemble bildeten. In diesem Sinne erfährt die Grundidee der vormaligen Ausstellung am anderen "Reinhart-Ort" eine sinnvolle Entwicklung und lässtdas Publikum nun ausgewählte Werke der beiden Sammlungen neu erleben und entdecken.

Umfangreiches Dokumentationsmaterial rekonstruiert in sechs Kapiteln die chronologische Entwicklung der Sammeltätigkeit von Oskar Reinhart. Es bietet zugleich Einblicke in sein Privatleben, das von seiner Passion für die Kunst nicht zu trennen war. Zahlreiche Photographien beleben die archivalische Dokumentation und erleichtern den Zugang. Eine kostenlose Broschüre gibt dem Besucher Anhaltspunkte für das Verständnis der Zusammenhänge des umfangreichen Materials. Die Dokumentation stellt die Sammeltätigkeit von Oskar Reinhart in den internationalen Kontext, in dem sich der Sammler bewegte. Dieses Thema wird ein breit angelegtes Symposium zur Geschichte und Dynamik des ästhetisch motivierten Sammelns in Europa und in Amerika vertiefen (Symposium vom 7. bis 8. September nach Einladung fürs Fachpublikum). Es soll eine neue Diskussionsgrundlage erschliessen, die der Vorbereitung diverser Publikationen zum fünfzigsten Todestag des Sammlers im Jahre 2015 frische Impulse zu vermitteln vermag.


Entre nous
Die Sammlung "Am Römerholz" mit ausgewählten Werken
aus dem Museum Oskar Reinhart am Stadtgarten
Begleitet von einer Dokumentation zum Sammlerleben
10. Juni bis 30. September 2012

Claude Monet (1840–1926): Die Seine bei Eisgang, 1880/81. Öl auf Leinwand, 60 x 99 cm; Sammlung Oskar Reinhart «Am Römerholz», Winterthur
Gustave Courbet (1819–1877): Die Woge, 1870, Öl auf Leinwand, 80,5 x 99,5 cm; Sammlung Oskar Reinhart «Am Römerholz», Winterthur
Edouard Manet (1832–1883): Au Café, 1878. Öl auf Leinwand, 78 x 84 cm; Sammlung Oskar Reinhart «Am Römerholz», Winterthur
Jean-Etienne Liotard (1702–1789): Stillleben mit Pfirsichen und Kürbis, 1783. Pastell auf Papier, auf Leinwand, 32 x 35,5 cm; Museum Oskar Reinhart am Stadtgarten, Winterthur
Wilhelm Leibl (1844–1900): Die Dorfpolitiker, 1877, Öl auf Holz, 76 x 97 cm; Museum Oskar Reinhart am Stadtgarten, Winterthur
Ferdinand Hodler (1853–1918): Die Strasse nach Evordes, um 1890. Öl auf Leinwand, 62,5 x 44,4 cm; Museum Oskar Reinhart am Stadtgarten, Winterthur
Albert Anker (1831–1910): Des Künstlers Tochter Louise, 1874. Öl auf Leinwand, 80,5 x 65 cm; Museum Oskar Reinhart am Stadtgarten, Winterth
Porträt von Oskar Reinhart, «Herrn Prof. Dr. Rudolf Hunziker in freundschaftlicher Verehrung Oskar Reinhart Juni 1945» gewidmet, unbekannter Photograph, 1945, Studienbibliothek Winterthur