Lentos Kunstmuseum Linz

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Die Sammlung Klein

Mär 15, 2012 bis Mär 25, 2012

tn Rudi Klein aka Ivan Klein aka Ruud Klein ist Schöpfer des weisen und abgebrühten Lochgotts. Seine Cartoons veröffentlicht er in vielen Zeitschriften oder Tageszeitungen, wie z. B. Falter, Der Standard, profil, Titanic, Die Zeit und auch in eigenen Büchern. Im Lentos zeigt er nun "Die Sammlung Klein". Dabei legt der Cartoonist seinen eigenen Parcours durch die Sammlungspräsentation. Seine Wort-Bild-Kombinationen, Fundstücke, Plastiken und Bilder aller Art reflektieren die Randzonen der bildenden Kunst. Seine Erinnerungen, Kostbarkeiten und zeichnerischen Kommentare lassen sich zwischen den Kunstwerken des Lentos entdecken.

Am Anfang steht wohl das Den-Alphatieren-gefallen-Wollen. Man malt bunte Zierzeilen in die Schulhefte, um von den schwarz berockten Schulbrüdern weniger Arschtritte zu bekommen. Man schenkt Müttern mit roten Buntstiftherzen beknödelte Muttertagskarten. Man übergeht, dass das bei Vätern nicht so rasend gut ankommt. Dann lernt man, hochkulturellen Ansprüchen der Mutter (Oper, Ballett, Klavierunterricht etc.) auszuweichen. Man geht für die Eltern einkaufen und bekommt als frühe Werbemaßnahme im Supermarkt das "Felix"-Comicheft Nummer 7. Das ändert einiges. Man merkt, dass die pädagogisch wertvollen Bücher ("Die Schwalbe Hirundo", "Der kleine Wassermann" etc.) nicht annähernd so bunt und lustig sind, wie alle dachten. Man beginnt heimlich (50er Jahre) Comics zu lesen.

Man verkauft erst einmal die Militärorden der Großväter um einen Schilling pro Stück an die Mitschüler um sich dann mit dem Ertrag bunte "Silberpfeil"-Comicabzeichen zu kaufen. Eine pfiffige Strategie, auf die man auch später noch mit Stolz zurückblicken kann. Man wird in der Schule in Zeichnen unterrichtet (Perspektive mit Straße, Baum und Haus). Man ist gelangweilt. Man ist pubertär. Das ist schwer. Man bekommt eine neue, junge Zeichenprofessorin, die im Unterricht Hendrix-Platten zur Inspiration spielt. Man ist inspiriert. Man besucht mit ihr wichtige Maler und noch wichtigere Weinflaschen in ihren Ateliers. Man ist betrunken. Die Zeichenprofessorin wird entlassen. Konsequenterweise findet man den Künstlerberuf nicht uncharmant. Aber man verzichtet erst einmal auf eine Ausübung dieses Jobs. Man besucht keine Akademie.

Man nimmt an einem privaten Aktzeichnen teil. Man bekommt eine 1A-Erektion und verlässt den Kurs unter Zurücklassung der Zeichnung (rechtes Ohr only). Man macht erst mal einmal paar Jahre gar nichts. Man ist sieben Tage Postbeamter, drei Tage davon schafft man es aufzustehen. Man spaziert zettelverteilend mit Elefanten durch seinen Heimatbezirk. Man beginnt ein Tarnstudium, um lästigen Fragen zu entgehen. Man bekritzelt schnarchlangweilige Skripten der Juridischen Fakultät und bewundert die perfekt produzierten Joints eines der drei Kommilitonen, mit denen man kommunizieren kann. Man jobbt als Knäbchen für alles in einer Designteilefirma. Man verschläft trotz 13-Uhr-Arbeitsbeginn. Man übermalt feinst gepinselte Insektenbilder des Chefs mit violettem Filzstift. Man wird nicht entlassen. Erst später.

Man durchforstet die Romantauschgeschäfte nach den in der Kindheit verbotenen Comicheften. Man ist in die Farbigkeit dieser Hefte verliebt. Und deren Kleinformatigkeit. Ursache ist mit Sicherheit eine extreme Kurzsichtigkeit, verursacht durch einen wohlweislich mit Steinen versehenen Schneeball eines Mitschülers. Man schult seinen Humor mit alten "Mad"-Taschenbüchern, Kurt-Vonnegut-Romanen und medizinischen Fachzeitschriften mit farbigen Geschwürfotografien, die der väterliche Arzt immer beim Frühstück zu lesen pflegte. Man heuert beim Österreichischen Rundfunk an. Dabei lernt man etwas über fixe Gehälter, Überziehungsrahmen und dicke Schulden. Man findet das definitiv nicht lustig. Man kündigt und beschließt, fortan kleine Zeichnungen für Großes zu verscherbeln. Das macht man dann auch. Man sitzt und starrt auf böses weißes Papier. Man ist überzeugt, dass es auf diesem seltsamen Planeten eine fixe Ideenmasse gibt.

Wenn man also zu viele Ideen produziert, saugt man deshalb anderen Menschen Ideen ab. Man kennt leider solche Beispiele. Man verhöhnt Idioten in Wort und Schrift, ohne die Wirkung auf sie genießen zu können. Es hat auch keine Wirkung – es sind schließlich Idioten. Man macht trotzdem weiter. Schließlich hat man ja nichts Ordentliches gelernt. Man beobachtet den parallelen Sieg von Kapitalismus und Hirnerweichung. Man wundert sich. Man witzelt über Hinz und Kunz, aber auch über den Papst. Man wird deshalb wegen Religionsstörung angezeigt. Bei der strengen Befragung durch goldkettchenbehangene Kriminalbeamte wird man gefragt, ob man religiöse Gefühle verletzen wollte. Man verneint, und das Verfahren wird eingestellt. Man hat gelogen. Später treibt man allerlei Scherze mit Propheten und Religionsgründern. Da muss man anschließend nicht lügen, weil Hardcore-Islamisten keine Wiener Stadtzeitungen lesen.

Man stemmt sich mittels Wandzeitungen nach kulturrevolutionären Vorbildern dagegen. Das ändert überhaupt nichts. Abgesehen davon, dass man ein interessantes Gespräch mit vier Anwälten eines Giganten des deutschen Schlagers führen darf. Man pflegt seine Depressionen und seine Plattensammlung. Man macht eine Liste von diversen Publikationen, für die man gearbeitet hat. (Es geht nichts über Listen!) Und plötzlich blickt man auf eine Halde von Zeichnungen aus 40 Jahren und kann sich eines Gefühls von archäologischer Verwunderung kaum erwehren.

Man kann sich plötzlich vorstellen, wie sich ein alter Hund beim Anblick aller jener Flöhe, die ihn in seinem Leben gebissen haben, fühlen könnte. Alles aber ist alt. Und wie auch bei menschlichen Wesen hat der Alterungsprozess bei Zeichnungen und Texten unterschiedliche Auswirkungen: Manche sind einfach nur alt und hässlich, andere hingegen ... nun ja. Man selbst ist auch alt. Und irgendwie ist man auch etwas geworden. Aber was?


Rudi Klein- Die Sammlung Klein
Im Rahmen des "Nextcomic"-Festivals
15. bis 25. März 2012

Rudi Klein, Die Sammlung Klein, 2011. © VBK, Wien 2012
Rudi Klein, Wie das Gute aussehen könnte (VIII), 2011. © VBK, Wien 2012
Rudi Klein, Collage, o. D.. © VBK, Wien 2012
Rudi Klein, Tusche auf Papier, o. D.. © VBK, Wien 2012
Rudi Klein vor seiner Objekt-Installation Story of an Artist 1, 2012. © VBK, Wien 2012; Foto: maschekS.