Schirn Kunsthalle

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weitere Ausstellungen

Magritte. Der Verrat der Bilder

Feb 10, 2017 bis Jun 5, 2017

tn Der Maler René Magritte (1898–1967) ist ein Magier der verrätselten Bilder. Die Schirn Kunsthalle Frankfurt widmet dem großen belgischen Surrealisten vom 10. Februar bis 5. Juni 2017 eine konzentrierte Einzelausstellung, die sein Verhältnis zur Philosophie seiner Zeit abbildet. Magritte sah sich nicht als Künstler, sondern vielmehr als denkender Mensch, der seine Gedanken durch die Malerei vermittelt. Ein Leben lang beschäftigte es ihn, der Malerei eine der Sprache gleichrangige Bedeutung zu verleihen. Seine Neugier und die Nähe zu großen zeitgenössischen Philosophen, etwa zu Michel Foucault, führten ihn zu einem bemerkenswerten Schaffen, zu einer Verfremdung der Welt, die auf einzigartige Weise akkurate, meisterhafte Malerei mit konzeptuellem Denken verbindet.

Die Ausstellung beleuchtet in fünf Kapiteln Magrittes Auseinandersetzung mit der Philosophie. Seine Wort-Bilder reflektieren seine grundsätzlichen Überlegungen zum Verhältnis von Bild und Sprache, weitere zentrale Bildformeln befassen sich mit den Legenden und Mythen der Erfindung und der Definition der Malerei. Die quasi wissenschaftliche Methode, der er in seiner Malerei folgte, bezeugt seinen Argwohn gegenüber einfachen Antworten und einem simplen Realismus.

Die Schirn präsentiert Magrittes meisterhafte Bilderrätsel der 1920er- bis 1960er-Jahre, wie etwa das emblematische Selbstbildnis "La Lampe philosophique" (Die philosophische Lampe) (1936), "La Condition Humaine" (So lebt der Mensch) (1948), "Les Mémoires d’un Saint" (Die Erinnerungen eines Heiligen) (1960), "Le Beau Monde" (Schöne Welt) (1962) oder "L’Heureux Donateur" (Der glückliche Stifter) (1966). Die Ausstellung vereint rund 70 Arbeiten, darunter zahlreiche Meisterwerke aus bedeutenden internationalen Museen, öffentlichen und privaten Sammlungen, u. a. dem Musée Magritte in Brüssel, dem Kunstmuseum Bern, dem Dallas Museum of Art, der Menil Collection in Houston, der Tate in London, dem Metropolitan Museum of Art in New York, dem Museum of Modern Art in New York, der National Gallery of Victoria in Melbourne und der National Gallery of Art in Washington D.C.

René Magritte gehört zu den Schlüsselfiguren der Malerei des 20. Jahrhunderts. Im Gegensatz zu den von den Pariser Surrealisten um André Breton postulierten Methoden von Traum und Automatismus wurzelt Magrittes einzigartige Bildsprache in der spezifischen Ausprägung des belgischen Surrealismus, der eine dialektische Methode und wissenschaftliches Denken forderte. Der Ausdruck "dumm wie ein Maler", der Ende des 19. Jahrhunderts zum gängigen Sprachgebrauch gehörte, verdeutlicht die philosophisch begründete Auffassung, dass die Poesie über der Malerei, die Worte über den Bildern stehen. Magritte wollte diese Hierarchie nicht akzeptieren. Zeitlebens forderte er die Anerkennung des geistigen Wertes seiner Kunst und verfolgte das Ziel, seine Malerei zuerst auf die Stufe der Poesie und schließlich auf die der Philosophie zu erheben.

Mit quasi wissenschaftlichem Anspruch verlieh der Künstler seiner Bildsprache die Objektivität eines Vokabulars. Seine Motive, wie etwa Pfeife, Apfel, Hut, Kerze, Vorhang, Flamme, Schatten oder Fragment treten in seinen Gemälden in unterschiedlichen Kombinationen und Sinnzusammenhängen wiederholt auf. Magritte malte Bilder, deren Sinn sich dem Betrachter universell aufdrängen sollte. Er verstand seine Malerei als Gleichung, bei der er jedem Bild die Lösung eines "Problems" zuschrieb und dabei einem dialektischen Prinzip folgte. In dem in der Ausstellung präsentierten Gemälde "La Condition humaine" (So lebt der Mensch) (1935) befasst er sich etwa mit dem Problem Fenster, indem er Innen und Außen, Gesehenes und Verborgenes, Natur und Kultur von Landschaft und Bild miteinander verbindet. Von Gemälde zu Gemälde zeichnet sich so seine Vorstellungswelt ab, die aus Gegensatzpaaren wie dem Natürlichen und Künstlichen, dem Innen und Außen, dem Trieb und der Vernunft besteht.

Als Magritte 1927 von Brüssel nach Frankreich zog, entstanden seine ersten Wort-Bilder. Die Schirn zeigt eine Version seines wohl berühmtesten Gemäldes aus dieser Werkgruppe, "La Trahison des images (Ceci n’est pas une pipe)" (Der Verrat der Bilder [Das ist keine Pfeife]) (1927). Dieses zeigt in seiner typisch akkuraten Malweise eine Pfeife, unter der geschrieben steht "Das ist keine Pfeife". In dieser widersprüchlichen Konfrontation von Text und Bild formulierte Magritte seine Zweifel an der Abbildbarkeit der Realität und stellte somit die Wahrnehmung fundamental infrage. Zwei Jahre später erschien in der Zeitschrift La Révolution surréaliste seine theoretische Abhandlung "Les Mots et les Images" (Die Wörter und die Bilder) (1929), welche aus 18 Bild-Wort-Paaren besteht, in denen der Maler das komplexe Beziehungsgeflecht zwischen dem Objekt, seiner Bezeichnung und seiner Repräsentation scharfsinnig und humorvoll hinterfragt. Magrittes Wort-Gemälde sind seine Antwort auf die Diffamierung der Malerei, ein Ausdruck seines Strebens nach Gleichwertigkeit zwischen Bild und Wort als Ausdrucksmittel des Geistes.

Ab den 1950er-Jahren beschäftigte sich Magritte zunehmend mit philosophischen Theorien. Er las die Werke von Martin Heidegger oder Maurice Merleau-Ponty und suchte den persönlichen Kontakt zu Philosophen seiner Zeit. Seine bevorzugten Gesprächspartner waren der Heidegger-Spezialist Alphonse De Waelhens und der Rechtsphilosoph Chaïm Perelman. Durch den Austausch mit ihnen stellte Magritte seine Gedanken über die Malerei auf die Probe, ließ aber auch keine Gelegenheit aus, sie kritisch zu hinterfragen. Die Nähe zur Philosophie lieferte ihm Argumente für den komplexen Charakter seiner Bilder. Sie diente ihm dazu, seine Malerei wissenschaftlich zu legitimieren. Immer wieder setzte er sich in seinen Gemälden auch mit antiken Mythen über die Erfindung und das Wesen der Malerei auseinander, etwa mit Platons Höhlengleichnis oder dem malerischen Wettstreit von Zeuxis und Parrhasios, über den Plinius der Ältere berichtet. Der kunstfertig gemalte Vorhang, jenes Motiv, mit dem Parrhasios den Wettstreit in der Fabel gewinnt, gehört zu den am häufigsten wiederkehrenden Motiven in Magrittes Gemälden, so etwa in "Les Mémoires d’un saint" (Die Erinnerungen eines Heiligen) (1960) oder in "Le Beau Monde" (Schöne Welt) (1962).

Die Werke zeugen von der Fähigkeit des Künstlers, Bilder zu schaffen, die realistisch sind bis zum Grad des Trompe-l’oeil, und gleichzeitig von der Reflektiertheit, mit der er seine eigene illusionistische Virtuosität ironisiert. Ebenfalls eine wiederkehrende Konstante sind Magrittes gemalte Collagen, insbesondere von fragmentierten Körpern wie etwa in "Les Marches de l’été" (Die Stufen des Sommers) (1938). Auch hier nutzt er seine Kenntnis der antiken Legenden für ein malerisches Nachdenken über Schönheit, Wirklichkeit und den kreativen Prozess. Zwar blieb die Beziehung Magrittes zu den Philosophen stets freundschaftlich, doch inhaltlich redeten sie aneinander vorbei. Der Maler erhielt weder von De Waelhens noch von Perelman die philosophische Adelung, die er einforderte – bis zu seiner Begegnung mit dem großen Poststrukturalisten Michel Foucault. Er war es, der Magritte im hohen Alter endlich die gebührende Anerkennung zuteilwerden ließ und ihm posthum die bekannte Schrift "Ceci n’est pas une pipe" (1973) widmete.


Katalog: "Magritte. Der Verrat der Bilder." Herausgegeben von Didier Ottinger. Vorwort von Philipp Demandt, Essays von Jan Blanc, Barbara Cassin, Michel Draguet, Jacqueline Lichtenstein, Didier Ottinger, Klaus Speidel und Victor I. Stoichita. 208 Seiten, 28,0 x 23,5 cm (Hochformat), 157 farbige Abbildungen; Prestel Verlag, München, London, New York, 2017. ISBN 978-3-7913-6723-1, Schirnausgabe EUR 35.

Magritte. Der Verrat der Bilder
10. Februar bis 5. Juni 2017

This is not a pipe, 1935. Öl auf Leinwand, 27 × 41 cm; Privatsammlung. © VG Bild-Kunst, Bonn 2017
Les Mémoires d’un saint, 1960. Öl auf Leinwand, 80 x 99,7 cm; The Menil Collection, Houston. © VG Bild-Kunst, Bonn 2017
Variante de la tristesse, 1957. Öl auf Leinwand, 50 x 60 cm; Kerry Stokes Collection, Perth. Foto: Acorn Photo, Perth; © VG Bild-Kunst, Bonn 2017
La lecture défendue, 1936. Öl auf Leinwand, 54,4 x 73,4 cm; Royal Museums of Fine Arts of Belgium, Brussels. Foto: J. Geleyns - Ro scan / Charly Herscovici, with his kind authorization – c/o SABAM-ADAGP, 2016. © VG Bild-Kunst, 2017
La colère des dieux, 1960. Öl auf Leinwand, 80 x 70 cm; Privatsammlung. © VG Bild-Kunst, Bonn 2017
La Lampe philosophique, 1936. Öl auf Leinwand, 46 x 55 cm; Privatsammlung. © VG Bild-Kunst, Bonn 2017
L'Heureux donateur. 1966, Öl auf Leinwand, 55,5 x 45,5 cm; Musée d'Ixelles-Brussels. Foto: Mixed Media; © VG Bild-Kunst, Bonn 2017