Vorarlberg Museum

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Wacker im Krieg. Erfahrungen eines Künstlers

Jun 9, 2018 bis Feb 17, 2019

tn Der Krieg sollte für Rudolf Wacker (1893 – 1939) nie enden. Der Abschied von Bregenz am 1. August 1914 und die Rückkehr aus der russischen Kriegsgefangenschaft am 14. September 1920 bleiben dem Maler zeitlebens die wichtigsten Erinnerungstage. Die Ausstellung veranschaulicht, wie Wacker im sibirischen Lager zum Künstler wurde, und welche Auswirkungen Krieg und Gefangenschaft auf sein weiteres Leben und Schaffen hatten. In Zusammenarbeit mit dem Franz-Michael-Felder-Archiv der Vorarlberger Landesbibliothek, das den schriftlichen Nachlass des Künstlers verwahrt.

Wie der Krieg Hoffnungen zerstört und die Richtung eines Lebens drastisch verändert, wird in der Ausstellung exemplarisch dargelegt: Aufgewachsen im großbürgerlichen Milieu in Bregenz, führte Rudolf Wacker in Wien und Weimar das Leben eines begüterten Kunststudenten. Der Krieg zwang ihn in Uniform und Verderbnis, die Gefangenschaft in Tomsk in Sibirien konfrontierte ihn mit Hunger, Kälte, Typhus, Einsamkeit und Gewalt. Nach zwei Jahren im sibirischen Lager begann er zu zeichnen, leidenschaftlich, nicht mehr akademisch, wie er es gelernt hatte, sondern auf der Suche nach einem eigenen Stil: Selbstporträts, Landschaftsstudien, Lagerskizzen, Porträts von Mitgefangenen, aber auch von jungen Frauen, russischen Intellektuellen und Künstlern, die er außerhalb des Lagers kennengelernt hatte.

Als Rudolf Wacker 1920 nach fünf Jahren Gefangenschaft in sein Elternhaus zurückkehrte, war Bregenz eine andere Stadt geworden, die Monarchie war Geschichte, der Vater gestorben, die Inflation fraß das Vermögen auf. Hier begann er, seine eigene malerische Sprache zu entwickeln, verdichtete alle seine Erfahrungen, Emotionen und Ideen, aber auch seine Zeitkritik und Utopien in jenen Dingen, die seinen Stillleben einen so eigensinnigen Charakter verleihen und sie unvergleichlich machen. Er malte zersprungene Puppen mit leuchtenden Augen, versehrte Heiligenfiguren und Engel, künstliche Vögel, Kinderzeichnungen, Kasperlefiguren, Bücher, Zeitungen, Jasskarten und kombinierte sie in eigenwilligen Konstellationen. Das Selbstporträt bildete seit dem Lager einen wichtigen Teil seines Oeuvres.

Zu manchen der ehemaligen Mitgefangenen in Tomsk unterhielt Wacker zeitlebens enge Beziehungen und zurück in Bregenz zog ihn alles Russische magisch an. So wurde ihm Sergei Eisensteins Film "Panzerkreuzer Potemkin" zur Offenbarung einer "abstrakten Sachlichkeit", in Tolstois Bauern "Polikushka" sah er sich selbst, was er mit dem "Russenhemd", das er so oft trug, unterstrich. Als die Gestapo 1938 sein Haus in Bregenz durchsuchte, wurde ihm diese Russenliebe zum Verhängnis. Wacker erinnerte sich an die Durchsuchungen in den Tomsker Baracken. Der Krieg hörte eben nie auf. Rudolf Wacker starb 1939 an den Folgen eines Herzinfarkts.

Die Ausstellung zeigt, wie Wacker im sibirischen Lager zum Künstler wurde und welche Auswirkungen Krieg und Gefangenschaft auf sein Leben und Schaffen nach dem Lager hatten. Hier die Fragilität der Lagersituation mit dem zeichnerischen Werk, dort die eher museale Präsentation mit den Ölgemälden. Durch "Wacker im Krieg" zieht sich ein dokumentarischer Strang aus Fotografien, Filmen, persönlichen Dokumenten und Auszügen aus Wackers umfassenden Tagebüchern und Briefwechsel, die seine künstlerischen, emotionalen und intellektuellen Befindlichkeiten wiedergeben. Die Ausstellung zeigt Werke (30 Ölgemälde, 115 Zeichnungen) und Objekte (Fotografien, Briefe, Postkarten, Lagerdokumente, Aufzeichnungen) aus Sammlungen aus Österreich, Schweiz, Polen, Russland und Slowenien, viele davon sind erstmals zu sehen, darunter auch eines seiner Schlüsselwerke "Der Maler (Selbstbildnis)" von 1924, das erstmals seit 1925 wieder öffentlich zu sehen ist.


Wacker im Krieg
Erfahrungen eines Künstlers
9. Juni 2018 bis 17. Februar 2019

Ausstellungsansicht; (c) Darko Todorovic
Gefangenenlager Tomsk, um 1919. Privatbesitz; © Markus Tretter
Rudolf Wacker: Selbstbildnis (mit Selbstbildnis und Klebebild). Sammlung Vorarlberg Museum; © Markus Tretter
Rudolf Wacker: Selbstbildnis mit Palette, 1926. Sammlung Vorarlberg Museum; © Markus Tretter