Museum Frieder Burda

Lichtentaler Allee 8b
D - 76530 Baden-Baden

T: 0049 (0)7221 39898-0
F: 0049 (0)7221 39898-30

E: office@museum-frieder-burda.de
W: http://www.museum-frieder-burda.de/


weitere Ausstellungen

Die "Kerze" im Museum Frieder Burda

Okt 22, 2016 bis Jan 29, 2017

tn Aufrecht steht die Kerze – als ein Symbol für die Dauer eines Lebens, für erhellende Aufklärung im Zeichen der Ratio, für einen Hoffnungsschimmer am Horizont, aber auch für ein latentes sexuelles Begehren. Von der physikalischen Lumineszenz bis zur spirituellen Transzendenz, von der Vanitas bis zum Eros: Die Kerze als Bildmotiv hat vielfältige Bedeutungen. Mit dem inzwischen zur Ikone gewordenen Kerzen-Bild von Gerhard Richter besitzt die Sammlung Frieder Burda ein zentrales Werk zum Thema – und nimmt es gerne zum Anlass, die Komplexität des Themas auszuleuchten und es nach seiner Aktualität in der zeitgenössischen Kunst zu befragen.

Von der Taufe bis zur Aufbahrung der Toten begleitet die Kerze unser Leben, sie leuchtet auf Adventskränzen und Geburtstagstorten, in der Kirche, bei politischen Mahnwachen oder beim romantischen Candlelight Dinner. Nach den Terroranschlägen von Paris und Brüssel stellten tausende Menschen nicht nur an den Tatorten, sondern auch auf anderen Plätzen dieser Welt brennende Kerzen auf. Sie brachten damit ihre Trauer zum Ausdruck und bekundeten gleichzeitig ihre Solidarität mit den Opfern. So sind Kerzen seit jeher grundlegender Bestandteil religiöser Praktiken – vor allem an der Schnittstelle von Leben und Tod, von göttlicher Ewigkeit und menschlicher Vergänglichkeit: Sie versinnbildlichen das Immaterielle oder Transzendente und stehen für die Beziehung zwischen Geist und Materie.

Schon bei den Künstlern des ausgehenden Mittelalters ist die Kerze fest im religiösen Bildrepertoire verankert, wo sie Szenen aus dem Leben Christi oder Mariens symbolisch auflädt. Mit Caravaggio und seinen Nachfolgern verleiht das Kerzenlicht dem Interieur eine dramatische Stimmung – und einen versteckten Hinweis auf einen bedeutungsschweren Subtext. Vor allem in der niederländischen Stillleben-Malerei wird der Gedanke an die Endlichkeit allen Lebens durch die Kerze zum Ausdruck gebracht. Im Zeitalter der Aufklärung ist sie Sinnbild wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns. Die Romantik lässt mit der Kerze ein Sehnsuchtsmoment aufleuchten, die Expressionisten finden in ihr ein ausdruckstarkes Motiv. So greift etwa Max Beckmann in zahlreichen Bildern auf tradierte Bedeutungsformeln der Kerze zurück und kombiniert diese mit seinen bahnbrechenden malerischen Errungenschaften. Auch Pablo Picasso nutzt die symbolische Vielfältigkeit des Kerzenmotivs in einigen Stillleben, wobei er sie mit ganz persönlichen Bedeutungen versieht – eines seiner Kerzenbilder von 1952 soll für seine erloschene Liebe zu Françoise Gilot stehen.

All das ist Gerhard Richter sicherlich bewusst, als er sich 1982 intensiv der Kerze als Bildmotiv zuwendet, auch wenn ihn selbst gerade die Schlichtheit des Motivs reizt. Seine Vorliebe zu (Kerzen-)Stillleben erklärt er wie folgt: "Weil sie uns umgeben. Wir brauchen sie alle. Meine Arbeit hat mit dem Versuch zu tun, etwas zu machen, was heutzutage verstanden werden kann." Damit verweist der Künstler auf eine der Kerze innewohnende, besondere Qualität: Sie ist ein uns vertrautes symbolisches Objekt. Bis heute hat Gerhard Richter 29 Gemälde zum Thema geschaffen, eines davon ist in Besitz der Sammlung Frieder Burda, ein weiteres ("Schädel mit Kerze") sowie drei Kerzeneditionen und vier Atlastafeln, die dem Künstler zur Vorbereitung des Kerzenzyklus dienten, werden nun als visueller Bezugspunkt in der Ausstellung gezeigt.

Mit großer Ausstrahlung: Gerhard Richters Schülerin Karin Kneffel hat zudem extra für die Ausstellung eine neue Bildserie entworfen, die sich auf sein ikonisches Kerzenmotiv bezieht. Kneffel übernimmt dabei zwar das Richtersche Format, die Komposition, die Bildaufteilung. Aber ihre Welt ist eine der Reflexionen, der Spiegelungen, der Irrealisierung. Kühle kennzeichnet die Bilder und eine differenzierte Auseinandersetzung mit der Dominanz des in jeder Weise aufgeladenen Motivs. Karin Kneffel ist nicht die einzige zeitgenössische Künstlerin, auch andere Künstler und Künstlerinnen haben sich in den verschiedensten Medien mit dem Thema auseinandergesetzt: Allen voran die Phalanx der großen deutschen Malerei seit den 80er Jahren.

Neben Markus Lüpertz und A. R. Penck sind vor allem Georg Baselitz und Jörg Immendorff zu nennen. Mit dem wortspielartigen Titel "Kerzenfriedenfreud" spornt Georg Baselitz den Betrachter zu einer möglichen Entschlüsselung regelrecht an – die Kerze taucht hier als Synonym für verdrängte Sexualität und Begierde auf. Vom Künstler selbst als "Negerchen mit Kerze" betitelt, ist die Arbeit von Jörg Immendorff eine einzige Provokation. Sie zeigt die karikativ überzogene Darstellung eines Schwarzen, der mit aufgeblasenen Backen eine Kerze auspustet – ein ebenso giftiger wie entlarvender Kommentar zu jeglicher gutbürgerlichen Form von Rassismus.

Poppiger – wenn auch in kritischer Distanz zur Pop Art – der große amerikanische Künstler der 80er Jahre: Jeff Koons. Bikinis und Unterwäsche, Haarsträhnen, nackte Haut, Blumen sowie Landschaftsausschnitte mit Bergen und Seen verbinden sich in seinem Bild "Candle" zu einer überbordenden Collage. Hier geht es um die Sexualisierung der Warenwelt durch die Werbeindustrie, bei der auch unschuldige Sehnsuchtsmotive zu Konsumgütern (de-)generiert werden. Mit einer schwarzen Zierkerze, eine aus Peracryl nachgegossene Imitation in ihrer ganzen pathetischen Hässlichkeit, konfrontiert den Betrachter das Künstlerduo Fischli/Weiss. Fischli/Weiss strebten während ihrer gemeinsamen Schaffensphase (bis zum Tod von David Weiss 2012) eine Enthierarchisierung der Dingwelt an. Das Künstlerduo nahm dadurch konsequent den uns umgebenden Originalitätswahn aufs Korn und stellte ihm mit viel Witz und Ironie eine andere, simple Erklärung der Welt entgegen.

Neben den bildkünstlerischen Lösungen erweitert die Ausstellung die Perspektive auf die Rolle der Kerze im Film. Im Rahmen des Kompilationsfilms "Die Kerze im Scheinwerferlicht" stellen Kerzenmomente aus der gesamten Filmgeschichte diverse formale wie inhaltliche Kriterien heraus und zeigen das Spannungsfeld zwischen Bild und Film auf.


Die "Kerze" im Museum Frieder Burda
22. Oktober 2016 bis 29. Januar 2017

Jeff Koons: Candle, 2001. Privatsammlung; © Jeff Koons, 2016. Courtesy Gagosion Gallery
Thomas Demand: Tribute, 2011. © Thomas Demand / VG Bild-Kunst Bonn, 2016. Courtesy Sprüth Magers
Eric Fischl: Dining Room, Scene 1, 2003. © VG Bild-Kunst, Bonn 2016
Nam June Paik: One Candle, 1988. MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main; © Nam June Paik Estate, Foto: Axel Schneider
Marina Abramović: Artist Portrait with a Candle (A) aus der Serie 'With Eyes Closed I See Happiness', 2012. © Marina Abramović / VG Bild-Kunst, Bonn 2016; Courtesy Marina Abramović and Sean Kelly Gallery New York
Gerhard Richter: Kerze, 1982. Museum Frieder Burda, Baden-Baden; © Gerhard Richter, 2016