Kunsthalle Jesuitenkirche

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Wladimir Nemuchin. Unangepasst und vielschichtig

Jul 30, 2016 bis Nov 1, 2016

tn Der Moskauer Künstler Nemuchin (1925 - 2016) gilt als einer der führenden Köpfe der sogenannten Nonkonformisten, die aufgrund ihrer Hinwendung zur Abstraktion als zu "westlich" von der offiziellen sowjetischen Kulturpolitik noch bis in die achtziger Jahre diskreditiert wurden. Nemuchins Werk zeichnet sich durch eine abstrakt-figürliche Darstellungsweise aus.

Großen Einfluss hatte unter anderem das Werk Pablo Picassos auf ihn. Wie auch Picasso beweist Nemuchin ein breites Spektrum virtuos beherrschter Techniken, mit denen er spielerisch umgeht, ja, seit 1965 taucht die Spielkarte als Versatzstück in seinen Werken immer wieder auf. Mit Acryl, Tempera und Gouache ergänzte Collagen bis hin zu Porträts auf Leinwand, Papier und Karton, Zeichnungen, Prints und Druckgrafiken, teils bewegliche Plastiken und Skulpturen aus Holz, Porzellan und Bronze, Buchgestaltungen, Tee- und Kaffeeservices hinterlässt der im April verstorbene Künstler ein außergewöhnliches künstlerisches Werk, das erstmals als Retrospektive in Deutschland – nun posthum – gezeigt wird.

Der Nonkonformismus ist eine künstlerische Bewegung, die sich in den 1960er Jahren in Moskau, Leningrad und einigen anderen Städten der Sowjetunion bildete. Sie entwickelte sich parallel zu der von der Führung sanktionierten und ideologisch festgeschriebenen offiziellen Kunst der Akademie der Künste und des Künstlerverbands. Damit stellten sich die Künstler in ihren Arbeiten hauptsächlich gegen den "Sozialistischen Realismus" mit seiner heldenhaften Inszenierung des Aufbaus der sowjetischen Gesellschaft. Diese staatsgelenkte Kunst wurde 1934 durch das Zentralkomitee der KPdSU unter Stalin als Richtlinie für die Produktion von Literatur, bildender Kunst und Musik bestimmt.

Nach dem Tod Stalins wurde in der sogenannten "Tauwetterperiode" von 1953 bis 1964 der Weg frei für eine zaghafte, zeitweilige Liberalisierung der sowjetischen Gesellschaft. Spätestens aber seit Beginn der sechziger Jahre nahmen die Repressalien wieder zu. In den Untergrund getrieben, versammelte sich die Moskauer Avantgarde nicht an den offiziellen Orten der Kunst, sondern unter anderem in der Barackensiedlung Lianosowo. Hier bildete sich im Jahre 1957 die gleichnamige Lianosowo-Gruppe. Man traf sich hier als Künstler, Dichter und Wissenschaftler zum gemeinsamen Arbeiten und Diskutieren. Dabei verfolgte man jedoch kein gemeinsames ideologisches oder künstlerisches Programm, sondern es ging ausschließlich um die Realisierung individueller künstlerischer Ausdrucksweisen.

Wladimir Nemuchin war fest integriert in die inoffizielle Kunstwelt Moskaus. Er gehörte nicht nur dazu, er war ihre Seele. Sein Atelier auf dem Gartenring war über viele Jahre der Treffpunkt einer Vielzahl von Künstlern. Er kuratierte in den 1970er und 1980er Jahren viele Ausstellungen und half bei der Zusammenstellung der ersten privaten Sammlungen nonkonformistischer Kunst. So beteiligte sich Nemuchin auch an der legendären"Bulldozer-Ausstellung" vom 15. September 1974 in Moskau, bei der die Russischen Nonkonformisten mitten im 2200 Hektar großen Bitzewski Park am Moskauer Stadtrand ihre Bilder im Freien präsentierten. Organisiert wurde die eintägige Ausstellung vom Sammler Alexander Gleser und dem Maler Oskar Rabin mit zwei Dutzend weiteren Künstlern – unter ihnen Nemuchin. Die Ausstellung erhielt ihren Namen vom brutalen Polizeieinsatz, bei dem die Sicherheitskräfte vor den Kameras internationaler Presseorgane die nonkonformistische Ausstellung mit Bulldozern buchstäblich niederwalzten.

Während andere Künstler aus Angst vor Plagiatsvorwürfen ihr Interesse an anderen Künstlern oft verbergen, stellt Nemuchin seine Präferenzen für die unterschiedlichsten Erscheinungen der zeitgenössischen Kunst geradewegs zur Schau. Er führt in seine Bilder erkennbare Zeichen eines fremden Stils oder einer fremden Handschrift ein, charakteristische Gegenstände oder Formen, wie zum Beispiel die Gitarren, Masken und Zeitungsausschnitte der Kubisten, die endlosen Strände von Tanguy und Dalí, die biomorphen, wellenförmigen Flächen von Arp, Malewitschs Kuh, Chagalls grünen Talmudisten usw. Solche Anspielungen mögen wie ein Spiel anmuten, sind aber vor allem ernsthaftes Statement: Nemuchin sah seine Kunst am Schnittpunkt verschiedener Tendenzen der zeitgenössischen Kunst.

Trotz der vermeintlichen Abgeschiedenheit hinter dem eisernen Vorhang verblüfft Nemuchin nicht nur durch seine detaillierte Kenntnis der Werke der westlichen Kunst. Er war auch ein Kenner der Künstlerbiographien und z. B. in der Lage, ausführlich über Jackson Pollocks Manien und Krankheiten oder über Willem de Koonings Familienprobleme zu erzählen. Diese Künstler hat er im Übrigen selbst nie getroffen und auch ihre Bilder im Original größtenteils nicht gesehen. Dennoch war er davon überzeugt, dass dies sein Kreis ist. So ein Weltgefühl ist erstaunlich für einen im Untergrund arbeitenden Künstler in einem totalitären Staat, der sich jegliche Informationen über die Gegenwartskultur mühselig zusammensuchen musste.

In den letzten Jahren erfuhr Nemuchin zahlreiche Ehrungen in Russland, unter anderem jüngst 2015 durch die große Einzelausstellung im Moskauer Museum für Moderne Kunst, sowie die Verleihung des Ordens "Für die Verdienste im Kunstbereich" – die höchste Auszeichnung der Kunstakademie der russischen Föderation.


Wladimir Nemuchin (1925 – 2016)
30. Juli bis 1. November 2016

Wladimir Nemuchin: Spieltisch, 1994. Leinwand, Acryl, Collage, 150 x 130 cm; Privatsammlung Deutschland. © W. Nemuchin, Foto: Norbert Haentzschel
Wladimir Nemuchin: Bube Mayakovsky, 2010. Acryl, Collage, Leinwand, 71 x 53,5 cm; Privatsammlung Frankfurt. © W. Nemuchin, Foto: privat