Schirn Kunsthalle

Römerberg
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weitere Ausstellungen

Der Farbholzschnitt in Wien um 1900

Jul 6, 2016 bis Okt 3, 2016

tn Diese Ausstellung ist eine Premiere. Der Holzschnitt als eines der ältesten Druckverfahren der Menschheit erlebte mit Albrecht Dürer im Mittelalter seinen Höhepunkt, rückte als künstlerische Technik über die Jahrhunderte mehr und mehr in den Hintergrund und erfuhr plötzlich in ganz Europa zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine bahnbrechende Wiederentdeckung. So auch in Wien, wo zahlreiche Künstler und auffallend viele Künstlerinnen den Farbholzschnitt neu belebten.

Die Schirn Kunsthalle Frankfurt widmet diesem bislang kaum beachteten Phänomen vom 6. Juli bis 3. Oktober 2016 eine große, längst überfällige Ausstellung. Rund 240 Werke – auch aus verwandten Techniken wie Linolschnitt oder Schablonendruck – von über 40 Künstlerinnen und Künstlern geben einen beeindruckenden Überblick und lassen die ästhetischen und gesellschaftlichen Errungenschaften des Farbholzschnitts im Wien der Jahrhundertwende erstmals umfassend sichtbar werden.


Der von dem Theaterregisseur Ulrich Rasche gestaltete, expressionistisch anmutende Ausstellungsparcours präsentiert neben den zeitgeschichtlichen Voraussetzungen sowohl die stilistische und thematische Vielfalt als auch die technische Praxis des Wiener Farbholzschnitts. Der Rundgang beginnt mit herausragenden Beispielen der Wiener Japonismus-Rezeption. Gustav Klimt etwa sammelte schon früh Asiatika, darunter auch mehrere japanische Farbholzschnitte. Angesichts einer weit verbreiteten Kritik am Naturalismus bewunderten vor allem viele Secessionisten die Fähigkeit der japanischen Kunst, Naturtreue und abstrakte Formensprache zu verbinden. Gerade dieser Aspekt erlangte in der Folge große Bedeutung für die Entwicklung des Wiener Farbholzschnitts. Ein Vorreiter war der aus Prag stammende Secessionskünstler Emil Orlik (1870–1932), dessen Quellenstudien ihn als einen der wenigen Zeitgenossen schon früh nach Japan führten. Eine Schlüsselstellung nimmt seine Dreiergruppe Der Maler, Der Holzschneider und Der Drucker (alle 1901) ein, die in der Ausstellung in einem separaten Bereich zur technischen Praxis des Farbholzschnitts gezeigt werden. Hier wird die klassische, arbeitsteilige Herstellung eines japanischen Farbholzschnitts unmittelbar anschaulich. Im Gegensatz dazu galt in Europa das Ideal des "Peintre-Graveur", bei dem Maler, Holzschneider und Drucker in einer Person zusammenfallen.

Besonders eindrücklich griff Carl Moser (1873–1939) die von Orlik vermittelten Anregungen aus Japan auf. Insbesondere entlehnte er den japanischen Vorbildern das Prinzip der "leeren Fläche", das im Farbholzschnitt mit seiner dezidiert zweidimensionalen Wirkung einen Höhepunkt erlebte. Exemplarisch für die strenge Aufteilung der Bildfläche sind Mosers Holzschnitte "Weißgefleckter Pfau" (1905), "Bretonisches Kind" (1904) sowie "Bretonische Hütten" (1904). Während der Wiener Farbholzschnitt der japanischen Kunst die Vermittlung wesentlicher Gestaltungsprinzipien verdankt, spielten japanische Motive in Wien kaum eine Rolle. Populärer waren Darstellungen der heimischen Landschaft sowie Stadtansichten. Carl Moll (1861–1945) schuf mit der sogenannten Beethoven-Mappe (ab 1902) die bis heute vielleicht bekannteste Ansichten-Serie des Wiener Farbholzschnitts. Die enthaltenen Darstellungen zeigen die verschiedenen Wiener Wohnhäuser des Komponisten. Sie wurden erstmals 1908 in der Kunstschau ausgestellt. Die komplette Mappe mit ihren bedeutenden Holzschnitten aus der Wiener Albertina wird in der Schirn-Ausstellung wieder zu sehen sein.

Besonders beliebt bei den Künstlerinnen und Künstlern, die mit dem Farbholzschnitt arbeiteten, waren Motive aus dem Tierreich. Am nachhaltigsten hat sich Ludwig Heinrich Jungnickel (1881–1965) mit solchen Tiermotiven beschäftigt. In der Ausstellung sind unter anderem seine "Drei blauen Aras" (1909) zu sehen. Auch Marie Uchatius (1882–1958) ist mit ihrem um 1906 entstandenen "Gekko" exemplarisch vertreten. Seltener als Tierstudien sind menschliche Abbildungen. Prominente Ausnahmen bilden etwa Erwin Langs (1886–1962) Portrait seiner späteren Frau Grete Wiesenthal (um 1904) sowie Carl Anton Reichels (1874–1944) beeindruckende Serie Weiblicher Aktstudien (1909), die auch von einem neuen Selbstverständnis der Frau künden.

Einen bis heute unterschätzten Beitrag zum Wiener Farbholzschnitt lieferte Rudolf Kalvach (1883–1932), der regelmäßig zwischen Wien und der damals noch zu Österreich-Ungarn gehörenden Hafenstadt Triest pendelte. Seine Darstellungen des Triester Hafenlebens (1907/08) gehören zu den seltenen Blättern, die den Arbeitsalltag in der Stadt darstellen. Auch der Fotograf und Maler Hugo Henneberg (1863–1918) bildete das Leben in Triest ab. Seine Holz- und Linolschnitte lassen einen ausgeprägten Sinn für Wasseroberflächen und Spiegelungen erkennen, die ein Lieblingsthema des Jugendstils waren. Ein beeindruckendes Beispiel hierfür ist Hennebergs "Blauer Weiher" (um 1904) mit seinen filigranen Schleifen, Wirbeln und Bogen, der ebenfalls in der Schirn zu sehen ist.

Eine spezielle Leidenschaft pflegte die Wiener Kunst um 1900 für das Groteske. Im Farbholzschnitt schlug sich das schon früh nieder, etwa in dem Blatt "Zirkusparade in der Stadt" (um 1906/07) von einem unbekannten Künstler der Wiener Werkstätte. Ebenfalls in der Ausstellung zu sehen ist Ludwig Heinrich Jungnickels "Rauchende Grille" (1910), die auf die Art-Deco-Strömungen der 1920er-Jahre vorausweist. Das zeitlich späteste Werk der Ausstellung stammt von Viktor Schufinsky (1876–1947), der für seine grotesken Einfälle bekannt war. Seine Arbeit "Schwertkämpfer" wirkt wie eine Vorwegnahme der modernen Pixelwelt. Die Grafik entstand 1914 und steht damit am Ende der Blütezeit des Farbholzschnitts in Wien.

Ein eigenes Kapitel, das den Ausstellungsrundgang beendet, ist der Präsentation verwandter Techniken gewidmet, deren Ergebnisse oft kaum von denen des Holzschnitts zu unterscheiden sind. Neben dem Linolschnitt werden der Schablonenschnitt, etwa Marie Uchatius‘ Panther – Muster für ein Vorsatzpapier (um 1905), die Spritztechnik und der von Franz von Zülow (1883–1963) entwickelte Papierschnitt mit wichtigen Beispielen vorgestellt.


Kunst für Alle. Der Farbholzschnitt in Wien um 1900
6. Juli bis 3. Oktober 2016

Fanny Zakucka: Tramway, um 1903. Holzschnitt in Schwarz, gelb koloriert, auf dünnem Japanpapier, 15,8 x 15 cm; Privatsammlung
Karl Anton Reichel: Weibliche Aktstudie, 1909 (Hochformat). Farbholzschnitt, Blatt: 22,7 x 22,2 cm; Albertina, Wien, Inv. DG1910/363. © Albertina, Wien
Emil Orlik: Drei Mädchen beim Brettspiel, 1906/08. Farbholzschnitt in Schwarz, Grün, Gelb, Rot, Grau-Grün und Graublau auf Japanpapier, Bild: 22,2 x 29 cm; Wien, Sammlung Eugen Otto. Foto: Norbert Miguletz
Carl Moser: Bretonische Hütten, 1904. Farbholzschnitt auf Japanpapier, Blatt: 29,3 x 45,8 cm; Albertina, Wien, Inv. DG1912/89. © Albertina, Wien
Carl Moll: Beethoven Häuser, Mödling Hauptstraße 79, um 1902. Farbholzschnitt, 23 x 22 cm; Albertina, Wien, DG1906/614/1-12. © Albertina, Wien
Rudolf Kalvach: Triester Hafenleben VI/4, 1907/08. Vier vom Künstler unterschiedlich kolorierte Abzüge, Holzschnitt aquarelliert, zwei Abzüge auf Japanpapier, zwei auf Pergamin, 45,7 x 34 cm; Courtesy Giorgio Uboni
Ludwig Heinrich Jungnickel: Drei blaue Ara, 1909. Farbholzschnitt auf Japanpapier 29,9 x 28,3 cm; Albertina, Wien, Inv. DG1910/324/4; © Albertina, Wien