MAK

Stubenring 5
A - 1010 Wien

T: 0043 (0)1 711 36-0
F: 0043 (0)1 713 10-26

E: office@mak.at
W: http://www.mak.at/


weitere Ausstellungen

Friedrich Kiesler. Lebenswelten

Jun 15, 2016 bis Okt 2, 2016

tn Mit seinen revolutionären, utopistischen Ideen faszinierte Friedrich Kiesler (1890–1965) nicht nur die Generation von KünstlerInnen und ArchitektInnen seiner Zeit. Bis heute prägen die transdisziplinären Beiträge des austro-amerikanischen Künstlers, Designers, Architekten, Bühnenbildners und Ausstellungsmachers die europäische und amerikanische Avantgarde. Die in Zusammenarbeit mit der Österreichischen Friedrich und Lillian Kiesler-Privatstiftung realisierte MAK-Ausstellung "Friedrich Kiesler. Lebenswelten" (MAK-Ausstellungshalle, 15. Juni – 2. Oktober 2016) gibt Einblick in das faszinierend komplexe Schaffen des impulsgebenden Visionärs, in sein grenzüberschreitendes Denken, seine Theorie des Correalismus, mit der er die Beziehung zwischen Kunstwerk, Mensch und Umgebung thematisierte, sowie in sein Wirken als Architekt und Ausstellungsgestalter.

Die Neubewertung von Kieslers Lebenswerk fügt sich nach der umfassenden Personale "Josef Frank: Against Design" in die Bemühungen des MAK um eine zeitgenössische Neubetrachtung der großen Visionäre der Wiener Moderne. Geboren in Czernowitz, einer multikulturellen Stadt (damals Österreich-Ungarn, heute Ukraine), studierte Kiesler ab 1908 Architektur und Malerei an der Technischen Hochschule bzw. Akademie der bildenden Künste in Wien, ohne seine Studien abzuschließen. Mit Theater- und Ausstellungsprojekten in Berlin, Wien und Paris feierte er erste große Erfolge. 1926 reiste er in der Hoffnung, seine Visionen verwirklichen zu können, nach New York und blieb bis zu seinem Lebensende dort. Die Wiener Jahre im Umfeld von Otto Wagner, Josef Hoffmann und Adolf Loos und vor allem auch die Idee des Gesamtkunstwerks waren prägend für sein gesamtes künstlerisches und theoretisches Schaffen.

Der Blick auf Friedrich Kiesler hat sich seit Beginn des 21. Jahrhunderts von einer vorrangig architektonischen Rezeption zu einem künstlerischen Interesse an seinem ganzheitlichen Konzept verschoben. Dazu gehört die Verbindung künstlerischer und wissenschaftlicher Erkenntnis- und Darstellungsweisen, vor allem aber auch sein Ziel, die Trennung von autonomer Kunst und Lebenswirklichkeit aufzuheben. Kiesler setzte sich mit neuesten Entwicklungen in Film und Fernsehen ebenso innovativ auseinander wie mit kuratorischen Konzepten und mit deren radikal neuer zukunftsweisender Gestaltung.

Bereits während seiner Wiener, Berliner, Pariser und frühen New Yorker Zeit arbeitete Friedrich Kiesler an einem überaus weiten Feld von Gestaltungsmöglichkeiten. Seine intellektuellen Interessen kommen in der in den 1930er Jahren entwickelten wissenschaftlichen Gestaltungstheorie des Correalismus zum Ausdruck, die auf damals neuen systemtheoretischen Überlegungen der Biowissenschaften aufbauen. Kieslers empirisch-wissenschaftliche Überlegungen zur nachhaltigen Gestaltung des Verhältnisses von Mensch-Natur-Technik und deren experimentelle Umsetzung in die künstlerische Praxis sind heute von höchster Aktualität.

Gestaltung dient der Förderung der Gesundheit und dadurch dem Wohlbefinden der Gesellschaft, machte Kiesler in seinem Essay "On Correalism and Biotechnique. A Definition and Test of a New Approach to Building Design" (1939) seine ästhetischen Intentionen deutlich. Exemplarisch entwickelte Friedrich Kiesler die Vision des "Endless House", die er als "Nucleus" (gleichsam eine gestalterische "Stammzelle") einer auf den Menschen bezogenen Gebäudeplanung betrachtet.

Mit dem Konzept der "Raumbühne" (1924), die er anlässlich der von ihm organisierten und gestalteten Internationalen Ausstellung neuer Theatertechnik in Wien entwickelte, hob er die räumliche Trennung zwischen ZuschauerInnen und SchauspielerInnen auf und integrierte beide in einen Einheitsraum. Das Publikum kreiste mit Beginn der Vorstellung um eine schwebende Bühne. Dieses "correalistische" Instrument signali-sierte den radikalen Wandel zu einer biomorphen Formensprache. Auch die Trennung zwischen Mensch und Kunstwerk durchbrach Kiesler radikal, indem er Objekt und Mensch im gemeinsamen "Lebensraum" interagieren ließ und frühe Environments entwickelte.

Thematisch gegliedert gewährt die MAK-Ausstellung "Friedrich Kiesler. Lebenswelten" Einblick in die Komplexität von Kieslers Schaffen von den 1920er bis Mitte der 1960er Jahre. Die vor allem aus den umfangreichen Beständen der Friedrich und Lillian Kiesler-Privatstiftung stammenden und zum Teil noch nie gezeigten Objekte spannen den Bogen von Kunstprojekten über Architekturvisionen und Ausstellungsdesign bis zu Geschäftsgestaltungen, Möbeldesign und Medienkonzepten sowie Plakat- und Buchdesign. Zahlreiche Archivalien geben Einblick in sein theoretisches Denken und seine innovative Ideenfindung.

Ein Modell für die Stadt der Zukunft legte Friedrich Kiesler mit der Raumstadt (1925) vor, die er auf Einladung von Josef Hoffmann für die österreichische Theatersektion der Exposition internationale des Arts décoratifs et industriels modernes in Paris entwickelte. Eine originalgetreue Rekonstruktion dieses futuristischen Modells einer im Raum schwebenden Stadt wird als zentrales Objekt der Ausstellung "Friedrich Kiesler. Lebenswelten" im Zentrum der MAK-Ausstellungshalle in einem durch schwarze Vorhänge abgedunkelten Raum inszeniert. Nach der Erstpräsentation in Paris wurde die Installation immer wieder als Display für innovative Theaterprojekte und Bühnenmodelle verwendet. Zusätzlich sind analog zu einer historischen Aufnahme, die Kiesler für einen Vortrag zu De Stijl bearbeitet hatte, einzelne Flächen der Konstruktion farblich akzentuiert.

Die praktische Umsetzung der correalistischen Theorie ("Biotechnique") findet in den späten 1930er und frühen 1940er Jahren im Rahmen des von Kiesler an der Columbia University in New York gegründeten Laboratory of Design Correlation ihre Fortsetzung. Mit dem ebenfalls in der MAK-Ausstellung präsentierten Konzept der "Vision Machine", das zwischen 1938 und 1942 entstand, visualisierte Kiesler den Prozess der Wahrnehmung von Kunst. "Die Vision Machine", erklärte Kiesler, "wird es uns ermöglichen, die bildenden Schöpfungen des Menschen einzuordnen. Da die Vision Machine versucht, die unterschiedlichen Komponenten des Sehens und Vorstellens zu demonstrieren, sollte sie die Analyse und das Verständnis der verschiedenen physischen und psychischen Quellen, die den Ursprung der bildenden Kunst darstellen, erleichtern." (lebbeuswoods.wordpress.com)

Die bereits 1924 von Theo van Doesburg in Wien beschworene, für Kiesler charakteristische "Vereinigung der Künste" erreicht 1947 im Totalambiente des Salle de Superstition [Raum des Aberglaubens] in der von ihm in der Pariser Galerie Maeght inszenierten Ausstellung Le Surréalisme en 1947 ihren Höhepunkt. Dort gewinnen aber auch Aspekte des "Magischen" eine bis dahin in Kieslers Werk unbekannte Dimension.

Seine Vision einer Beziehung zwischen Kunstwerk, Raum und BetrachterIn wird in "Friedrich Kiesler. Lebenswelten" nicht zuletzt durch die "Galaxies" deutlich, mit denen er den Umraum in die Bildkomposition miteinbezog. Kiesler schuf mit dieser in den 1950er und 1960er Jahren entstandenen Werkgruppe eine ebenfalls auf den Prinzipien des Correalismus basierende Synthese von Malerei, Bildhauerei und Architektur. In ihrer Gesamtheit gleichen sie der Struktur von Planeten- und Sternensystemen, weshalb Kiesler sie als Galaxies bezeichnete. Seine künstlerischen und theoretischen Überlegungen bilden eine vielfältige Inspiration für zeitgenössische Interpretationen durch die bildende Kunst.


Friedrich Kiesler. Lebenswelten
15. Juni bis 2. Oktober 2016

Friedrich Kiesler: Studie zur Bildhängung mit Beleuchtungssystemen; Art of This Century, New York, 1942. © 2016 Österreichische Friedrich und Lillian Kiesler-Privatstiftung, Wien
Friedrich Kiesler: Raumstadt, 1925. © 2016 Österreichische Friedrich und Lillian Kiesler-Privatstiftung, Wien
Friedrich Kiesler: Abstract Gallery; Art of This Century, New York, 1942. © 2016 Österreichische Friedrich und Lillian Kiesler-Privatstiftung, Wien; Foto: K. W. Herrmann
Friedrich Kiesler: Galaxy F, 1960. Sammlung Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien. © 2016 Österreichische Friedrich und Lillian Kiesler-Privatstiftung, Wien
Friedrich Kiesler: Studie zur Inszenierung von Alberto Giacomettis Skulptur 'Femme égorgée'; Art of This Century, New York, 1942. © 2016 Österreichische Friedrich und Lillian Kiesler-Privatstiftung, Wien
Friedrich Kiesler: Studie zu einem Bildhängesystem für die American Architecture and City-Planning Exhibition in Moskau; New York, 1944–1945. © 2016 Österreichische Friedrich und Lillian Kiesler-Privatstiftung, Wien
Friedrich Kiesler: Raumansicht mit Bildhängung, Bloodflames 1947; New York, 1947. © 2016 Österreichische Friedrich und Lillian Kiesler-Privatstiftung, Wien