Berlinische Galerie

Alte Jakobstraße 124-128
D - 10969 Berlin-Kreuzberg


W: http://www.berlinischegalerie.de


weitere Ausstellungen

Jeanne Mammen. Die Beobachterin

Okt 6, 2017 bis Jan 15, 2018

tn Die Zeichnerin und Malerin Jeanne Mammen (1890-1976) ist eine der sperrigsten und schillerndsten Figuren der jüngeren, deutschen Kunstgeschichte. Die Berliner Künstlerin repräsentiert den raren Typus der starken selbstständigen Frau am Beginn der Moderne. Krieg, Zerstörung, Armut und den Wiederaufstieg aus Ruinen durchlebte Mammen auf sehr eigene und produktive Weise. Mit einer der bisher umfangreichsten Mammen-Retrospektiven widmet sich die Berlinische Galerie nun der Wiederentdeckung ihrer ikonischen Arbeiten aus den 1920er-Jahren, ihrer "entarteten" Experimente und magisch-poetischen Abstraktionen.

Jeanne Mammens Gesamtwerk spiegelt in all seinen heftigen Brüchen mit unterhaltsamen wie kritisch kommentierenden Bildern die politischen und ästhetischen Erschütterungen des letzten Jahrhunderts. In Fachkreisen wird sie bereits seit Langem weit über Berlin und Deutschland hinaus geschätzt – aber einer breiten Öffentlichkeit ist sie bisher wenig bekannt. Das mag verschiedene Gründe haben: Zum einen ist Mammens Werk nicht leicht auf nur einen Nenner zu bringen. Zum anderen erschweren ihre Diskretion, Verschwiegen- und Bescheidenheit, das Fehlen von Tagebüchern, umfangreichen Korrespondenzen, öffentlichen Auftritten, von Lebenspartnern oder Nachwuchs einen leichten und populären Zugang. Jeanne Mammens Bedeutung innerhalb der Kunst des 20. Jahrhunderts wird bis heute unterschätzt.

Das Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur möchte dies nun ändern. Gezeigt werden rund 170 Arbeiten aus über 60 Schaffensjahren. Dabei setzen rund 50 Gemälde einen besonderen Schwerpunkt – neben Aquarellen, Zeichnungen, Illustrationen, Karikaturen, Filmplakaten und Skulpturen. Die Ausstellung wird gerahmt von Zeitdokumenten wie Fotos, Magazinen, Filmen, Briefen, Publikationen.

Jeanne Mammen wurde 1890 als Kind einer vermögenden Unternehmerfamilie in Berlin geboren. 1901 zog die Familie aus geschäftlichen Gründen nach Paris, wo sie mit drei Geschwistern behütet aufwuchs und das fortschrittliche Lycée Molière besuchte. Mit 16 Jahren begann Mammen eine Kunstausbildung an der Pariser Académie Julian. Es folgten Studienaufenthalte in Brüssel und Rom. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 erfuhr Mammen einen jähen Angriff auf ihre Existenz: In Frankreich lebende Deutsche wurden enteignet und ausgewiesen. Mittellos begann Mammen einen Neustart in ihrer alten Heimatstadt. Hier zeigte sich erstmalig ihre Fähigkeit, widrigsten Umständen zu trotzen. Mammens Talent und Vielseitigkeit bescherten ihr nach entbehrungsreicher Zeit ab ca. 1925 künstlerischen Erfolg und Wohlstand. 1933 kam es zur zweiten existenziellen Katastrophe in Jeanne Mammens Biografie: Naziherrschaft und Weltkrieg beendeten ihre Karriere, drängten sie zum Rückzug und brachten sie in große finanzielle Nöte. Alles andere als unproduktiv überstand sie in Berlin auch diese Zeit der Armut und Entbehrungen. 1945 kehrte die Künstlerin in die Öffentlichkeit zurück. Am 22. April 1976 starb Jeanne Mammen.

Jeanne Mammen war weniger eine Erfinderin, eher hatte sie die Züge eines Chamäleons. Stetig saugte sie unterschiedliche Kunst-Strömungen auf und entwickelte diese auf ganz eigene Art weiter. In jungen französischen Jahren machte sich Mammen einen effektvollen Symbolismus und Ästhetizismus zu eigen. In Berlin belieferte sie den boomenden Zeitungs- und Zeitschriftenmarkt der Weimarer Republik erfolgreich mit eleganten Modeillustrationen und geistreichen Karikaturen, mit gezeichneten oder aquarellierten Großstadtszenen und Porträts im Stil der Neuen Sachlichkeit und später im Stil eines schroffen Realismus. Mammen scheute kein Milieu und keine Erfahrung. Sie suchte geradezu die Begegnung mit urbaner Frivolität oder krasser Armut, mit glamourösen Zeitgenossen oder Figuren am Rand der Gesellschaft. Oft lag ein schöpferischer Fokus auch auf der Darstellung des damals revolutionären Typus der unabhängigen "Neuen Frau". 1929 schrieb Kurt Tucholsky eine begeisterte "Liebeserklärung" an ihre Arbeit. Der Galerist Wolfgang Gurlitt organisierte 1930 ihre erste Einzelausstellung. In diesen 15 Jahren der ersten deutschen Demokratie schuf Jeanne Mammen einen starken Beitrag zur Ikonografie der 1920er-Jahre und einer von Gegensätzen zerrissenen Metropole zwischen Lebenslust, Luxus, Inflation und Weltwirtschaftskrise.

Die Jahre der Diktatur 1933-45 überstand Jeanne Mammen zurückgezogen und bescheiden mit Hilfe von Freunden und Kleinstaufträgen. Trotz der Möglichkeit zu Flucht und Exil wollte sie keinen zweiten Neubeginn in der Fremde und lebte weiterhin in ihrem Berliner Wohnatelier. Beim Besuch der Pariser Weltausstellung 1937 kam es zur Begegnung mit Picassos kubistischem Opus Magnum Guernica, das einen wegweisenden Eindruck auf Mammen machte: Wie aus Verachtung für die Gewaltherrschaft der Nazis, kubistische, "entartete" Kunst entstehen konnte. Damit begann für sie die zunächst heimliche Phase futuristisch-abstrakter Bildexperimente im Zeichen eines inneren Widerstands und zur Stärkung ihres Durchhaltevermögens.

Jeanne Mammen entwickelte diese Linie nach der Befreiung Deutschlands durch die Alliierten 1945 offensiv weiter. Nach Bühnenbild-Experimenten im Nachkriegskabarett "Die Badewanne" und einem kurzzeitigem Wiedereinstieg als Pressezeichnerin widmete sie sich die nächsten 30 Jahre ihres Lebens ausschließlich der Malerei. Das Alter, zahlreiche ästhetische Versuche, herbe Lebenserfahrungen und Isolation hatten ihre Abkehr von realistischen Darstellungen uriger Großstadttypen verstärkt. Stattdessen wurden meist Masken und Marionetten, Flächen, Symbole und Rätsel zum Gegenstand ihrer Gemälde. Was blieb, war die verhaltene Farbigkeit und der herbe Duktus unterschiedlicher Stilphasen, die als einzige Elemente einen Bogen vom frühen zum späten Werk spannten. Jeanne Mammens Werk ist Zeugnis einer Epoche der Extreme.

Innerlich blieb sich Jeanne Mammen zeitlebens treu: Sie wurde nie Teil einer der vielen, innovativen, von Männern dominierten Kunstbewegungen der frühen Moderne wie Dadaismus oder Surrealismus. Konsequent verweigerte sie jegliche ideologische Vereinnahmung, mied Gruppen und Versammlungen. Als Einzelgängerin und scharfsinnige Beobachterin entwickelte Mammen sich zu einer einzigartigen, kraftvollen Persönlichkeit mit klarer Botschaft: Distanz schafft Nähe. Jeanne Mammens Kunst ist bis heute unverwechselbar und wichtiges Zeugnis einer Epoche der Extreme, die eine Entdeckung, nähere Betrachtung und stärkere Verbreitung mehr als verdient.


Jeanne Mammen. Die Beobachterin
Retrospektive (1910 bis 1975)
6. Oktober 2017 bis 15. Januar 2018
Eröffnung: 5. Oktober 17, 19 Uhr

Jeanne Mammen: Café Reimann, um 1931. The Morgan Library & Museum, New York. Bequest of Fred Ebb.; © VG Bild-Kunst, Bonn 2017 / ARS New York, 2017. Repro: © The Morgan Library, New York
Jeanne Mammen: Zwei Frauen, tanzend, um 1928. Privatsammlung Berlin; © VG Bild-Kunst, Bonn 2017. Repro: © Volker-H. Schneider, Berlin
Jeanne Mammen: Die Großstadt, um 1927, Titelblattentwurf für: Die Großstadt, 1927, Jg. I, Heft 1. Berlinische Galerie; © VG Bild-Kunst, Bonn 2017. Repro: © Kai-Annett Becker
Jeanne Mammen: Ostende, am Strand, um 1926. Harvard Art Museums/ Busch-Reisinger Museum, Gift of Mr. and Mrs. Edward Ruppert; © VG Bild-Kunst, Bonn 2017 / ARS New York, 2017. Repro: © President and Fellows of Harvard College/ Imaging Department
Jeanne Mammen: o. T. (Selbstbildnis), o. D. (um 1926). Förderverein der Jeanne-Mammen-Stiftung e.V.; © VG Bild-Kunst, Bonn 2017. Repro: © Mathias Schormann
K. L. Haenchen: Jeanne Mammen in ihrem Atelier in Berlin, um 1946-1947; © Förderverein der Jeanne-Mammen-Stiftung e.V., Berlin