Vorarlberg Museum

Kornmarktplatz 1
A - 6900 Bregenz

T: 0043 (0)5574 46050
F: info@vorarlbergmuseum.at

W: http://www.vorarlbergmuseum.at


weitere Ausstellungen

Der Fall Riccabona

Dez 3, 2016 bis Apr 17, 2017

tn Es geht um Aufstieg und Niedergang, um Erfolg und Scheitern, um Liebe und Trennungen: Im "Fall Riccabona" wird mit den Mitteln einer Ausstellung eine ganz normale und doch ziemlich verrückte Familiengeschichte im Feldkirch des 20. Jahrhunderts rekonstruiert. Es geht in Wahrheit um mehrere Fälle: Den Fall einer großen Liebe, einen Arisierungsfall, den Fall eines jungen Mannes, der während der NS-Zeit ohne Gerichtsverfahren für Jahre im KZ Dachau inhaftiert wird, den Fall einer gescheiterten Ehe und schließlich, nicht zuletzt, um den Fall eines beruflichen Scheiterns, das eine künstlerische Karriere erst ermöglicht.

Die Ausstellung thematisiert also die Geschichte der Familien Perlhefter und Riccabona. Der Zeitraum, den die Ausstellung abdeckt, umfasst ein Jahrhundert und reicht von etwa 1880 bis in die 1980. Die wichtigsten Protagonisten sind die Geschwister Anna und Max Perlhefter, Annas Ehemann Gottfried Kuno Riccabona und die gemeinsamen Kinder Dora und Max Riccabona. In den Nebenrollen treten prominente Zeitgenossen auf wie Rudolf Wacker, Bruno Walter, Hubert Lanzinger, Otto Ender, Albert Bechtold, Leopold Figl, James Joyce, Josef Roth, aber auch einige, die heute ganz vergessen sind.

Die der Herkunft nach jüdische Familie Perlhefter kam aus Böhmen über München und Innsbruck im 19. Jahrhundert nach Feldkirch und gründete hier die Textilwarengroßhandlung Perlhefter & Cie. Schon die Eltern von Anna und Max Perlhefter waren zum katholischen Glauben konvertiert.
1909 heiratete Anna Perlhefter den Rechtsanwalt Gottfried Riccabona, der seinerseits aus einer bedeutenden Familie stammte, in Wien Rechtswissenschaften studierte und in Feldkirch in die Kanzlei des Josef Peer eingetreten war. Gottfried Riccabona hatte einerseits literarische Ambitionen (publizierte Gedichte und Dramen), andererseits war er politisch engagiert und saß – als Vertreter der Großdeutschen Volkspartei – jahrelang im Gemeinderat. Außerdem war er auch im Kuratorium der Feldkircher Sparkasse tätig und Mitglied zahlreicher Vereine.

Die Ausstellung stellt anhand von Exponaten vornehmlich aus privater Hand das Familienleben dar, aber auch verwandtschaftliche, berufliche, politische und kulturelle Netzwerke der Familie Riccabona. Dazu gehörten vor allem Musiker und Künstler, etwa der Maler Rudolf Wacker, von dem die Familie einige Gemälde erwarb.

Mit der Ernennung Gottfried Riccabonas zum Präsidenten der Vorarlberger Rechtsanwaltskammer im Jahr 1935 war ein Kulminationspunkt beruflicher und gesellschaftlicher Anerkennung erreicht. 1938 folgte mit dem "Anschluss" an das nationalsozialistische Deutsche Reich ein jäher Einschnitt: Nach den Reichsbürgergesetzen (den Nürnberger Rassegesetzen) galten Anna Riccabona und Max Perlhefter als Volljuden. Sie waren bedroht, ihre Firmenanteile wurden arisiert. Später musste die Familie auch die Wohnung (Schloßgraben 8) räumen und eine Ersatzwohnung (Hirschgraben 9) beziehen.

Max Riccabona, der Sohn von Anna und Gottfried Riccabona, hatte Rechtswissenschaften studiert, die Konsularakademie besucht und war zur Wehrmacht einberufen worden. 1941 wurde er verhaftet und einige Monate später ins KZ Dachau überstellt. Der Rassenwahn der Nationalsozialisten gefährdete die Familie aufs Äußerste. Nur mit Glück und auch durch die Hilfe von Freuden überlebten die Riccabonas. Aber gab es nach 1945 einen Weg zurück in die Normalität?

Die Ausstellung "Der Fall Riccabona" thematisiert wichtige Elemente der Vorarlberger Geschichte des 20. Jahrhunderts, angefangen von der Geschichte der Zuwanderung, der kleinstädtischen bürgerlichen Lebenswelt und Kultur bis hin zur Geschichte des Nationalsozialismus und des Umganges mit dieser ebenso verbrecherischen wie prägenden Epoche nach 1945 in Vorarlberg. Vor allem geht es jedoch darum zu zeigen, wie sich diese Geschichte auf den Mikrobereich privater Verhältnisse ausgewirkt hat.

Die Ausstellung präsentiert Objekte aus Familienbesitz: Eine wichtige Rolle spielen Familienfotos, zu sehen sind außerdem Kunstwerke, Möbel und Hausrat. Allerdings geht es der Szenografie nicht um eine bloße Nachbildung der bürgerlichen Wohnform, sondern um die Vermittlung des Eingriffes in das private Leben durch die Vorstellungen von völkischer Ordnung, die das NS-Regime durchzusetzen versuchte.


Der Fall Riccabona
3. Dezember 2016 bis 17. April 2017

Oberbaurat Ing. Gottfried Riccabona mit Dora, Max und Gottfried Riccabona
Gottfried Kaspar Valentin Riccabona (1852-1927), der spätere Baurat, mit seinen älteren Brüdern (als 2. von links), um 1880. Er war das jüngste von zehn Kindern des in Kaltern ansässigen Grundbesitzers Gottfried Riccabona (1812-1873)
Rechtsanwalt Gottfried Kuno Riccabona (1878-1964) und Anna Perlhefter (1885-1960), vermutlich um 1910. Sie lernten sich 1904/1905 kennen und heirateten im Sommer 1906
Dora (1918-2009) und Max Riccabona (1915-1997), die Kinder des Ehepaars Riccabona, um 1924
Kunigunde Barbara Wildauer (1857-1943), um 1878. Sie stammte aus München, heiratete 1878 den Bautechniker Gottfried Riccabona. Gemeinsam hatten sie die Kinder Elsa, Ludwig und Gottfried Kuno (Foto: J. Leeb, München)