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Jungjin Lee – Echo

Sep 17, 2016 bis Jan 29, 2017

tn Verschiedene Reisen führen Jungjin Lee (*1961 Korea) Anfang der 1990er Jahre in die endlosen Weiten Amerikas, wo sie Wüsten, Felsen, Gestrüpp und Kakteen in archaischen Urmomenten festhält. Die Ausstellung "Jungjin Lee – Echo" im Fotomuseum zeigt ausgehend von diesen frühen Landschaftsserien insgesamt elf Werkgruppen, die erstmals einen musealen Überblick über 20 Jahre ihres bildnerischen Schaffens erlauben.

Der grosse Robert Frank beschrieb Lees fragmentarisch poetischen Bildserien einmal als "landscapes without the human beast". Damit bezog er sich auf die fast vollständige Abwesenheit des Menschen im Werk von Jungjin Lee, auch wenn in ihren Fotografien vereinzelt zivilisatorische Spuren zu sehen sind und sie einmal auch ihren Körper in Szene setzt.

Neben den Wüstenbildern von "American Desert" (1990–1995) entwickelte die Künstlerin schon früh den Wunsch, sich zwischen den Kulturen zu bewegen. Es folgten längere Aufenthalte und Reisen sowohl in Korea als auch in den Vereinigten Staaten. Mit "Pagodas" (1998) und "Thing" (2003–2007) entstanden zwei bedeutsame Werkreihen, in denen sie Objekte mithilfe von Schablonen sowie einer weichen und sehr präzise geführten Lichttechnik freistellte. So wird beispielsweise die nach oben sich verjüngende Pagode von fünf Geschossen aus Ziegelsteinen durch einen Kunstgriff Lees an ihrem Fundament gespiegelt. Mit dieser Verdoppelung des Volumens "wächst [die Pagode] nicht nur in die Höhe empor, sondern wurzelt auch in der Tiefe" (Lena Fritsch in der begleitenden Publikation).

Im Ausstellungsraum greift die Künstlerin die asiatische Harmonielehre der Objekte auf, indem sie wiederum fünf Pagodenbilder nebeneinander präsentiert. Auch die Zeichenwelt von Thing ist im Spiel von Objekt und Fläche, von Volumen und Nicht-Volumen sorgsam austariert. Handgearbeitete Schalen, Behälter und Möbel werden von Jungjin Lee mit feinem Gespür für die richtige Platzierung ins Bild gesetzt. Zentral, an den oberen und unteren Rändern oder im radikalen Anschnitt entwickeln die Objekte ein auratisch geladenes Leben im grossformatigen Bildraum.

Mit "Ocean" (1999), "On Road" (2000–2001) und "Wind" (2004–2007) folgen weitere Werkgruppen in diesem Duktus. Der Künstlerin gelingen eindringliche Fotografien, die mit allegorischer Kraft eine transzendentale und fast meditative Gefasstheit ausstrahlen. Lee strebt keine topografischen oder faktischen Zuschreibungen an, wenn sie eine dreckige und vom Menschen fast verlassene Minenstadt durchstreift, der imaginierten Weite der Ozeane dunkle Detailansichten von Wasser und Land entgegenstellt oder kaum darstellbare Naturphänomene wie das Wetter in metaphorische Bilder fasst. Mit ihrer künstlerischen Grundhaltung fordert Lee die Grenzen der fotografischen Erzählung heraus und sucht genau an den Schnittstellen von Nicht-Orten und Nicht-Momenten nach Bedeutung und Sinn.

Die Künstlerin zog 1988 nach New York, wo sie, von der Vitalität der dortigen Kunstszene angezogen, schnell ihren individuellen Weg fand. Anders als bei vielen Zeitgenossen führte dieser aber nicht in die Konzeptkunst. Nachdem sie von 1997 bis 2009 in Seoul wohnte, zog es sie zurück nach New York, wo sie seit 2009 lebt. Aus ihrer asiatischen Herkunft und Erfahrung schöpfend, entwickelte Lee eine eigenständige und noch heute gültige Bildsprache, in der Sensibilität und Intuition einen höchst poetischen Resonanzraum bilden. Sie greift dabei auf ein tiefgreifendes Verständnis für Materialität, Textur und Handwerk zurück. Im Liquid-Light-Verfahren trägt Lee mit grobem Pinsel flüssige, lichtempfindliche Emulsion auf handgeschöpftes koreanisches Reispapier auf.

Anders als bei industriell gefertigten Fotopapieren brillieren ihre von Hand entwickelten Fotoabzüge nicht mit makellos verschlossenen Oberflächen, sondern lassen durch den unkontrollierbaren Prozess Unsauberkeiten sichtbar werden. Die feinteiligen analogen Abzüge mit bewusst zugelassenen Fehlstellen werden nicht als mangelhaft gelesen, sondern brechen auf intelligente Art mit dem vermeintlichen Wahrheitsanspruch der Fotografie. Für einmal scheint das technische Medium von seiner inneren Logik befreit, es eröffnet den BetrachterInnen einen in der zeitgenössischen fotografischen Rezeption ungewohnt körperlichen und elementaren Zugang.


Jungjin Lee – Echo
17. September 2016 bis 29. Januar 2017

Jungjin Lee: aus American Desert II, 1994; © Jungjin Lee
Jungjin Lee: aus American Desert II, 1994; © Jungjin Lee
Jungjin Lee: aus On Road, 2000; © Jungjin Lee
Jungjin Lee: aus Thing, 2004; © Jungjin Lee
Jungjin Lee: aus Wind, 2007; © Jungjin Lee