Schaulager

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Zita - Щapa

Jun 12, 2016 bis Okt 2, 2016

tn Katharina Fritsch (*1956 Essen, Deutschland) und Alexej Koschkarow (*1972 Minsk, Weissrussland) haben in enger Zusammenarbeit mit "Zita - Щapa" eine dichte Installation entwickelt, die im Schaulager erstmals präsentiert wird. Mit neu geschaffenen Skulpturen und Zeichnungen haben die beiden Kunstschaffenden einen atmosphärischen, bühnenartigen Raum konzipiert, der mit einer Fülle von Bildern und Geschichten angereichert ist.

Katharina Fritsch, die mit ihren ikonischen monochromen Skulpturen seit den späten 1980er-Jahren internationale Aufmerksamkeit erfährt, ist eine der bedeutendsten Künstlerinnen ihrer Generation. Ihre Motive sind meist alltägliche, stereotype Figuren, deren vertraute Gestalt und semantischer Gehalt sie durch Manipulation von Grössenverhältnissen, Materialität oder Farbigkeit unterläuft, sodass sich neue Bedeutungsebenen eröffnen. Bestens bekannt ist sie unter anderem durch den im Schaulager permanent installierten "Rattenkönig" (1993) bestehend aus 16 riesengrossen, schwarzen Ratten mit ineinander verknoteten Schwänzen.

Auch für Alexej Koschkarow, der an den Kunstakademien in Minsk und Düsseldorf studiert hat, sind Bedeutungsverschiebungen und mehrdeutige Lesbarkeit zentrale Punkte seiner künstlerischen Arbeit. In der Verschmelzung von historischem Material, Mythen und Motiven der Gegenwartskultur eröffnen sich in seinen Werken Themen wie das Fremde und das Wundersame. Aufsehen erregte er unter anderem mit dem skulpturalen Arrangement "Befruchtung von Hecken" (1999) oder "Beutekunst" (2005) - Werke voller Humor und Abgründigkeit, die sich zwischen fingierter Narration und vermeintlicher Dokumentation bewegen. Gemeinsam ist beiden Künstlern ein differenzierter Schaffensprozess, der geprägt ist vom präzisen Einsatz ausgefeilter künstlerischer Techniken.

Für das Schaulager haben Fritsch und Koschkarow nun zum ersten Mal zusammen ein Projekt realisiert, nachdem sie bereits in der Vergangenheit zweimal gemeinsam ausgestellt hatten. Höchst versiert im Schaffen von szenischen Settings haben die beiden Künstler im gegenseitigen Austausch für "Zita - Щapa" einen Ort konzipiert, an dem die einzelnen Werke Bestandteile einer grösser angelegten Inszenierung werden. Für die Besucher wird die Präsentation damit zu einer vielseitigen, ästhetischen Erfahrung. Das in drei Räumen in Szene gesetzte Kammerstück - vom Theater entlehnt die Installation, das Zusammenspiel und die Wirkung der einzelnen Werke untereinander setzt sich aus sieben mehrheitlich eigens für die Präsentation geschaffenen Skulpturen
und Wandarbeiten zusammen.

Eine Gruppe aus drei weiblichen Figuren von Katharina Fritsch ("Puppen", 2016), steht im mittleren Raum einem Gebilde von Alexej Koschkarow gegenüber, das als heimeliger Ofen und explodierende Handgranate zugleich wahrgenommen werden kann ("Kalter Ofen", 2016). Im Nebenraum steht mit Fritschs "Sarg" (2016) ein Dingsymbol, das in seiner kräftigen, komplementären Farbigkeit dem Betrachter gegenübersteht und diesen in den engen Räumlichkeiten nicht nur aufgrund seiner physischen Präsenz bedrängt, sondern auch in seiner formalen Umsetzung eine irritierende Wirkung entfaltet.

Im angrenzenden Raum trifft Koschkarows janusartige Skulptur "Das was keinen Namen hat" (2016), die an das Modell eines sowjetischen Kriegsdenkmals und eines Triumphbogens gleichermassen erinnert, auf "Schtetl" (2012), eine Arbeit, die der Künstler aus dem Holz des Parkettbodens seines Ateliers in Brooklyn geschaffen hat. Sie zeigt das Modell einer jüdischen Siedlung, die übersichtlich um einen runden Platz angeordnet ist. Doch keine idyllische Gemeinschaft, sondern eine menschenleere Ortschaft ist zu sehen, in deren Mitte eine eiserne Axt in einem Baumstumpf den vermeintlichen Richt- und Dorfplatz markiert. Die "Smearings Bellevue" (2014) und "Höllentor" (2012) von Koschkarow zeigen Zeichen und Ornamente von Gebäuden sowie Skulpturen aus dem öffentlichen Raum. Mittels manuellen Abriebs überträgt der Künstler eine dreidimensionale Skulptur auf ein zweidimensionales Trägermaterial. Dabei verändert das Herauslösen aus dem architektonischen Zusammenhang die Bedeutung und Wirkung des Motivs.

Im Aufeinandertreffen formieren die Werke ein atmosphärisches Bild voller kultureller und historischer Bezüge zu Themen wie Vertreibung, Heimat, Exil, Unterdrückung, Macht, Angst, Gewalt oder Tod. Bereits die bei den titelgebenden Namen "Zita" und "Щapa" (auf Deutsch Schtschara) eröffnen Themenbereiche der europäischen Geschichte, in denen komplexe politische und gesellschaftliche Verstrickungen als Ursachen und Folgen der beiden Weltkriege auftreten. Zita von Bourbon-Parma, Gemahlin von Kaiser Karl I., war die letzte Kaiserin von Österreich, die nach dem Untergang der Habsburger Monarchie 1918 jahrelang im Exil lebte. Daneben verweist der Fluss Щapa in Weissrussland auf eine wichtige militärische Verteidigungslinie während des Ersten und des Zweiten Weltkrieges.

Die Themenkreise der Installation, die sich aus historisch überlieferten Fakten und disparaten Erinnerungen speisen sowie auf persönlichen Erfahrungen und Geschichten der Künstler beruhen, sind für Fritsch und Koschkarow Anstoss und Anreiz für "Zita - Щapa". In der kunstvollen Inszenierung des Kammerstücks entfaltet sich zwischen den Werken und Themen eine Interaktion, die weit mehr als nur einen Schluss zulässt. Das Konzept für das Projekt wurde von den Künstlern entwickelt und in enger Zusammenarbeit mit dem Schaulager unter der Leitung von Heidi Naef, Senior Curator, realisiert.


Zita - Щapa
Kammerstück von Katharina Fritsch und Alexej Koschkarow
12. Juni bis 2. Oktober 2016

Katharina Fritsch: Puppen, 2016. Epoxidharz, Polyurethan, Acrylfarbe; Besitz der Künstlerin. Foto: © Ivo Faber / 2016, ProLitteris, Zurich
Alexej Koschkarow: Das was keinen Namen hat, 2016. Mixed Media; Besitz des Künstlers. Foto: © Tom Bisig, Basel / 2016, ProLitteris, Zuric
Alexej Koschkarow: Schtetl, 2012. Holz und Metall, 113.5 x 121 x 123 cm; Emanuel Hoffmann-Stiftung, Depositum in der Öffentlichen Kunstsammlung Basel. © 2016, ProLitteris, Zurich; Foto: Bisig & Bayer, Basel
Blick in die Ausstellung mit Werken von Katharina Fritsch und Alexej Koschkarow. Besitz der Künstlerin und des Künstlers. © 2016, ProLitteris, Zurich; Foto: Tom Bisig, Basel
Blick in die Ausstellung mit Werken von Katharina Fritsch und Alexej Koschkarow. Besitz der Künstlerin und des Künstlers. © 2016, ProLitteris, Zurich; Foto: Tom Bisig, Basel
Katharina Fritsch und Alexej Koschkarow. Foto: Peter Schnetz, Basel