ZKM

Lorenzstraße 19
D - 76135 Karlsruhe

T: 0049 (0)721 8100 1220
F: 0049 (0)721 8100 1139

E: info@zkm.de
W: http://www.zkm.de/


weitere Ausstellungen

Feministische Avantgarde der 1970er-Jahre

Nov 18, 2017 bis Mär 18, 2018

tn Das ZKM zeigt ab November 2017 mit über 400 Kunstwerken aus der Sammlung Verbund in Wien, wie Künstlerinnen in den 1970er-Jahren zum ersten Mal ein eigenes "Bild der Frau" kollektiv neu kreierten. Da diese wichtige künstlerische Bewegung in der Kunstgeschichte bisher zu wenig Beachtung fand, prägte die Gründungsdirektorin der Sammlung Verbund Gabriele Schor den Begriff "Feministische Avantgarde" und brachte ihn in den kunsthistorischen Diskurs ein, um die Pionierleistung dieser Künstlerinnen hervorzuheben.

Ziel der Themenausstellung im ZKM und des umfassenden wissenschaftlichen Katalogs ist es, den männlich dominierten Kanon der Avantgarden zu erweitern und den Künstlerinnen ihren gebührenden Platz in der Kunstgeschichte zu geben. Das ZKM hat zuletzt der Medienkunstpionierin Lynn Hershman Leeson (2014) eine umfassende Retrospektive gewidmet und 2015 im Rahmen des Karlsruher Festivals "Frauenperspektiven" Highlights aus ZKM-Videosammlung plus Leihgaben präsentiert. Das virtuelle Ausstellungsprogramm trug den Titel "Frauen Video Arbeiten".

In den 1970er-Jahren emanzipierten sich die Künstlerinnen von der Rolle als Muse und Modell, das heißt, sie emanzipierten sich von ihrem Objektstatus hin zu einem selbstbestimmten Subjekt, das aktiv an gesellschaftlichen und politischen Prozessen teilnimmt. Die stereotypen Rollenzuweisungen als Mutter, Haus- und Ehefrau wurden mit den Mitteln der Ironie radikal hinterfragt. Zentrale Themen waren: die Entdeckung weiblicher Sexualität, der Einsatz des eigenen Körpers, das Aufbrechen stereotyper Frauenbilder, das Diktat der Schönheit sowie das Schaffen eines Bewusstseins für Gewalt gegen Frauen. Die Ablehnung tradierter, normativer Vorstellungen davon, wie eine Frau zu leben hat, verbindet das Engagement der Künstlerinnen dieser Generation. "Es ist spannend zu beobachten, dass die Künstlerinnen, ohne sich alle untereinander zu kennen, doch ähnliche Bildstrategien wählten", erklärt Schor.

Die Ausstellung gliedert sich in vier Bereiche:
• Reduktion auf Mutter, Hausfrau und Ehefrau
• Alter Ego: Maskerade, Parodie und Rollenspiele
• Weibliche Sexualität versus Verdinglichung
• Normativität der Schönheit

Vor dem Hintergrund der aufkommenden Bürgerrechts- und Frauenbewegung wurden die Anliegen von Frauen zunehmend öffentlich diskutiert. Eine wichtige Losung war: "Das Private wird politisch". Frauen verschafften sich mit ihren persönlichen und vermeintlich privaten Anliegen vermehrt Gehör in der Öffentlichkeit. Sie bildeten feministische Netzwerke, organisierten Ausstellungsmöglichkeiten, schrieben Manifeste und gründeten zahlreiche Zeitschriften und Magazine. Entgegen der männlich dominierten Malerei setzten sie für ihre Kunst historisch unbelastete Medien wie Fotografie, Video und Film ein und führten Performances und Aktionen auf.

Mittels Kostüm und Maskerade untersuchten die Künstlerinnen alltägliche und historische Klischees und entlarvten Vorstellungen von Identität und Weiblichkeit als gesellschaftliches Konstrukt. Martha Rosler (*1943) überzeichnete die Rolle der für Heim und Herd verantwortlichen Frau. Birgit Jürgenssen hängte sich einen Herd wie eine Küchenschürze um. Cindy Sherman (*1954), Hannah Wilke (1940– 1993), Martha Wilson (*1947) und Marcella Campagnano (*1941) nahmen und nehmen in ihren inszenierten Fotografien weibliche Rollen unter die Lupe.

Lynn Hershman Leeson (*1941) verkörperte mit Roberta Breitmore jahrelang eine fiktive Kunstfigur. Rita Myers (*1947), Ewa Partum (*1945) und Suzy Lake (*1947) hinterfragten in ihren Arbeiten Ideale von Schönheit – mit Ironie wurden Attribute der Makellosigkeit unterwandert. Indem Valie Export in ihrer Aktion Tapp- und Tastkino Passanten am Münchener Stachus aufforderte, in einem vor ihren Oberkörper geschnallten Kasten ihre Brüste zu berühren, thematisierte sie den männlichen Voyeurismus im Film. Oftmals wurde der eigene Körper zum Ausgangspunkt der Kunst. Künstlerinnen wie Ana Mendieta (1948–1985) oder Gina Pane (1939–1990) gingen mit ihren selbstverletzenden Aktionen an die Grenzen körperlicher und psychischer Belastbarkeit.

Künstlerinnen: Helena Almeida (* 1934), Eleanor Antin(* 1935), Anneke Barger (*1939), Lynda Benglis (*1941), Judith Bernstein (* 1942), Renate Bertlmann (*1943), Teresa Burga (* 1935), Marcella Campagnano (*1941), Judy Chicago (* 1939), Linda Christanell (* 1939), Lili Dujourie (*1941), Mary Beth Edelson (* 1933), Renate Eisenegger (* 1949), Valie Export (* 1940), Esther Ferrer (* 1937), Lynn Hershman Leeson (*1941), Alexis Hunter (1948–2014), Sanja Iveković (* 1949), Birgit Jürgenssen (1949–2003), Kirsten Justesen (* 1943), Ketty La Rocca (1938–1976), Leslie Labowitz (* 1946), Katalin Ladik (* 1942), Brigitte Lang (* 1953), Suzanne Lacy (* 1945), Suzy Lake (* 1947), Karin Mack (* 1940), Ana Mendieta (1948–1985), Rita Myers (* 1947), Lorraine O’Grady (* 1934), ORLAN (* 1944), Gina Pane (1939–1990), Letítia Parente (1930–1991), Ewa Partum (* 1945), Friederike Pezold (* 1945), Margot Pilz (* 1936), Ulrike Rosenbach (* 1943), Martha Rosler(* 1943), Suzanne Santoro (* 1946), Carolee Schneemann (* 1939), Lydia Schouten (* 1955), Cindy Sherman (* 1954), Penny Slinger (*1947), Annegret Soltau (*1946), Hannah Wilke (* 1940–1993), Martha Wilson(* 1947), Francesca Woodman (1958–1981), Nil Yalter (* 1938)


Feministische Avantgarde der 1970er-Jahre
18. November 2017 bis 18. März 2018

Ulrike Rosenbach: Art is a criminal action No. 4, 1969. S/W-Fotografie auf Barytpapier; © Ulrike Rosenbach / VG Bild-Kunst, Bonn, 2016 / Sammlung Verbund, Wien
Alexis Hunter: Approach to Fear: Voyeurism (maquette), 1973. Silberbromid-Fotografie, bemalt mit farbiger Tinte (aus einer 12-teiligen Serie); © Alexis Hunter / Courtesy of Richard Saltoun, London / Sammlung Verbund, Wien
Renate Eisenegger: Hochhaus (Nr.1), 1974 (aus einer 4-teiligen Serie). S/W-Fotografie auf Holz kaschiert; © Renate Eisenegger / Sammlung Verbund, Wien
Katalin Ladik: POEMIM (Series A); Novi Sad, 1978. S/W-Silbergelatineabzüge (aus einer 6-teiligen Serie); © Katalin Ladik / acb Gallery, Budapest / Sammlung Verbund, Wien/ Foto: Imre Poth
Eleanor Antin: Portrait of the King, (1972). S/W-Fotografie auf Karton kaschiert, 34,9 x 24,8 cm; © Eleanor Antin / Courtesy of Ronald Feldman Fine Arts, New York / Sammlung Verbund, Wien
Lynn Hershman Leeson: Roberta, Construction Chart #1, (1975). C-Print; © Lynn Hershman Leeson / Sammlung Verbund, Wien