Kunsthaus Zürich

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Ich/Nicht Ich

Nov 27, 2015 bis Feb 28, 2016

tn Vom 27. November 2015 bis 28. Februar 2016 zeigt das Kunsthaus Zürich unter dem Titel "Ich/Nicht Ich" eine Ausstellung zum Thema Selbstporträt. Unter den rund 40 Gemälden, Plastiken, Grafiken, Fotos und Videos aus der Sammlung des Kunsthauses befinden sich Arbeiten von Chuck Close, Lovis Corinth, Urs Fischer, Ferdinand Hodler, Giovanni und Alberto Giacometti, Urs Lüthi, Manon, Cindy Sherman, Gillian Wearing u.v.a.m.

Die Sammlung des Kunsthauses enthält Porträts vom ausgehenden Mittelalter bis in die Gegenwart. Mit dem sich verändernden Rollenverständnis des Künstlers und seiner sozialen Stellung seit der Renaissance wird das Ausloten der eigenen psychischen Befindlichkeit und die Reflexion über sich als Mensch und Künstler über das Selbstporträt zu einem wichtigen Medium. Gastkuratorin Daniela Hardmeier startet bei ihrer Auswahl für die Ausstellung "Bilderwahl!" am Ende des 19. Jahrhunderts. Damals beschleunigten sich der gesellschaftliche und der technologische Wandel. Psychologische Erkenntnisse veränderten die Sicht auf den Menschen und sein Innenleben. "Ich/Nicht Ich" widmet sich dem Künstlerblick auf das Ich, auf die Schärfen und Untiefen der eigenen Existenz. Ausgehend von der vorgefundenen äusseren Gestalt, spielt das Selbstporträt mit den Möglichkeiten von Identitätsgestaltung, welche zunächst im eigenen und dann im Kopf des Betrachters entstehen soll. Dabei werden innere Zustände nach aussen gekehrt oder Gesten und Accessoires symbolisch eingesetzt, um über die Selbstinszenierung ein Bild des eigenen Ich zu vermitteln.

Der Blick von Künstlern auf sich selbst offenbart neben dem idealisierten Selbstbild auch Krisen, Zweifel oder die Konfrontation mit den eigenen Grenzen. Der fixierende Blick sucht die eigene Hülle zu durchbrechen, um das Innere dingfest zu machen. In Giovanni Giacomettis Schaffen hat das Selbstbildnis, wie bei vielen seiner Zeitgenossen, einen hohen Stellenwert. In "Selbstbildnis" (um 1913/14) zeigt er sich dem Betrachter als selbstbewusster Künstler, der seine Stellung gefestigt sieht. Herausfordernd betrachtet er uns über seine Schulter. Die Intensität des Blicks, die starken Farbkontraste und die eingefrorene Bewegung bestimmen dieses Bild. Demgegenüber ist das "Selbstbildnis" (1921) seines Sohnes Alberto von Zurückhaltung und Distanz geprägt. Dennoch setzt sich der erst Zwanzigjährige nicht minder selbstbewusst in Szene: Das formal strenge und überaus durchdachte Bildnis wird zum programmatischen Bild, das einerseits das Ende seiner Ausbildung beim Vater und andererseits seine zeitlebens anhaltende Auseinandersetzung mit der ägyptischen Kunst bezeugt. Nicht zufällig gleicht sein Gesicht dem berühmten Porträtkopf des Echnaton (um 1340 v.Chr.).

Erlaubt das gemalte Bild eine unmittelbare Reaktion des Künstlers auf das Gesehene, ist in der klassischen Fotografie kaum eine Rückkoppelung möglich. Sobald der Auslöser gedrückt ist, sind Ausdruck und Haltung des Modells unumkehrbar mit dem Abbild verknüpft, Eingriffe sind nur noch in der Entwicklung oder durch elektronische Nachbearbeitung möglich. In nüchterner Art, aber nicht emotionslos, richtet Chuck Close in seinem «Self-Portrait» (2000) den Blick auf das eigene Gesicht. In der Gleichbehandlung jeder Partie, Falte und Linie tastet die Kamera die Oberfläche dieses Kopfes ab. Aus der Dunkelheit erscheint so ein Individuum, das sich seiner selbst versichert und mit grosser Offenheit dem Betrachter entgegenschaut. Distanz und Nähe halten sich die Waage, Close lässt uns teilhaben an seiner Erforschung. Sein eindringlicher Blick mag auch damit zusammenhängen, dass er selbst an der Unfähigkeit leidet, Personen anhand ihres Gesichts zu erkennen.

Parallel zu den gesellschaftlichen Veränderungen in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts ändert sich auch der Blick auf das Ich. Über den eigenen Körper wird nicht mehr nur das Selbst, sondern auch das Andere erkundet, Ausprägungen von Geschlecht und gesellschaftlicher Rolle werden hinterfragt oder Extreme ausgelotet. Wenn Urs Lüthi von einer Welt träumt, in der "das Individuelle zum Allgemeinen wird, wo Ambivalenz eine Grundhaltung ist", so spricht er die tiefgreifende Gespaltenheit des modernen Menschen an. In seinem Diptychon "Selbstporträt" (1976) präsentiert er sich als verführerischer, androgyner Jüngling, aber ebenso als dessen Gegenteil. Die offensichtliche Travestie lässt den Betrachter gerne übersehen, dass Lüthi sich zum Stellvertreter stilisiert, der mit den Sehnsüchten, Geschichten und Problemen konfrontiert ist, die wir alle in uns tragen.

Mit ihrem mimetischen Anspruch lässt die Fotografie den Identitätswechsel besonders glaubwürdig erscheinen. Die eigene Inszenierung als andere Person wie sie beispielsweise Cindy Sherman in "Untitled #132" (1984) betreibt, ist jedoch kein neues Phänomen. Sie steht in einer Tradition, die bis zu Rembrandt zurückreicht. Multiple Lebens- und Rollenverständnisse sind heute jedoch omnipräsent, das Diktum "Ich bin viele" gilt heute mehr denn je. "Ich" ist eine Leerstelle, die nach eigenen Prioritäten gefüllt wird, es ist ein selbst produziertes, variables Konstrukt. Im Zentrum von Shermans Werk steht das Bild der Frau, wie es uns in den Medien vorgelebt wird. Die Rollen, die sie verkörpert, repräsentieren weniger die selbstbewusste Behauptung als vielmehr die zweifelnde Frage: Bin ich auch das?

Auch Gillian Wearing schlüpft in ihren Fotografien in die Rolle fremder Personen. Indem sie ihre Werke jedoch betitelt wie "Me as Sander" (2012) und reale Personen imitiert, geht sie einen Schritt weiter. Sie übernimmt mit der Maske nicht nur die äussere Hülle dieser anderen Person, sie scheint sie sich regelrecht einzuverleiben. Dieses Besitzergreifen ist beinahe physisch spürbar und lässt den Betrachter erschauern. Wohin führt diese Aneignung? Zur Auslöschung des Eigenen oder des Anderen? Zur Verschmelzung zu einem neuen Ich? Dies alles sind Fragen, die sich in unserer hochtechnisierten und zunehmend virtualisierten Welt immer dringlicher stellen und der viele weitere Künstler in der Ausstellung nachgehen.


Ich/Nicht Ich
27. November 2015 bis 28. Februar 2016

Urs Lüthi: Selbstporträt, Diptychon, 1976. Fotoleinwand, je 119 x 90 cm; Kunsthaus Zürich, © Urs Lüthi
Giovanni Giacometti: Selbstbildnis, um 1913/14. Öl auf Leinwand, 65 x 50 cm; Kunsthaus Zürich, Legat Bruno Giacometti, 2012
Cindy Sherman: Untitled #132, 1984. Farbfotografie, 176,3 x 119,2; Kunsthaus Zürich, © Cindy Sherman
Alberto Giacometti: Selbstbildnis, 1921. Öl auf Leinwand, 82,5 x 70 cm; Kunsthaus Zürich, Alberto Giacometti-Stiftung. © 2015 Succession Alberto Giacometti/ ProLitteris, Zürich
Gillian Wearing: Me as Sander, 2012. C-type Print, gerahmt (dunkelblauer Holzrahmen), 156,4 x 107,5 x 3,4 cm; Kunsthaus Zürich, © Gillian Wearing
Chuck Close: Self-Portrait, 2000. Digitaler Ink-Jet-Print einer Daguerreotypie auf Crane Muséo-Papier, 39,5 x 30,4 cm; Fotosammlung Kunsthaus Zürich, Geschenk Ursula Hauser. © Chuck Close