Städel Museum

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Frankfurter Städel zeigt französische Lithografien des 19. Jahrhunderts

Jun 22, 2017 bis Sep 10, 2017

tn Mit der Erfindung des völlig neuen Steindruckverfahrens brach Ende des 18. Jahrhunderts auch eine neue Epoche der Vervielfältigung von Bildern an. Die gestalterischen Möglichkeiten waren im Vergleich zu den älteren Techniken wesentlich größer, das Drucken wurde schneller, und die Auflagenzahlen erhöhten sich. In Frankreich experimentierten bedeutende Künstler seit etwa 1820 mit dem neuen Verfahren und erweiterten im Verlauf des 19. Jahrhunderts in entscheidendem Maße die damit verbundenen künstlerischen Möglichkeiten.

Das Spektrum der ausgestellten Arbeiten umfasst ausdrucksvolle Kompositionen Théodore Géricaults, eine der seltenen Lithografien, die Goya während der 1820er-Jahre im Exil in Bordeaux schuf, Eugène Delacroix’ Goethe- und Shakespeare-Illustrationen oder Honoré Daumiers politische und gesellschaftliche Stellungnahmen in Zeitungskarikaturen. Ebenso präsentiert werden Édouard Manets virtuose Erfindungen, die symbolistischen Werke Rodolphe Bresdins und Odilon Redons sowie Meisterwerke der Farblithografie von Henri de Toulouse-Lautrec und den "Nabis" Édouard Vuillard und Pierre Bonnard, die Ende des 19. Jahrhunderts entstanden. Die rund 90 gezeigten Blätter der Ausstellung stellen Höhepunkte aus dieser Zeit und in dieser Technik dar und geben einen Einblick in die qualitätsvollen Bestände der Graphischen Sammlung im Städel. Zu sehen sind auch 15 Neuerwerbungen, die das Museum in den letzten Jahren tätigen konnte.

Die Lithografie ist eine Erfindung des Münchners Alois Senefelder aus dem Jahr 1798. Im Gegensatz zu Hoch- und Tiefdruck (Holzschnitt, Kupferstich) ist sie ein Flachdruckverfahren. Die druckenden und die nicht druckenden Partien liegen auf der gleichen Ebene und werden chemisch, durch den Gegensatz von Fett und Wasser, voneinander getrennt. Dazu wurde im 19. Jahrhundert ein feinporiger Kalkstein als Druckplatte verwendet, der die für das Verfahren notwendigen physikalischen Eigenschaften besaß. Das Druckbild wurde auf den plan geschliffenen Stein gezeichnet. Dabei konnte frei mit Kreide, Feder oder Pinsel gearbeitet werden, wodurch die gestalterischen Möglichkeiten sehr groß waren. Mithilfe der Lithografie konnten hohe Auflagenzahlen in kurzer Zeit erzielt werden; dieses Verfahren war eine der technischen Grundlagen für die industrielle Vervielfältigung von Bildern, wie sie sich im Lauf des 19. Jahrhunderts entwickelte. Zu Beginn wurde die Lithografie vor allem zum Druck von Landkarten und Musiknoten verwendet (Senefelder selbst war Sänger, Musiker und Komponist), im frühen 19. Jahrhundert dann mehr und mehr für bildliche Aufgaben, vor allem in den Bereichen Illustration, Karikatur und Reproduktion. Erste künstlerisch bedeutende Lithografien entstanden im zweiten Jahrzehnt des Jahrhunderts vor allem in Frankreich.

"Géricault bis Toulouse-Lautrec. Französische Lithografien des 19. Jahrhunderts" eröffnet mit Francisco de Goya (1746–1828). Dieser war bereits über 70 Jahre alt, als er begann, Werke in der neuen Drucktechnik der Lithografie zu schaffen. Nachdem Goya sich 1824 vor den Repressionen der spanischen Restaurationsregierung in das südfranzösische Bordeaux zurückgezogen hatte, entstanden die vier Blätter der Folge "Die Stiere von Bordeaux" (1825), die einzigen in einer Auflage (von jeweils 100 Exemplaren) gedruckten Lithografien des Künstlers. Goya zeichnete direkt mit der Kreide auf den Stein und schuf mit der Reihe frühe Meisterwerke in der neuen Technik. Eines dieser heute seltenen und gesuchten Blätter konnte 2013 für das Städel Museum erworben werden.

Théodore Géricault (1791–1824) fertigte in den wenigen Jahren bis zu seinem frühen Tod neben Gemälden und Zeichnungen fast achtzig Lithografien und nutzte das Medium vielfach für druckgrafische Experimente, darunter die monumentale "Retour de Russie" (Rückkehr aus Russland, 1818). Aus demselben Jahr wie diese stammt auch das seltene Blatt "Boxeurs" (Faustkämpfer), welches zu den frühen grafischen Hauptwerken Géricaults zählt. Darauf stellt der Künstler, der sich aktiv für die Sklavenbefreiung einsetzte, den schwarzen und den weißen Boxer als gleichberechtigte Kämpfer dar. In den Jahren 1820 und 1821 hielt Géricault sich in London auf und veröffentlichte bei dem dort ansässigen Drucker Charles Hullmandel (1789–1850), einem bedeutenden Pionier der Lithografie, die Folge der "Various Subjects" (Verschiedene Motive, 1821).

Nach Goya und Géricault ist Eugène Delacroix (1798–1863) die dritte bedeutende Künstlerpersönlichkeit auf dem Feld der frühen Lithografie. Um 1825 begann Delacroix in dieser Technik dynamisch und innovativ eigenständige Werke neben seiner Malerei zu schaffen. So beschäftigten ihn in seinen Lithografien beispielsweise die dämonischen Aspekte in Shakespeares Macbeth und Hamlet oder in Goethes Faust (in den 1820er-Jahren schuf er allein 17 lithografische Illustrationen zu diesem Theaterstück) sowie die Schönheit und Grausamkeit der wilden Tiere, wie in "Lion de l’Atlas" (Atlas-Löwe, 1829).

Eng verbunden mit der Erfindung der Lithografie war das Aufblühen von Reisebildern, von topografischen Illustrationen. Unter dem Einfluss englischer Vorbilder verbreitete sich das Genre ab 1820 in Frankreich. Ansichten sehenswürdiger Orte ließen sich nicht nur schnell und ökonomisch, sondern auch mit dem Anschein großer Authentizität bis hin zu nahezu fotografischen Wirkungen produzieren und erschienen beispielsweise in den eindrucksvollen Bänden der "Voyages pittoresques et romantiques dans l’ancienne France" (Pittoreske und romantische Reisen im alten Frankreich). In diesen sollten alle Natur- und Kulturdenkmäler Frankreichs veröffentlicht werden. An Reisebilder von Richard Parkes Bonington (1802–1828) oder Eugène Isabey (1803–1886/1887) schließt sich in der Ausstellung das Genre der Zeitungsillustrationen an, denn das neue Verfahren der Lithografie erlaubte es versierten Zeichnern, mit geringem Aufwand effektvolle und gut verkäufliche Grafiken auf den Markt zu bringen, vor allem auch in den Bereichen von Illustration und Karikatur.

Deren prominentester und vielseitigster Vertreter im Frankreich des 19. Jahrhunderts war zweifelsohne Honoré Daumier (1808–1879). Ohne akademische Ausbildung gelangte Daumier über die Lithografie und das Aufkommen der illustrierten satirischen Zeitung zu seinem Beruf: Mehr als vier Jahrzehnte verdiente er sich seinen Lebensunterhalt mit Zeitungskarikaturen, zunächst politischer, später aufgrund einer strikteren Gesetzeslage stärker gesellschaftlich-sittlicher Natur. So umfasst sein Gesamtwerk die beeindruckende Zahl von etwa 4000 Lithografien, denen ein ebenso zeitgeschichtlicher Charakter wie hoher und bleibender künstlerischer Wert eigen ist.

Édouard Manet (1832–1883) hat mit der Technik der Lithografie in nur wenigen Jahren in erstaunlicher und eigenwilliger Art gearbeitet und dabei ein Höchstmaß an formaler Freiheit erreicht. Dies wird unter anderem in den ausgestellten Werken "Les courses" (Pferderennen in Longchamp, 1872) oder seinem Bildnis "Berthe Morisot" (1872) deutlich. Der dem Symbolismus zuzuordnende Odilon Redon (1840–1916) hat mit seinen insgesamt rund 200 Lithografien einen entscheidenden Schritt in der Entwicklung der Drucktechnik zur autonomen Künstlergrafik getan. Er arbeitete in seinen Werken in herausragender Weise die Schwärze, der er eine unverwechselbare, samtene Stofflichkeit verlieh, als besondere Stärke und Eigenheit der Lithografie heraus. Davon zeugt beispielsweise "Pégase captif" (Der gefesselte Pegasus, 1889).

Das Aufkommen der Farblithografie belebte Ende des 19. Jahrhunderts die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Medium neu: Zu einer erneuerten Wertschätzung der Künstlergrafik trug vor allem die Tatsache bei, dass es zu dieser Zeit in der sich schnell entwickelnden Pariser Großstadtgesellschaft ein immer breiteres Publikum mit kulturellen Interessen gab. Dieses begann auch mit bescheideneren Mitteln zu sammeln und wollte auf diese Weise an der zeitgenössischen Kunstproduktion teilhaben. Der Kunsthändler Ambroise Vollard (1865–1939) verstand es ausgezeichnet, sich auf die neue Klientel einzustellen und veranlasste in den 1890er-Jahren sowohl Paul Cézanne (1839–1906) als auch Auguste Renoir (1841–1919), mit der Farblithografie zu arbeiten.

Zur gleichen Zeit beauftragte Vollard die noch jungen Künstler Pierre Bonnard (1867–1947) und Édouard Vuillard (1868–1940), Maurice Denis (1870–1943) und Ker Xavier Roussel (1867–1944), jeweils ein lithografisches Mappenwerk zu erstellen, mit dem Ziel, die Bekanntheit der Künstler zu steigern. Bonnard fertigte seine Mappe unter dem Titel "Quelques aspects de la vie de Paris" (1895–1899) an. In ihr schildert er ausschnitthaft und aus privater Sicht unspektakuläre, alltägliche Gegenden und Situationen, die den Charme und Humor des Vertrauten besitzen. Vuillards Zusammenstellung "Paysages et intérieurs" (1899) beweist dessen ausgeprägten Sinn für Oberflächenstrukturen, die jedoch nie materiell wirken und entscheidend zum Eindruck von Dichte und Konzentration beitragen. In der Ausstellung sind die komplette Folge der 13 Blätter Vuillards sowie Auszüge aus den Mappenwerken von Bonnard, Denis und Roussel zu sehen.

Den Abschluss der Präsentation bildet Henri de Toulouse-Lautrec (1864–1901), der insgesamt nicht weniger als 350 mehrfarbige und schwarzweiße Lithografien schuf. Die Lithografie trat bei ihm als künstlerisches Ausdrucksmittel gleichberechtigt neben die Malerei und begründete mehr noch als diese seine Bekanntheit zu Lebzeiten und seine Popularität bis heute. Dabei kümmerte sich Toulouse-Lautrec generell wenig um Unterschiede zwischen freier und angewandter Kunst: Seine lithografischen Werke entstanden für Plakate, Menükarten oder Theaterprogramme ebenso wie als autonome Auflagendrucke, die an ein wachsendes Liebhaberpublikum verkauft wurden.


Géricault bis Toulouse-Lautrec
Französische Lithografien des 19. Jahrhunderts
22. Juni bis 10. September 2017

Honoré Daumier (1808–1879): Rue Transnonain, le 15 avril 1834, 1834
Honoré Daumier (1808–1879): Baissez le Rideau, La Farce est Jouée (Senkt den Vorhang, die Posse ist gespielt, erschienen in La Caricature, 11. September 1834), 1834
Théodore Géricault (1791–1824): Boxeurs, 1818
Francisco de Goya (1746–1828): El famoso Americano, Mariano Ceballos, 1825
Édouard Manet (1832–1883): Les courses (Pferderennen in Longchamp), 1865–70/1884
Édouard Vuillard (1868–1940): L'Avenue (Blatt 2 der Folge 'Paysages et intérieurs'), 1899
Henri de Toulouse-Lautrec (1864–1901): La Passagère du 54 – Promenade en yacht, 1896
Henri de Toulouse-Lautrec (1864–1901): Mademoiselle Marcelle Lender, en buste, 1895