Museum für Gestaltung – Schaudepot

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Film Implosion! Schweizer Filmexperimente

Feb 4, 2017 bis Apr 9, 2017

tn Die erste grosse Ausstellung über das Experimentalfilmschaffen beleuchtet im Museum für Gestaltung eine bisher wenig bekannte Seite der Schweizer Filmgeschichte. "Film Implosion!" zeigt, wie Gestalter ab den 1960er Jahren mit den gängigen Regeln des Filmemachens brachen. In der Schau erleben Besucher*innen eine Zeitreise durch die radikale Kreativität der 1960er bis 1980er Jahre. Die rund zwanzig präsentierten 16mm- und Super-8-Filme, die bisher nie oder nur selten öffentlich gezeigt wurden, stammen von ganz unterschiedlichen Gestaltern und Künstlern wie Véronique Goël, Dieter Meier, Fredi M. Murer, Dieter Roth oder H. H. K. Schoenherr. Neben diesen Filmen zeigt die Ausstellung eine Vielzahl von Videoproduktionen, Installationen, Objekten und Plakaten.

In ihrer vielschichtigen und überbordenden Dynamik ist die Schweiz in diesem Schaffensbereich einzigartig. Für die Gestalter steht der Experimentalfilm nicht selten am Anfang eines Werdegangs, der in anderen Gattungen ihren Fortgang fand: im Dokumentarfilm, im Erzählkino oder in der zeitgenössischen Kunst. Das Experimentalfilmschaffen in der Schweiz ist demnach nicht nur eine Gattung innerhalb seines Mediums, sondern auch und vor allem Ausdruck einer bestimmten Herangehensweise im kreativen Prozess.

Die Ausstellung versammelt Dokumentarfilme, deren Konzept, Dreh und Schnitt von einem von gesellschaftlichen Zwängen befreiten Geist geprägt sind, aber auch Werke, die der zeitgenössischen Kunst zuzuordnen sind. Zu den für den jeweiligen Ansatz ihrer Macherinnen und Macher richtungsweisenden frühen Werken zählt "Chicorée" (1966), ein traumartiges, surrealistisches Porträt des Poeten und Aktivisten Urban Gwerder, einem Protagonisten der damaligen Gegenkultur, realisiert von Fredi M. Murer, den man für seine Spielfilme wie "Höhenfeuer" kennt. Bei "Play 2 & 3" (1968) machte H. H. K. Schoenherr seine Familie zum Thema seines Konzeptfilms. Das Video "I’m Not The Girl Who Misses Much" (1986) von Pipilotti Rist ist geprägt durch das spielerisch-präzise Provozieren von Bildstörungen aller Art.

Manche Gestalter wirkten gar direkt auf das Filmmaterial selbst ein, indem sie seine Grundelemente zersetzten – das Licht, die Dunkelheit und schliesslich die Filmrolle selbst – und stellten so den illusionistischen Charakter des Films in Frage. In "Noel Street" (1975) zeichnete John M. Armleder zusammen mit der Gruppe ECART direkt auf das 16mm-Filmmaterial, das sie auf der gleichnamigen Strasse in London gefunden hatten. Bei "Jalousie" (1967) kratzte Hans-Jakob Siber in die Filmemulsion, bei "Dot" (1960) perforierte Dieter Roth den Filmstreifen und die Installation "Film Streifen" (1979) von Urs Breitenstein schliesst den Betrachter gleich in den Lichtstrahl des Projektors mit ein.

Die Filme, die um die Welt gingen, sind gute Beispiele dafür, dass der Experimentalfilm in der Schweiz oft von Kunstschaffenden realisiert wurde, für die das Medium Film nur eines von vielen Experimentierfeldern war. In den 1960er Jahren wagten sich viele Maler an formale Experimente mit Filmen heran – so zum Beispiel Peter Stämpfli, bekannt für seine riesigen Pop-Art-Gemälde, der auch Super-8-Filme drehte. Daniel Spoerri realisierte "Resurrection" (1968), der den Weg eines Steaks im Rückwärtslauf zeigt, im selben Jahr, in dem er in Düsseldorf ein Restaurant eröffnete.

All diese einzigartigen Werke stehen im Dialog miteinander. In der Ausstellung kann die Atmosphäre der stimmungsvollen Anlässe des Expanded Cinema der 1960er Jahre neu erlebt werden – einer Zeit, in der diese Filme niemals gemäss den klassischen Regeln der Filmvorstellung gezeigt wurden. Bisweilen wurden sie als Serie mehrerer Werke gleichzeitig projiziert, bisweilen während eines Konzerts oder anderer Performances. So erleben die Besucherinnen und Besucher in der Ausstellung unterschiedliche Präsentationsweisen, mit denen der Vielfalt an suggerierten Interpretationen und Eindrücken Rechnung getragen wird. Abtauchen in eine Welt der Bilder und Klänge: Film Implosion! bietet ein intensives visuelles Erlebnis.


Die Ausstellung wurde ermöglicht durch ein SNF-Forschungsprojekt, unter der Leitung von François Bovier, Adeena Mey, Thomas Schärer und Fred Truniger. Sie entstand in Zusammenar-beit mit dem Institute for the Performing Arts and Film der Zürcher Hochschule der Künste, der Section d'histoire et esthétique du cinéma der Universität Lausanne, der Hochschule Luzern – Design & Kunst und der Kunsthalle Fri Art Fribourg, wo die Ausstellung ab November 2015 zu sehen war.

Film Implosion! Schweizer Filmexperimente
4. Februar bis 9. April 2017

HHK Schoenherr: Play 2 & 3, 1968; © Sigrid Schoenherr
René Bauermeister und Charles-André Voser: Point Zéro, 1971; © Fonds d'art contemporain de la Ville de Genève
John Armleder und ECART: Noel Street, 1975; © Fonds d'art contemporain de la Ville de Genève
Peter Stämpfli: Firebird, 1969; © Peter Stämpfli
Pipilotti Rist: I’m Not The Girl Who Misses Much, 1986; © Pipilotti Rist