Museum Tinguely

Paul Sacher-Anlage 1
CH - 4002 Basel

T: 0041 (0)61 68193-20
F: 0041 (0)61 68193-21

E: infos@tinguely.ch
W: http://www.tinguely.ch/


weitere Ausstellungen

RE-SET. Aneignung und Fortschreibung in Musik und Kunst seit 1900

Feb 28, 2018 bis Mai 13, 2018

tn Die interdisziplinäre Ausstellung im Museum Tinguely widmet sich dem facettenreichen Thema der kreativen Bearbeitung in der Musik des 20. Jahrhunderts sowie der Gegenwartskunst. Vom 28. Februar bis 13. Mai 2018 sind Musikhandschriften und Kunstwerke, die inhaltlich, strukturell oder konzeptuell bereits existierende Arbeiten aufgreifen, umformen, paraphrasieren oder auch demontieren, zu sehen.

nhaltlich und räumlich teilt sich die Ausstellung in zwei Bereiche. Der Hauptfokus liegt auf dem musikalischen Teil, der sich in vier Abteilungen gliedert: Fremdbearbeitungen, Eigenbearbeitungen, Anknüpfungen an Volksmusik sowie populäre Adaptionen. In dieser einmaligen Schau sind rund 180 Musikhandschriften, Briefe, Tonaufnahmen, Instrumente sowie Bild- und Filmdokumente aus der Paul Sacher Stiftung, einem der weltweit renommiertesten Forschungszentren für die Musik des 20. und 21. Jahrhunderts, zu sehen. Die Exponate stammen von so bekannten Komponisten und Interpreten wie Igor Strawinsky, Anton Webern, Edgard Varèse, Pierre Boulez, Luciano Berio, Sofia Gubaidulina, György Ligeti, Wolfgang Rihm, Heinz Holliger und Steve Reich. Sie verdeutlichen die verschiedenen Aspekte kreativer Bezugnahme in charakteristischen und attraktiven Fallbeispielen, in denen zentrale Figuren der Musikgeschichte auftreten – von Bach bis zu den Beatles, von Debussy bis Disney. Die Vielfalt der Exponate sowie die auf einem Tablet zur Verfügung gestellten Bild- und Tondokumente lassen ein lebendiges Bild der künstlerischen Bearbeitung in der Musik seit 1900 entstehen.

Der kunsthistorische Prolog zur Ausstellung richtet den Fokus auf Marcel Duchamps ikonische Idee des Readymades, die seit den 1960er-Jahren von einer beispiellosen Welle der Rezeption erfasst worden ist. Die Frage wird aufgegriffen, wie Duchamps Konzept als künstlerische Strategie vereinnahmt wird und als Katalysator neuer Werke dient. Neben Arbeiten von John Baldessari, Marcel Duchamp, Hans Haacke, Sherrie Levine und Jean Tinguely zeigen wir aktuelle Positionen von Saâdane Afif, Pierre Bismuth und der walisischen Künstlerin Bethan Huws.

Eigentümlich fremd – Komponisten im Dialog mit ihren Kollegen Sich mit historischen Vorbildern zu beschäftigen, gehört in der Musik – wie in den anderen Künsten auch – seit Jahrhunderten zur Ausbildung des eigenen kompositorischen Handwerks. Dabei geht es meistens darum, von den «Alten» zu lernen, um es danach anders oder gar besser zu machen. Komponistinnen und Komponisten nehmen auch im 20. Jahrhundert immer wieder gedruckte Werke ihrer Vorgänger zur Hand, um sie zu studieren oder umzuarbeiten, seien es die Grossen der Musikgeschichte oder Geheimtipps, die es zu entdecken gilt. Mauricio Kagel prägte den markanten Satz: «Es mag sein, dass nicht alle Musiker an Gott glauben; an Bach jedoch alle». «RE-SET» präsentiert Reverenzen, aber auch kritische Reaktionen auf das Monument Bach von Anton Webern, Igor Strawinsky, György Kurtág, Sofia Gubaidulina wie von Kagel selbst. Auf der Suche nach neuen Klangwelten blicken Komponisten mitunter bis ins Mittelalter zurück: Harrison Birtwistle, Salvatore Sciarrino und Heinz Holliger finden in Guillaume de Machaut einen inspirierenden Kollegen. Andere lassen sich von dem als Gatinnenmörder verrufenen Carlo Gesualdo anregen; «RE-SET» zeigt, wie Igor Strawinsky, Peter Eötvos, Sciarrino und Klaus Huber dessen harmonisch kühne Vokalsätze weiterdenken. An Instrumentationen von Klavierminiaturen Arnold Schönbergs lässt sich beobachten, wie Lehrlinge und erfahrene Tonsetzer Klangfarben einsetzen. Ein prächtiges Beispiel für einen kompositorischen Freundschaftsdienst findet sich schliesslich in Claude Debussys Orchestrierung der Gymnopédies von Erik Satie.

Definitiv entwicklungsfähig – Das Potential der Eigenbearbeitung Es ist zwar eine gängige Vorstellung, dass Komponisten ein Werk nach dem anderen schreiben, das jedes für sich abgeschlossen ist. Doch ein tieferer Einblick in die musikalischen Schaffensprozesse zeigt, dass dem gerade im 20. Jahrhundert keineswegs immer so war. Komponisten haben häufig auf ihre eigenen Werke zurückgegriffen, und zwar aus ganz unterschiedlichen Gründen. Mancher will ein früher geschriebenes Werk nach neuen Vorstellungen verbessern, wie es beispielsweise Anton Webern und Edgard Varèse gemacht haben. Einer der aktivsten Selbstbearbeiter ist Igor Strawinsky, was sich anschaulich an seinem Feuervogel, 1910, zeigen lässt: Aus der ursprünglich geschriebenen Ballett-Musik erstellte er mehrere Suiten für den Konzertgebrauch, dann nahm er wieder einzelne Teile heraus und arbeitete sie zu Bravourstücken für Geige um. Und 1929 spielte er selbst eine Klavier-Fassung des Stücks ein, damit es, auf Papierrollen vervielfältigt, für Selbstspielklaviere verwendet werden konnte. Andere Komponisten wie z.B. Bruno Maderna oder Mauricio Kagel greifen nur einzelne Teile aus früheren Werken heraus und setzen sie, wie Bausteine, in ein neues Werk ein. Und schliesslich liegt ein dezidiert modernes Schaffensprinzip beim sogenannten work-in-progress vor: Bestimmte Ideen können Komponisten immer wieder umtreiben, sie «gären» gleichsam innerlich und werden in einer ganzen Reihe von Werken unterschiedlich umgesetzt. Das zeigt sich etwa bei Pierre Boulez, György Ligeti oder Wolfgang Rihm.

Urvordenklich modern – Anbindungen an die Volksmusik Seit Jahrhunderten ist Volksmusik eine Inspirationsquelle für Komponisten. Im 20. Jahrhundert erhält traditionelle Musik aber durch den ethnologischen Blick und durch die technische Aufzeichnungsmöglichkeit des Phonographen ein neues, starkes Gewicht. Komponisten entdecken die Volksmusik als authentisches, um nicht zu sagen frisches Material für Kompositionen im Zeichen der Moderne. Als einer der ersten sammelt Béla Bartók Volksmelodien in Südosteuropa, mit wissenschaftlicher Akribie, aber auch um sie zur Basis seiner eigenen Kompositionen zu machen. In seinen Fussstapfen betreibt auch der 1949 in die Schweiz emigrierte Sándor Veress intensive Feldforschung und arrangiert zahlreiche Volkslieder. Andere greifen indessen auf publizierte Sammlungen von Volksmusik zurück, so der Pole Witold Lutosławski in seinem populären Konzert für Orchester oder Darius Milhaud und Stefan Wolpe, die in den Liedern der Ostjuden ihre Wurzeln entdecken. Nach dem zweiten Weltkrieg und erst recht seit den 1960er Jahren öffnet sich der Blick weit über Europa hinaus. Luciano Berio skizziert mit seinen Folk Songs gleichsam eine musikalische Weltreise, und Steve Reich studiert in Ghana afrikanische Trommelkunst, eine Erfahrung, aus der sein legendäres Kultstück Drumming hervorgeht. Einer fiktiven Volksmusik, die sich von trivialisierter Schweizer Ländlermusik ironisch distanziert und sich mit experimentellen Klängen mischt, begegnen wir in Heinz Holligers Alb-Chehr, einer «Geischter- und Älplermüsig» für die Oberwalliser Spillit, die eine Sage aus dem Wallis aufgreift.

Unterschwellig elitär – Popularisierung und Nobilitierung Komponisten des 20. Jahrhunderts haben an Jazz und populäre Musik weniger oft angeknüpft, als sie es mit Stücken aus der Musikgeschichte oder mit Volksmusik taten. Ein gewichtiger Grund für diese Zurückhaltung mag in den gegensätzlichen Strukturprinzipien liegen: Wo die Konzertmusik des 20. Jahrhunderts zu grossen Teilen auf tonale Gebundenheit und regelmässige Rhythmik verzichtet, stellen diese für populäre Musikarten Grundpfeiler der Gestaltung dar; und wo sich in der musikalischen Avantgarde vor allem nach 1945 eine Ästhetik aufgebrochener Klangverläufe durchsetzt, hält die populäre Musik an den grundlegenden Schichten von Melodie und Begleitung fest. Dennoch kam es immer wieder zu Bearbeitungen und Adaptionen populärer Musik, die nicht selten gewichtige und höchst überraschende Beispiele hervorbrachten, so etwa, wenn Dmitri Schostakowitsch den Schlager Tea for Two instrumentiert, wenn Conlon Nancarrow sich Boogie-Woogie-Patterns zunutze macht oder Louis Andriessen und Luciano Berio Stil-Parodien von Beatles-Songs erstellen. Und nicht zu vergessen ist in diesem Zusammenhang die Bearbeitung von Musik zum Zweck ihrer medialen Verwendung, vor allem im Rahmen von Kinofilmen. Dass beispielsweise Igor Strawinskys Sacre du printemps oder György Ligetis Atmosphères für Soundtracks adaptiert wurden, brachte ihnen eine mediale Verbreitung und Popularisierung ein, die sie als Ballett- oder Konzertmusik kaum je erlangt hätten.

Kunstgeschichte ist per se ein komplexes System von Zitaten und Wiederholungen von schon vorhandenen Motiven und deren gleichzeitiger kreativer Umformung und Neuinszenierung. Grundsätzlich war Kunst seit jeher kopierbar, doch nie waren das Reproduzieren und die Neubearbeitung von Inkunabeln der Kunstgeschichte wie auch von alltäglichen Bildwelten so einfach wie heute. Der kunsthistorische Prolog der Ausstellung «RE-SET» konzentriert sich auf die Frage, wie Marcel Duchamps ikonische Idee des Readymades als Katalysator neuer Werke dient. Der Begriff des Readymades als ein schon vorhandener, vorfabrizierter Alltagsgegenstand, der allein durch die Geste seiner Auswahl zur 'fertig vorgefundenen Skulptur' erklärt wird, war von Duchamp Anfang der 1910er-Jahre nur als konzeptuell existierende Idee formuliert worden. Exemplarisch markierte dieses Konzept das Ende aller bis dahin gültigen traditionellen Parameter des künstlerischen Schaffens: individuelle Autorenschaft, handwerkliche Könnerschaft, Einzigartigkeit und damit die Idee des Meisterwerks, die Unterscheidung von Original und Kopie, all diese Begriffe wurden radikal in Frage gestellt. In den 1960er-Jahren waren diese Parameter von höchster Brisanz auf dem Weg hin zum offenen Kunstwerk. Zahlreiche Künstler/Innen erklärten das Readymade-Prinzip zum Katalysator ihres Schaffens. Dabei wurde es mehrfach umgedeutet, verselbständigte sich und wurde schliesslich mit dem Begriff des objet trouvé gleichgesetzt.

Die Liste der Künstler und Künstlerinnen, die sich bis zur Gegenwart darauf beziehen, ist lang. Unsere Präsentation versteht sich deshalb als mind opener und zeigt eine konzentrierte Auswahl. Zu Beginn der Ausstellung steht Marcel Duchamps Boîte-en valise, ein tragbares Minimuseum seines OEuvres, das zwischen 1941 und 1968 in insgesamt sieben Serien aufgelegt wurde. Die Arbeiten von Sherrie Levine Fountain (Buddha), 1996, sowie Baudrichard’s Ecstasy, 1988, des deutschen Künstlers Hans Haacke funktionieren wie visuelle Schmelztiegel, in denen mehrere motivische und inhaltliche Verweise auf Werke anderer Künstler zu einem neuen Kunstwerk zusammenfliessen. Mit einer simplen und ironischen Geste verändert Pierre Bismuth in Gucci Traveler's Folding Item, 2012, bestehende Bedeutungscodes und verunsichert damit unsere Wahrnehmung und ästhetische Beurteilung von Kunst. Auch John Baldessari thematisiert in Repository, 2002, die Differenz von Wiederholung und Wiederholtem. Die wechselseitige Einbeziehung verschiedener Inspirationsquellen und Medien dienen bei Saâdane Afif wiederum als Katalysator seiner oft interdisziplinär angelegten Projekte, die von längeren konzeptuellen Arbeitsprozessen geprägt sind. Seine Arbeit Fontaine-1917, 2017/2018, ist erstmals vollständig in Basel zu sehen. Neben der raumgreifenden Installation Forest, 2008/2009, der walisischen Künstlerin Bethan Huws sind auch andere ihrer Arbeiten aus den letzten Jahren zu sehen, die von ihrer intensiven Auseinandersetzung mit Marcel Duchamp zeugen.

RE-SET: Aneignung und Fortschreibung in Musik und Kunst seit 1900
28. Februar bis 13. Mai 2018

Mauricio Kagel: Ludwig van, 1969, Musikzimmer. © Paul Sacher Stiftung, Basel. Sammlung Mauricio Kagel; Foto: Gisela Clausen
Marcel Duchamp: De ou par Marcel Duchamp ou Rrose Sélavy (La Boîte en Valise), 1966–1971. Serie G, 41 x 38.5 x 9.5 cm (Association Marcel Duchamp/2018, ProLitteris, Zürich; Foto © Courtesy Galerie Ronny van de Velde, Antwerpen)
Bethan Huws: Forest, 2008–09. 88 Flaschentrockner, Neon-Objekt, Masse variabel; Installationsansicht Courtesy of the artist & Galerie Tschudi, Zuoz. © 2018 Bethan Huws, ProLitteris, Zürich/Foto: Charles Duprat, Paris
No no Nanette, Umschlag einer deutschen Ausgabe des Musical-Hits Tea for Two, den Dmitri Schostakowitsch 1927 als Tahiti-Trott orchestrierte. © 2018 Paul Sacher Stiftung, Basel; Foto: bildpunkt, Basel
Edgard Varèse, Amériques für grosses Orchester, 1918-1922. Druckausgabe der Partitur mit handschriftlichen Korrekturen, Überklebungen und Streichungen; Paul Sacher Stiftung, Basel, Sammlung Edgard Varèse. © 2018 Paul Sacher Stiftung; Foto: Bildpunkt
Béla Bartók beim Transkribieren von Volksmelodien, 1910er Jahre. Bartók Archívum, Budapest